# taz.de -- Gasexperte über Versorgungssicherheit: „Die Wirtschaftsministerin ignoriert die Vorgaben“
> CDU-Politikerin Katherina Reiche sei mitverantwortlich, dass die
> Gasspeicher nur halb voll seien, sagt Ökonom Lohmann. Das könne noch
> teuer werden.
(IMG) Bild: Gasspeicher: Der Irankrieg ist die wesentliche Ursache für die hohen Gaspreise
taz: Riskiert CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die sichere und
günstige Versorgung mit Heizgas im kommenden Winter?
Heiko Lohmann: Der Irankrieg ist die wesentliche Ursache für die hohen
Gaspreise auf dem Weltmarkt. Deshalb lagern die hiesigen Gashändler
augenblicklich wenig Brennstoff ein, und die [1][Speicher sind halb leer].
Allerdings hat die Bundesregierung auch nicht genug unternommen, um dem
entgegenzuwirken.
taz: Die unterirdischen Gasspeicher sollen eigentlich bis zum 1. November
durchschnittlich zu 70 Prozent gefüllt sein. Das legt eine Bundesverordnung
fest. Jetzt sind es erst gut 50 Prozent. Die Zeit wird knapp. Ignoriert
Reiche die Verordnung?
Lohmann: Ja, die scheint sie nicht zu interessieren. Dabei ist die
Verordnung sehr klar. Eine Reihe von Speichern sollen vor Beginn der
Heizperiode zu 80 Prozent gefüllt sein, andere zu 45 Prozent. Für manche
Reservoirs wird das aber nicht mehr funktionieren. Die verantwortliche
Wirtschaftsministerin ignoriert damit die Vorgaben, die sich die Regierung
selbst gegeben hat. Das Ministerium [2][argumentiert aber, die spezifischen
Vorgaben seien nicht relevant].
taz: Was hätte Reiche denn tun sollen?
Lohmann: Eine direkte Anweisung an die Gashändler ermöglicht die Verordnung
nicht. Aber das Wirtschaftsministerium hätte [3][THE, ein Unternehmen der
Gasnetzbetreiber], schon früher beauftragen können, die Gashändler dafür zu
bezahlen, dass sie im Bedarfsfall größere Mengen einspeichern. Diese
Entscheidung wäre bereits 2023 fällig gewesen. Italien und Frankreich
machen es genau so.
taz: Und jetzt?
Lohmann: Nun geht eigentlich nur noch „Augen zu und durch“. Wenn hiesige
Unternehmen jetzt große zusätzliche Mengen kaufen würden, stiegen die
Einkaufspreise und damit die Kosten erheblich.
taz: Was wäre zu tun, wenn die Vorräte im kommenden Winter zur Neige
gingen?
Lohmann: Das Wirtschaftsministerium sollte mit der Bundesnetzagentur und
den Netzbetreibern koordinieren, dass Händler weniger Gas ausspeichern,
damit für Januar bis März 2027 noch genug in den Speichern zurückbleibt.
Dazu gibt es ein Instrument. Die Händler lassen sich das natürlich
bezahlen.
taz: Warum will die Wirtschaftsministerin nicht eingreifen, sondern belässt
es bei Appellen an die Gasfirmen?
Lohmann: Ein Grund dürfte darin liegen, dass nach dem russischen Angriff
auf die Ukraine 2022 viele Milliarden Euro ausgegeben wurden, um die leeren
Speicher zu füllen. Und im vergangenen Jahr rechneten die Händler wieder
mit einer Intervention des Staates, weshalb sie die Preise künstlich
hochhielten. Dieser Spekulation gegen den Staat wollte die Regierung nicht
nachgeben. Außerdem argumentiert Reiche, dass es die originäre
Verantwortung der Händler sei, ihre vertraglichen Lieferverpflichtungen
gegenüber den Verbrauchern zu erfüllen, nicht die des Staates.
taz: Reiche glaubt an den Markt.
Lohmann: Ja, und doch gibt es auch ein neues Element: Kürzlich kündigte die
Ministerin an, einzugreifen, wenn sich die Lage verschlechtere. Offenbar
wurde der politische Druck zu groß. Und vor einigen Monaten erklärte sie
bereits, [4][eine neue Gasreserve für Krisenfälle] anzulegen, die aber
nichts mit der normalen Winterversorgung zu tun haben soll.
taz: Was aber wäre, wenn der Winter sehr kalt würde, die Reserven in den
Speichern zur Neige gingen und die Gashändler viel nachkaufen müssten –
triebe das die Verbraucherpreise in die Höhe?
Lohmann: Wenn der Weltmarktpreis nur für ein paar Wochen ansteigt, wirkt
sich das kaum auf die Privathaushalte aus. Die meisten haben ja
längerfristige Verträge zu festen Konditionen. Wer jedoch einen neuen
Vertrag abschließen muss, ist schlechter dran. Auch Industriekunden merken
teilweise den Preisanstieg sofort.
taz: Das Wirtschaftsministerium argumentiert, die Versorgung im Winter sei
grundsätzlich gesichert. Neben den Speichern gebe es ja auch die
[5][Importterminals für Flüssiggas] sowie Pipelines nach Norden und Westen.
Was aber passiert, wenn beispielsweise die Norwegen-Pipeline durch einen
Angriff ausfiele?
Lohmann: Dann hätten wir ein riesiges Problem. Man müsste kurzfristig große
Mengen Flüssiggas beschaffen, die Speicher leeren und den Verbrauch
reduzieren. Regional könnte Gas knapp werden. Doch die Lage ist auch jetzt
nicht einfach: Durch die Sperrung der [6][Straße von Hormus] fehlt dem
Weltmarkt ein Fünftel des Flüssiggas-Angebots. Wenn in einem
außergewöhnlich kalten Winter die Europäer noch mehr haben wollen, steigen
die Preise. Die grundsätzliche Versorgung ist aber wohl nicht das Problem.
Die Frage lautet eher, was sie kostet.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Halbvolle-Gasspeicher/!6205789
(DIR) [2] /Steigende-Energiepreise-wegen-Iran-Krieg/!6166816
(DIR) [3] https://www.tradinghub.eu/de-de/Unternehmen/Newsroom/News
(DIR) [4] /Steigende-Energiepreise-wegen-Iran-Krieg/!6166816
(DIR) [5] /Naturschutzgebiet-Voslapper-Groden/!6180978
(DIR) [6] /Drohnen-auf-LNG-Schiffe-in-Aegypten/!6200377
## AUTOREN
(DIR) Hannes Koch
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Energiekrise
(DIR) Energiewende in Gefahr
(DIR) fossile Energien
(DIR) Kolumne Energie für alle
(DIR) Biogas
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Halbvolle Gasspeicher: Deutschlands Abhängigkeit vom Erdgas
Gaskraftwerke liefern einen so großen Teil des deutschen Stroms wie nie
zuvor – obwohl Erneuerbare wachsen. So bestimmen sie oft auch den
Strompreis.
(DIR) Was tun gegen den Energiewende-Rollback?: Der Urknall
Der apokalyptische Sommer bringt Regierungen zum Nachdenken. Die deutsche
allerdings nicht, kritisiert unser Autor. Er regt an: Bürger:innen, DIY!
(DIR) Studie eines Fraunhofer-Instituts: Biomethan kann Gasheizungen laut Forschern nicht retten
Die Bundesregierung will Biobrennstoffe im Heizgas vorschreiben. Doch wegen
der hohen Kosten würden die Gasnetze bis 2045 stillgelegt, sagen Forscher.