# taz.de -- Postpartale Psychose: Mitgefühl mit der Mörderin
       
       > Eine Mutter in den USA tötet ihre drei Kinder. Dass nun einige online
       > harte Strafen fordern, beweist, wie schwer es Menschen fällt, Ambiguität
       > auszuhalten.
       
 (IMG) Bild: Unterstützerinnen von Lindsay Clancy vor dem Plymouth Superior Court in Plymouth, am 20.8.2026
       
       Ein Mensch kann etwas zutiefst Grausames tun – und trotzdem unser Mitgefühl
       verdienen. Das zeigt die aktuelle Debatte um die US-Amerikanerin Lindsay
       Clancy, die im Januar 2023 ihre drei Kinder getötet haben soll. Der per
       Livestream übertragene Prozess um die 36-Jährige hat im Internet massive
       Diskussionen ausgelöst.
       
       Er lenkt den Blick auf die postpartale Psychose – eine schwere psychische
       Erkrankung nach der Geburt, an der Clancy nach Darstellung ihres Anwalts
       gelitten haben soll. Zugleich macht der Fall noch etwas anderes sichtbar:
       wie schwer es unserer Gesellschaft fällt, Geschichten auszuhalten, die sich
       einem einfachen Täter-Opfer-Narrativ entziehen.
       
       Lindsay Clancy selbst bestreitet nicht, die Tat begangen zu haben. Ihre
       Verteidigung argumentiert jedoch, dass sie aufgrund einer postpartalen
       Psychose zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig gewesen sei. Anschließend soll
       sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Seitdem ist sie
       querschnittsgelähmt.
       
       Die postpartale Psychose gilt als die schwerste Form der [1][postpartalen
       psychischen Erkrankungen]. Sie kann Halluzinationen, Wahnvorstellungen und
       Realitätsverlust hervorrufen. Von 1.000 Müttern sind etwa 1 bis 2 Frauen
       betroffen. Sie ist also deutlich seltener als postpartale Depression, die
       rund 10 bis 15 Prozent aller Mütter erleben. Die Dunkelziffer könnte
       allerdings höher sein, denn aufgrund von Scham und gesellschaftlichem
       Stigma bleibt ein Großteil der postpartalen psychischen Erkrankungen
       unbehandelt.
       
       Schnell wurde deutlich, dass der Clancy-Fall das Potenzial hat, eine
       größere Debatte über die psychische Gesundheit von Frauen anzustoßen. Vor
       Gericht wurde Beweismaterial gesichtet, demzufolge Clancy in den Monaten
       zuvor offenbar mehrfach verzweifelt versucht hatte, psychiatrische Hilfe zu
       bekommen: Innerhalb weniger Monate sollen Ärzte ihr 13 verschiedene
       [2][Psychopharmaka] verschrieben haben.
       
       ## Jede Mutter könnte zu Lindsay Clancy werden
       
       Clancy selbst hat inzwischen gegen acht Einrichtungen des
       Gesundheitssystems Klage eingereicht und wirft ihnen vor, ihre Erkrankung
       nicht richtig diagnostiziert und behandelt zu haben. Von Ärzten nicht ernst
       genommen zu werden – eine Erfahrung, in der sich viele Frauen, die online
       auf den Clancy-Prozess reagieren, wiedererkennen.
       
       Seit Prozessbeginn Ende Juli hat sich eine Community der Solidarität um die
       Angeklagte gebildet. Anfang August versammelten sich nach Angaben des
       Boston Globe rund 300 Unterstützerinnen vor dem Gerichtsgebäude im
       US-Bundesstaat Massachusetts, um auf den Umgang mit der psychischen
       Gesundheit von Frauen aufmerksam zu machen; viele trugen pinke T-Shirts mit
       Aufschriften wie „She Needed Help“ oder „Peace For Lindsay“. Plakate,
       offene Briefe und Videos im Internet transportieren die Message: „Lindsay
       could be one of us.“ Viele Frauen sehen in Clancys Geschichte etwas, das
       ihnen selbst widerfahren könnte.
       
       Die Reaktionen auf den Fall verdeutlichen allerdings auch, wie schlecht wir
       als Gesellschaft damit umgehen können, wenn die Dinge aus einem klaren
       Täter-Opfer-Narrativ herausfallen. Auf Solidarität reagieren manche mit
       Empörung: Wie kann eine Person, die etwas so Schreckliches getan haben
       soll, unser Mitgefühl verdienen? Mangelnde Aufklärung über postpartale
       psychische Erkrankungen spielt sicher eine Rolle bei denjenigen, die in
       Clancy eine eiskalte Psychopathin sehen wollen, die eine harte Strafe
       verdient hätte.
       
       Genau dieses Bedürfnis nach Einfachheit erklärt aber ebenso, warum sich
       unter einem Teil derjenigen, die sich mit Lindsay Clancy solidarisieren,
       mittlerweile [3][Verschwörungstheorien] breitmachen. Immer mehr
       Tiktok-Nutzer:innen wollen Hinweise darauf erkennen, dass Clancy unschuldig
       ist, und machen stattdessen ihren Ehemann für die Tat verantwortlich.
       
       Komplexität, wie sie in Clancys Fall vorhanden ist, scheinen diejenigen,
       die den Fall verfolgen, nicht auszuhalten. Genau deswegen ist Aufklärung
       über psychische Erkrankungen nötig. Sie könnte dabei helfen, der Wahrheit,
       dass Mütter in psychischen Notlagen eine Gefahr für ihre Kinder und sich
       selbst werden können, ins Gesicht zu sehen – und dabei trotzdem Verständnis
       für Lindsay Clancy zu haben.
       
       27 Aug 2026
       
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