# taz.de -- Baustelle an der Hamburger Sternbrücke: Vier Spuren Freiheit
       
       > Wochenlang schon ist die Stresemannstraße mitten durch Hamburg gesperrt.
       > Nach und nach holen sich die Leute zurück, was sonst allein den Autos
       > gehört.
       
 (IMG) Bild: Baustellenbewacher vor der Sternbrücke: Da kann man sich schon mal einen Sonnenschirm und was zu lesen mitbringen
       
       Im schwindenden Licht ist der Tisch, der auf der vierspurigen
       Stresemannstraße steht, leicht zu übersehen. Er steht da hinter dem
       rot-weißen Absperrgitter aus Plastik, darauf eine grün-weiße Tischdecke,
       ein Strauß Blumen, ein geöffneter Pizzakarton mit einem letzten Stück
       Pizza. An diesem Freitagabend im August sitzen sechs Menschen am Tisch, die
       meisten Anfang 30. Die Stimmung ist locker, sie lachen, einmal geht jemand
       zum Kiosk und holt neue Getränke für die Runde. Fünfmal seien sie an diesem
       Abend schon fotografiert worden, erzählen sie.
       
       Die Stresemannstraße ist eine mehrspurige Bundesstraße, der Verkehr ruht
       hier eigentlich nie. Aber seit Wochen ist sie gesperrt, weil erst [1][die
       alte, denkmalgeschützte Sternbrücke abgerissen und dann die neue Brücke
       eingebaut wurde]. Die Baustelle ist der Grund, der die spontanen
       Zusammenkünfte möglich macht. Jahrelang hatten Initiativen und
       Anwohner*innen [2][gegen die neue riesige Brücke gekämpft], 108 Meter
       lang, gut 20 Meter breit und mehr als 26 Meter hoch.
       
       In dieser Runde sitzen die sechs hier das erste Mal zusammen, erzählen sie.
       Am Tag vorher habe er es bei anderen Nachbar:innen gesehen und ein Foto
       davon in die Hausgruppe gepostet, erzählt Phillip, der mit seiner Freundin
       hier wohnt. Schnell kommt das Gespräch auf die Frage, ob die Straße nicht
       immer autofrei sein sollte. „Wir würden es begrüßen“, sagen Ayleen und
       Chris, die auch gemeinsam im Haus wohnen. Ein Mannschaftswagen fährt vor.
       Ob es einen Grund gebe, auf der Straße zu sitzen, fragt ein Polizist durch
       das geöffnete Fenster und verlangt, dass sie ein Licht aufstellen, aus
       Sicherheitsgründen.
       
       ## Brotstangen und Basketballkörbe
       
       Weiter die Straße hoch steht ein mobiler Basketballkorb, wo sonst Autos
       parken. Etwas weiter sitzen zwei Mittzwanziger auf Klappstühlen auf der
       Straße, vor ihnen ein tragbarer Grill, schräg gegenüber sitzen ein paar
       Leute jenseits der 50, sie trinken Wein, roten und weißen, Wasser aus
       Glaskaraffen, lange italienische Brotstangen stehen auf einem quadratischen
       Klapptisch.
       
       Securitys bewachen die Baustelle, an der nur ein schmaler Weg auf dem
       Bordstein frei ist und der zum Kiosk mit kleiner Terrasse führt. Inzwischen
       ist es dunkel, die Terrasse ist voll, gesessen wird an Biertischen. An
       einem Tisch in der Ecke geht es hoch her. Mehrere Flaschen Sekt und
       Plastikbecher stehen auf dem Tisch.
       
       Fragt man nach der Baustelle, kommt vor allem Frust. „Alles ist weg“,
       beschwert sich Eva, Mitte 20, Nasenpiercing und blondierte Strähnen im
       Pony. Sie meint die [3][Clubs und Kneipen, die der neuen Monsterbrücke
       weichen mussten]. Auch Verkehr ist Thema am Tisch. Durch die Baustelle sei
       ihr Weg zur Arbeit viel länger. Paulo wohnt direkt an der Baustelle. Er
       erzählt von einem betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderung neben
       seiner Wohnung. Früher seien die Bewohner:innen oft auf den Straßen
       unter der Brücke unterwegs gewesen. Jetzt habe er sie schon monatelang
       nicht mehr gesehen.
       
       Zwei Tische weiter sitzen sechs Männer, vor ihnen Bier. Die Stimmung ist
       gut, die Gesichter wirken zufrieden und müde. Einer der Männer trägt
       Warnweste, er ist drahtig und um die 50. Sie seien Arbeiter auf der
       Baustelle, sagt ein properer Mittdreißiger mit olivgrünem Shirt und grünem
       Fischerhut, der gegenüber sitzt und sich als Neubrandenburger Urgestein
       vorstellt. An einer Partyecke zu arbeiten, sei gar nicht schlecht, sagt er.
       „Die Leute sehen dich, du freust dich.“
       
       Seit einigen Stunden säßen sie schon vorm Kiosk, sagt der Ältere in
       Warnweste. Er ist der Polier der Truppe, kommt aus Kassel und erzählt, dass
       der nahende Abschluss der Baustelle auch mit Wehmut verbunden sei. Aus ganz
       Deutschland sei das Team zusammengewürfelt worden. „Wir sind stolz drauf,
       was wir geschafft haben.“An der Absperrung zur Baustelle steht Christoph,
       Anfang 50, graues Shirt, Basecap und Kamera um den Hals. Fast jeden Tag
       komme er her, um die Baustelle zu fotografieren. Hier verschwinde ein
       unkuratierter, runtergerockter Ort, sagt er, wirkt melancholisch, aber ihn
       interessiere die Veränderung in der Stadt.
       
       Inzwischen ist es nach zwölf, von den Tischen auf der Straße ist nichts
       mehr zu sehen. Mitten auf der vierspurigen Straße fährt lachend ein
       jugendliches Pärchen mit einem E-Roller. Sie steht vorn, beugt sich dann
       nach hinten, um ihren Freund zu küssen. Anfang September soll die Baustelle
       abgeschlossen sein und die Straße gehört wieder den Autos.
       
       29 Aug 2026
       
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