# taz.de -- Neuer Ärger in Göttinger Wohnkomplex: Warmwasser abgedreht
       
       > Die Göttinger Stadtwerke kappen Wärmeversorgung für Hunderte Bewohner
       > eines Wohnkomplexes. Die Grünen zeigen sich offen für Enteignung.
       
 (IMG) Bild: Um den Plattenbaublock an der Groner Landstraße in Göttingen steht es nicht gut: Jetzt ist noch das warme Wasser weg
       
       Die Probleme im Wohnkomplex Groner Landstraße 9 in Göttingen reißen nicht
       ab. Nachdem der neue Mehrheitseigentümer Anfang August [1][Räumungsklagen
       gegen 118 Mietparteien angekündigt] hatte, haben die Göttinger Stadtwerke
       jetzt die Fernwärmeversorgung für die marode Immobilie gekappt. Somit
       können die Bewohnerinnen und Bewohner derzeit weder heizen – was angesichts
       der aktuellen Temperaturen zu verkraften wäre – noch warm duschen.
       
       Über die Unterbrechung der Fernwärme hatten der taz mehrere Mieter des
       Wohnkomplexes berichtet. Dies sei nicht durch Aushänge angekündigt worden.
       Am Donnerstag bestätigten die Stadtwerke die Maßnahme auf taz-Anfrage. „Wir
       haben die Fernwärmeversorgung am Montag, 24. August, um 8 Uhr
       unterbrochen“, sagte Stadtwerke-Sprecher Jan-Erik Iffland. Grund seien
       ausstehenden Zahlungen der Wohneigentümergemeinschaft (WEG).
       
       Außer mit Fernwärme und Erdgas versorgen die Stadtwerke die Kommune mit
       Trinkwasser, zudem bieten sie Ökostrom aus Wasserkraft und
       Photovoltaikanlagen an und betreiben zwei Parkhäuser in der City. Das
       Unternehmen gehört zu 50,1 Prozent der Stadt Göttingen, weitere Eigentümer
       sind die Gelsenwasser AG und die Energie Aktiengesellschaft
       Mitteldeutschland (EAM).
       
       ## Sanierung versprochen
       
       Der Gebäudekomplex liegt am Rand der Göttinger Innenstadt direkt neben
       einer Bahnunterführung. Er umfasst insgesamt etwa 430 Wohnungen.
       Mehrheitseigentümer ist seit Ende 2025 die kurz zuvor gegründete Göttinger
       Quartiersgesellschaft, sie übernahm 286 Wohnungen von zwei insolventen
       Voreigentümern. Die Quartiersgesellschaft ist eine Tochter der Hamburger
       Sivius GmbH. Diese hatte eine Sanierung der unter anderem wegen Vermüllung
       und Ungezieferbefall [2][immer wieder in die Schlagzeilen geratenen
       Wohntürme] versprochen und auch schon mit ersten Aufräumarbeiten begonnen.
       
       Die Stadtwerke hatten die Unterbrechung der Wärmelieferungen für die Groner
       Landstraße 9 in den vergangenen Monaten schon mehrmals angekündigt, den
       Schritt aber nicht umgesetzt. „Wir haben die Frist immer wieder
       verschoben“, erklärt Iffland. Weil bis Anfang dieser Woche aber „keine
       signifikanten Zahlungseingänge“ verzeichnet werden konnten, habe man nun
       die Versorgung gestoppt: „Für alle Beteiligten ist das keine schöne
       Situation.“ Gleichzeitig betont der Stadtwerke-Sprecher, dass die
       Versorgung bei einer Einigung schnell wieder aufgenommen werden könne,
       „technisch ist das überhaupt kein Problem“.
       
       Dass die Bewohner:innen unter dem Konflikt zwischen Stadtwerken und WEG
       leiden, halten die Göttinger Grünen für nicht akzeptabel. „Die
       Wärmeversorgung muss sofort wiederhergestellt werden“, verlangt Ratsfrau
       Leonie Engelbert. Justin Stöhr vom Ortsvorstand der Partei nimmt die
       Kommune in die Pflicht. Die Stadt müsse „jetzt sicherstellen, dass die
       Menschen vor Ort gut durch den kommenden Winter kommen. Wenn eine
       Enteignung erforderlich ist, um dauerhaft menschenwürdige Wohnverhältnisse
       zu schaffen, werden wir diesen Schritt unterstützen.“
       
       ## Stadt aus der Verantwortung genommen
       
       Vor wenigen Wochen erklärte Sivius, man bereite 118 Räumungsklagen vor, von
       denen etwa 300 Personen betroffen wären. Es gehe um „Miet- und
       Nutzungsverhältnisse, bei denen erhebliche Rückstände aus Mieten und
       teilweise auch aus Betriebs- und Nebenkosten bestehen“. Dabei beziehen
       viele der geschätzt rund 700 Bewohner:innen der Anlage
       Sozialleistungen. „Leistungsbeziehende bekommen das Geld für die Miete nach
       dem Grundsatz der Eigenverantwortung erst einmal direkt auf ihr eigenes
       Konto, um es an den Vermieter zu überweisen“, nimmt Göttingens
       Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) die Stadt aus der Verantwortung.
       
       Bislang ist noch keine der 118 angekündigten Klagen verhandelt worden. Nach
       Auskunft des örtlichen Amtsgerichts muss – sofern die Mieter:innen
       widersprechen – jede Räumungsklage einzeln entschieden werden, die
       Bearbeitungszeit liege im Schnitt bei drei bis sechs Monaten. Unklar ist,
       was mit den 300 Bewohner:innen passiert, wenn die angekündigten Klagen
       Erfolg haben.
       
       „Für Menschen ohne Obdach stellt die Stadtverwaltung Notunterkünfte
       bereit“, erklärt zwar die Verwaltung. Doch deren Zahl ist begrenzt. In den
       infrage kommenden städtischen Liegenschaften sowie den Räumen der
       kooperierenden Heilsarmee stehen gerade mal rund 100 Schlafplätze zur
       Verfügung. „Im Zweifelsfall“, sagt Oberbürgermeisterin Broistedt, „müssten
       wir Turnhallen einrichten, um Notunterkünfte herzustellen.“
       
       27 Aug 2026
       
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