# taz.de -- Armeekleidung für Frauen in der Ukraine: „Frauen sind keine kleinen Männer“
       
       > Fast 75.000 Frauen kämpfen in der ukrainischen Armee. Doch es fehlt an
       > passgenauen Schutzwesten und Uniformen. Das kann gefährlich werden.
       
 (IMG) Bild: Khrystyna Delin und Khrystyna Boitschuk im Lager der NGO Semljatschki in Kyjiw, von wo sie Frauenuniformen an die Front schicken
       
       Es war gleich zu Beginn der russischen Vollinvasion: Beim Befehl
       „Luftalarm!“, sprang die ukrainische Soldatin Nataliya Lischschyschena von
       einem Lkw. Die 18 Kilo schwere Standard-Schutzweste schlug schmerzhaft
       gegen ihre Brust. Doch sie wusste, dass sie in Lebensgefahr schwebte und
       beachtete den Schmerz nicht weiter. Der Befehl „Luftalarm“ ertönte noch
       häufig an diesem Tag.
       
       Als sie abends ihre Schutzweste auszog, bemerkte Nataliya große blaue
       Flecke an ihrem Oberkörper. Dann wurde ihre Einheit verlegt, der Krieg ging
       weiter, die blauen Flecke verschwanden und Nataliya dachte nicht weiter
       darüber nach. Bis einige Jahre später eine Krebsvorstufe bei ihr
       diagnostiziert wird, was dazu führte, dass ihre beiden Brüste amputiert
       werden mussten.
       
       Nataliya Lischschyschena war eine der ersten Soldatinnen in der Ukraine,
       die dokumentierte, dass sie durch das Tragen einer regulären kugelsicheren
       Weste der Armee gesundheitliche Schäden erlitten hat.
       
       Die „Standardweste“ genannte Schutzkleidung, den Nataliya trug, kann man
       eigentlich als männliche bezeichnen. Denn sie wurden für Männerkörper
       gemacht. Und obgleich heute fast 75.000 Frauen in den ukrainischen
       Streitkräften (ZSU) dienen, gibt es für sie noch immer keine anatomisch
       angepassten Schutzwesten, keine eigenen Uniformen, nicht einmal
       Frauenunterwäsche.
       
       ## Eine Frau ist nicht einfach ein kleiner Mann
       
       Im Juli dieses Jahres gab das ukrainische Verteidigungsministerium bekannt,
       dass Soldatinnen in ZSU-Kampfeinheiten zum ersten Mal seit Beginn des
       Krieges in der Ostukraine 2014 mit speziell für die weibliche Anatomie
       entwickelten Schutzwesten ausgestattet wurden. Diese erste Lieferung
       umfasste allerdings nur 2.000 Stück. Es waren die ersten solcher Westen
       seit Beginn des Krieges in der Ostukraine im Jahr 2014.
       
       „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich habe eine Frage an den
       Staat: Was ist teurer – eine anatomisch angepasste Schutzweste oder die
       Rehabilitation und Prothesenversorgung nach einer Verletzung?“, fragt die
       45-jährige Nataliya Lischschyschena rhetorisch. Nataliya ist mittlerweile
       verrentet. Aufgrund ihres Gesundheitszustandes kann sie nicht mehr arbeiten
       und hat jetzt einen Invalidenstatus.
       
       „Ich habe zufällig von meiner Erkrankung erfahren. Als ich mich wegen
       Lungenproblemen untersuchen ließ, überwies mich die Ärztin zusätzlich an
       einen Brustspezialisten. Bei mir wurden Milchgangspapillomen mit blutigem
       Brustwarzenausfluss (engl.: Mintz’s disease) diagnostiziert. Ohne Operation
       und Entfernung der Brustdrüsen hätte sich der Tumor zu einem bösartigen
       entwickeln können“, erzählt Nataliya, die sich mittlerweile aktiv für
       Menschenrechte einsetzt.
       
       Mehrere ukrainische Ärzte meinen, dass Nataliyas Krankheit unter anderem
       durch das Tragen einer nicht passenden Herren-Schutzweste ausgelöst worden
       sein könnte.
       
       „Frauen haben Brüste. Aber aus irgendeinem Grund wird dies nicht
       berücksichtigt, wenn es um Uniformen und Schutz geht. Frauen sind keine
       kleinen Männer. Darum ist es keine Lösung, einer Frau eine Schutzweste,
       einen Helm und eine Uniform in Männergröße zu geben“, erklärt Nataliya.
       
       Die ehemalige Soldatin setzt sich jetzt für ein staatliches Programm zur
       kostenlosen Brustprothesenversorgung für diejenigen Soldatinnen und
       Veteraninnen ein, bei denen die Brust amputiert werden musste.
       
       „So eine Operation kostet 7.000 Euro. Das ist viel Geld, das Veteraninnen
       wie ich einfach nicht haben. Ich könnte mir zwar die Prothesen mithilfe von
       Spendengeldern finanzieren, aber das will ich aus Prinzip nicht. Ich möchte
       auch für die anderen Frauen dazu beitragen, dass es in der Ukraine ein
       staatliches Programm für sie gibt“, sagt Nataliya.
       
       ## Ausstattung von Frauen hat keine Priorität
       
       Khrystyna, Kampfname „Kudryawa“ (die Lockige), Oberstleutnantin der
       Nationalgarde der Ukraine, hat heute einen ihrer seltenen freien Tage. Den
       nutzt sie, um im Kyjiwer Büro der gemeinnützigen Organisation Semljatschki
       (Deutsch: Landsmänninnen) vorbeizuschauen. Die ukrainische
       Freiwilligenorganisation versorgt Soldatinnen mit Uniformen und Ausrüstung.
       
       Khrystyna probiert die Uniform an, sie sitzt perfekt. Bequem, funktional,
       passende Größe und dazu, als kleiner „Frauenbonus“, eine Stickerei am
       Kragen. Es ist eine Uniform der Organisation Semljatschki, die Armee gibt
       solche Uniformen nicht aus.
       
       Seit 2013 ist Khrystyna bei den Streitkräften. [1][In dieser Zeit hat sie
       beobachtet, wie sich die Rolle der Frau im Krieg und die Einstellung dazu
       verändert hat]. Zu Beginn der russischen Vollinvasion war sie im Osten der
       Ukraine. Der Kommandeur versuchte, sie ins Hinterland zu schicken. Aber
       Khrystyna beharrte auf ihrem Recht, dort zu bleiben, wo sie am effektivsten
       und sinnvollsten eingesetzt werden konnte.
       
       Bis 2013 waren Frauen in der Armee eher die Ausnahme als die Regel. Damals
       waren Frauen entweder Sanitäterinnen oder arbeiteten im Verwaltungsbereich.
       Nach 2014 änderte sich dies dank der Frauen, die sich nach der Revolution
       der Würde, dem Euromaidan, der Verteidigung der Ukraine anschlossen, sagt
       Khrystyna.
       
       ## Olivfarbige Männerunterwäsche in Übergröße
       
       „[2][Sie waren praktisch schon im Angriff, bei der Aufklärung oder der
       Infanterie eingesetzt], wurden aber in den Unterlagen als Näherinnen oder
       Sachbearbeiterinnen geführt. Und dank ihres Engagements wurden in der
       Ukraine endlich offiziell rund 70 Kampfposten für Frauen in den
       Streitkräften geschaffen“, erzählt die Oberstleutnantin, die schwere Kämpfe
       in den Regionen Luhansk und Donezk [3][sowie in Hostomel bei Kyjiw]
       mitgemacht hat.
       
       Die schwierigen Bedingungen an der Front wurden für Khrystyna durch das
       Fehlen geeigneter Uniformen und Ausrüstung noch schwerer.
       
       „Ich weiß noch, als wir einmal Unterwäsche bekamen. Das waren diese großen,
       olivgrünen Armeeunterhosen für Männer, die unter der Uniform
       herunterrutschen, und Männer-T-Shirts. Ich habe mir zwei Paar dieser
       Unterhosen genommen. Ich weiß gar nicht, wozu. Ich habe einfach meinen
       Lieblingsgedichtband darin eingewickelt, denn anziehen kann man das ja nun
       wirklich nicht“, erzählt Khrystyna lachend.
       
       Doch über Schutzwesten und Helme möchte sie keine Witze machen. Denn wenn
       die nicht richtig sitzen, kann das im Krieg schnell gefährlich werden.
       „Frauen mit passender Ausrüstung zu versorgen hat keine Priorität. Für uns
       in der Ukraine haben gerade Luftabwehrsysteme Vorrang“, sagt sie.
       
       ## Die Uniform als „zweite Haut“
       
       Die 27-jährige Khrystyna Delin, die Semljatschki mitgegründet hat, packt
       sorgfältig eine Damenuniform, einen Schlafsack, ein Buch, ein
       Erste-Hilfe-Set und Handcreme in einen Karton, auf den sie mit Filzstift
       schreibt: „Wir sind stolz auf dich.“ Seit Beginn des umfassenden Krieges
       hat die Organisation über 31.000 solcher Anfragen von Frauen in den ZSU
       bearbeitet.
       
       „Wenn man ins Fitnessstudio geht, zieht man sich bequeme Kleidung an, damit
       man die Übungen richtig durchführen kann. Und genau so muss auch die
       Uniform für Soldatinnen wie eine zweite Haut sitzen. Man muss sich darin
       wohlfühlen, um kämpfen zu können“, sagt Delin. „Aber die Frauen haben
       Uniformen in den Größen L und XL bekommen, die haben sie selber mit
       Schnüren zusammengebunden oder enger genäht“, erzählt sie, während sie
       durch die Lagerräume der Organisation geht, die mithilfe von Spenden
       finanziert werden.
       
       Überall stehen hoch aufgestapelt Kartons mit Dingen, die täglich von
       Soldatinnen bestellt werden. 95 Prozent der Anfragen betreffen Uniformen,
       dann anatomisch passende Schutzwesten und Unterwäsche. Im letzten Jahr ist
       die Zahl von Frauen in den ZSU um fast 7.000 im Vergleich zum Vorjahr
       gestiegen.
       
       Sowohl Nataliya als auch Khrystyna „Kudryawa“ sagen, dass sich die
       Situation hinsichtlich der Einbindung von Frauen in die Armee endlich aus
       der Sackgasse bewegt. Und ihrer Meinung nach wird es gerade der Ukraine
       zukommen, Frauen diesen Weg zu ebnen.
       
       ## Die Ukraine als Vorreiterin
       
       „Kein anderes Land bietet eine zeitgemäße Lösung für die
       geschlechtergerechte Einbindung von Frauen in die Armee an. Wir haben nicht
       einmal ein Vorbild, an dem wir uns orientieren könnten. Wir sind derzeit
       eines der wenigen Länder, das über so umfangreiche Erfahrungen mit modernen
       Kampfhandlungen und dementsprechend mit der Suche nach Lösungen auf dem
       Schlachtfeld verfügt – sowohl was die Uniformen als auch die Bewaffnung
       betrifft“, sagt Hauptmann Khrystyna Boitschuk, die aktuell im
       Aufklärungsdienst arbeitet. „Gerade wir werden dieses patriarchalische
       System ändern müssen“, ist sie überzeugt.
       
       Währenddessen packt Khrystyna Delin im Semljatschki-Lager noch ein paar
       Kartons. Morgen werden die Uniformen zu Frauen an der Front geschickt – und
       noch ein paar Soldatinnen mehr werden ihre „zweite weibliche Haut“
       erhalten.
       
       Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
       
       6 Sep 2026
       
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