# taz.de -- Schulen in Sachsen-Anhalt: Die Haltung bleibt
       
       > In Sachsen-Anhalt will die AfD die Bildungspolitik ändern:
       > Regenbogenfahnen verbieten, Demokratiearbeit kürzen. Was sagen die
       > Schulen dazu?
       
 (IMG) Bild: Schüler:innen der berufsbildenden Schulen diskutieren Grundfragen zum Projekt „Schule ohne Rassismus“
       
       Da hängt sie nun: eine große Regenbogenfahne. Im Eingangsbereich des
       Wolterstorff-Gymnasiums Ballenstedt prangt seit Neuestem zwischen den
       Gemälden der Schüler:innen die bei der AfD so verhasste Flagge. „Für
       mich ist das sehr wichtig, weil ich auch zur queeren Community gehöre und
       man sich damit einfach willkommener fühlt“, erklärt Tabea aus der 10 b. Sie
       leitet die AG Schule ohne Rassismus (SOR) seit vergangenem Jahr. Auch auf
       ihrem Shirt trägt sie einen Regenbogen-Aufdruck, am Morgen war die
       öffentliche Einweihung der Fahne. Weit oben wurde sie platziert, damit sie
       nicht abgerissen oder beschädigt werden kann. Tabea hielt eine Rede vor der
       versammelten Schule. Rund 470 Schüler:innen gibt es an diesem Gymnasium
       im Landkreis Harz.
       
       Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich Regierungsverantwortung bekommen
       sollte, will die Partei die Fahne der queeren Community an Schulen
       verbieten. Schule solle die „normale Familie“ aus Mann, Frau und Kindern
       „als Vorbild vermitteln“ und nicht die Anliegen der „LGBTQ-Lobby“, heißt es
       im Wahlprogramm. Stattdessen solle jeden Tag die Deutschlandfahne gehisst
       werden. Die hängt hier schon längst, dank CDU. Und auch das Netzwerk
       „[1][Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage]“ sowie das bundesweite
       Programm „[2][Demokratie leben]“ sind der in Sachsen-Anhalt als gesichert
       rechtsextrem geltenden Partei ein Dorn im Auge. Unter dem Stichpunkt
       „politische Indoktrination“ wird im Wahlprogramm angekündigt, die
       Landesförderung einzustellen.
       
       Im Land der Frühaufsteher wären das derzeit 150.000 Euro für das
       Schulnetzwerk aus dem Landeshaushalt. Theoretisch tatsächlich umsetzbar,
       praktisch würden damit ganz konkret Projekttage, Workshops und Begegnungen
       zu Inklusion, Geschichte und Demokratie eingestampft. Denn bei den „Courage
       Schulen“ geht es um „diskriminierungssensible Schulkultur“, also jegliche
       Formen von Ausgrenzung, Hetze und Mobbing. In Ballenstedt gibt es den
       „Anne-Frank-Tag“, Besuche bei einer nahe gelegenen Gedenkstätte eines
       ehemaligen KZ sowie vielfältige Workshops zu Geschlechtsidentität oder
       Demokratie.
       
       ## Eigene Meinung, keine Gehirnwäsche
       
       „Das sind Werte, die wir verteidigen sollten“, erklärt Schulleiter Dr.
       Hagen Tilo Meyer. „Die Schüler:innen müssen lernen, dass Demokratie
       nicht selbstverständlich ist.“ Der gelernte Astrophysiker blickt mit Stolz
       auf seine Schule. Während die AG ein paar Räume weiter überlegt, was sie
       zum „Orange Day“, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen,
       organisieren können und wie sie den Selbstverteidigungskurs für die 8.
       Klassen auf die Beine stellen, damit sich insbesondere Mädchen auf der
       Straße sicherer fühlen. Die AfD entgegnet hierzu: „Schüler werden unter
       Druck gesetzt, sich der Vorherrschaft linker Ideen zu beugen.“
       
       Das Gymnasium der Harzer Kleinstadt, das von der 5. bis zur 12. Klasse
       beschult, ist seit 2008 Mitglied im Netzwerk. Auch Pauline aus der 10.
       Klasse ist in der nachmittäglichen Kuchenrunde dabei. Die SOR AG trifft
       sich oft in der Pause. Heute ist bei selbstgebackenen Muffins mehr Zeit.
       „Ich persönlich habe mir, bevor ich in die AG gekommen bin, meine eigene
       Meinung darüber gemacht, wie ich zu welchen Werten stehe“, sagt Pauline.
       „Das war keine Gehirnwäsche. Ich habe selbst entschieden, wofür ich
       einstehen möchte. Deswegen bin ich jetzt hier.“
       
       Besonders feministische Themen und strukturelle Probleme von Frauen
       weltweit liegen der Schülerin am Herzen: „Ich habe die Möglichkeit zu
       studieren, ich darf lernen. Das dürfen andere Menschen auf der Welt nicht,
       als Frau zum Beispiel.“
       
       Die Schule beobachtet kritisch, wie mitunter rassistische, sexistische oder
       queerfeindliche Begriffe untereinander benutzt werden. Obwohl die
       Gesamtkonferenz die neue Fahne beschlossen hat, waren nicht alle an der
       Schule begeistert. „Schüler müssen einfach wissen, was macht eine
       Demokratie aus“, erwidert Schulleiter Meyer. „Und es gehört auch dazu, dass
       sie lernen, was Diskriminierung und Intoleranz ist.“
       
       ## Etwas gegen dumme Sprüche sagen
       
       Auch an der berufsbildenden Schule am Standort Staßfurt sind dumme Sprüche
       und unbedachte Beleidigungen Alltag. „Dann sollte man die Courage haben,
       etwas dagegen zu sagen“, erklärt Anne. Die 17-Jährige ist in der 12. Klasse
       des beruflichen Gymnasiums mit der Fachrichtung Gesundheit und Soziales und
       engagiert sich ehrenamtlich. Im vergangenen Schuljahr organisierte ihre
       Klasse den Detox-Day: mit Aufklärung zu Falschinformationen, Hass und Hetze
       im Netz. Nun erhalten die berufsbildenden Schulen im Salzlandkreis das
       offizielle Schild für ihre Schulgebäude: „Schule ohne Rassismus – Schule
       mit Courage“.
       
       Derzeit sind allein in Sachsen-Anhalt 189 Schulen im Netzwerk vertreten,
       über 5.000 in ganz Deutschland. Alle Schulformen von der Grundschule über
       weiterführende Schulen bis hin zur Berufsschule und Waldorfschulen sind
       dabei. Bereits 1995 durch den Verein [3][Aktion Courage e. V.] initiiert,
       kam 2003 die erste Schule in Sachsen-Anhalt dazu.
       
       Die Berufsschule WEMA im Salzlandkreis ist neu im Netzwerk. „Gerade weil
       wir so viele interkulturelle Menschen hier auf dieser Schule sind, ist eine
       gute Atmosphäre wichtig“, erzählt Sophia. „Wir möchten hier lernen,
       gemeinsam und voneinander.“
       
       Für viele Geflüchtete ab 15 Jahren führt der Weg über eine der 24
       öffentlichen berufsbildenden Schulen im Bundesland. Im
       Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) kann zunächst Deutsch gelernt und danach ein
       Schulabschluss gemacht werden. Etwa jede zehnte Schülerin und jeder zehnte
       Schüler sind in anderen Ländern geboren. Dazu gehören auch Auszubildende,
       die wegen Anwerbungsprogrammen im gewerblich-technischen Bereich nach
       Deutschland kommen.
       
       Politische Bildung statt Fake News 
       
       Marianne Krebs ist Fachkraft für Sozialkunde und engagiert sich bei
       politischen Bildungsprojekten. „Wenn wir nicht versuchen, ein gutes
       Menschenbild zu vermitteln, wer dann?“, fragt die 35-Jährige. An einer
       Schule kommen so viele unterschiedliche Menschen zusammen wie sonst selten
       im privaten Umfeld. „Ich finde es wichtig, dass man diese
       Unterschiedlichkeit im Politikunterricht abbilden kann. Da hat man ganz
       verschiedene Meinungen.“ Und genau darin sieht sie ein riesiges Potenzial.
       
       „Was ist schlimm daran, keine Rassistin zu sein?“, fragt Marianne Krebs.
       „Das ist doch ein grundlegendes Menschenverständnis.“ Sie vermittelt im
       Unterricht ihren Schüler:innen, was es überhaupt heißt, eine Meinung zu
       haben und dass man diese besser vertreten kann, wenn man sich auch in der
       Sache auskennt. Wie ihre Schülerinnen blickt sie mit Sorge auf die
       anstehende Wahl: „Die AfD erklärt uns Lehrkräfte zu ihren Feinden. Wie soll
       ich mit Feinden, die sagen, wir indoktrinieren unsere Klassen, als
       Dienstherr zusammenarbeiten? Wie soll politische Bildung da funktionieren?“
       
       Im 40 Kilometer entfernten Ballenstedt wünschen sich die Schüler:innen,
       dass Sachsen-Anhalt wieder attraktiver für junge Menschen wird – und die
       AfD nicht regiert. Sie sehen ihre berufliche Zukunft im Land gefährdet,
       weil es hier nicht die gewünschten Ausbildungsmöglichkeiten gibt.
       
       Sascha Bock, der Schulleiter der berufsbildenden Schulen WEMA des
       Landkreises, bleibt optimistisch: „Wir als Schulleitung stärken unser
       Kollegium, was Haltung angeht. Nur weil sich die politischen Verhältnisse
       im Landtag ändern, werden sich unsere Lehrkräfte nicht ändern. Wir leben
       Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit. Das werden wir uns behalten,
       unabhängig davon, wie die politischen Mehrheitsverhältnisse im Landtag
       werden.“
       
       2 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.schule-ohne-rassismus.org/
 (DIR) [2] https://www.demokratie-leben.de/
 (DIR) [3] https://www.aktioncourage.org/startseite/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dana Müller
       
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