# taz.de -- Sternbrückenbaustelle in Hamburg: Es ist die Zeit der Monsterbrücke
> Die 100 Jahre alte Sternbrücke in Altona, einst Heim von Subkultur, ist
> abgerissen. Jetzt schleicht die Tausende Tonnen schwere Neue Richtung
> Kreuzung.
(IMG) Bild: Zieht viel Interesse auf sich: Monsterbrücke unterwegs
Das Monster erwacht. Langsam und synchron drehen Dutzende kleine Räder
unter der riesigen neuen Sternbrücke sich am Mittwochmittag in Richtung
Straße. Gebannt kneifen rund 50 Menschen, viele grauhaarig, aber nicht
alle, auf dem Gehweg hinter der Absperrung ihre Augen zusammen. Sie
schirmen sie ab vor der Sonne und fixieren den Koloss. Noch bewegt die
Brücke sich nicht.
Um 12 Uhr soll sie auf die Straße gefahren werden, wo sie aufgebockt werden
wird auf sechs Meter über Straßenniveau, um dann ihren ersten und letzten
Weg anzutreten: 400 Meter zu ihrem Einsatzort an der Kreuzung
Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße. Hier wurde sie montiert.
Dort soll sie [1][die frisch abgerissene 100 Jahre alte Sternbrücke]
ersetzen. Um dahin zu kommen, liegt die neue Brücke auf mehreren
sogenannten Tausendfüßlern, hydraulischen Spezialfahrzeugen mit vielen,
vielen einzeln lenkbaren Rädern.
Es ist eine historische Baustelle. Jahrelang hatten Anwohner*innen und
Initiativen sich [2][gegen den Abriss der alten, denkmalgeschützten Brücke
und den Bau der neuen gewehrt]. Sie gaben der neuen den Namen
Monsterbrücke, wegen ihrer Ausmaße. Sie ist 108 Meter lang, über 20 Meter
breit, über 26 Meter hoch und wiegt rund 3.700 Tonnen!
Erst die folgenden Stunden werden zeigen, ob der Transport und das
Einsetzen klappt wie geplant. Die Brücke ist so groß und schwer, dass,
damit sie vom Ort ihrer Montage zur Kreuzung transportiert werden kann, 36
Bäume abgeholzt, das Dach einer Tankstelle zum Teil abgeflext und die
Straße aufgeschüttet werden mussten.
Vierhundert Meter weiter räumen Bagger Schutt von der Kreuzung, die bis vor
wenigen Tagen die alte Brücke überspannte. Über der sternförmigen Kreuzung,
die der Brücke ihren Namen gab, klafft eine Lücke. Staub liegt in der Luft.
Ein Abbruchhammerbagger zerkleinert mit seinem Arm einen Schutthaufen. Dr,
dr, dr, dr, dr. Er ist durch die Füße am Boden zu spüren. Mit einem
Kreischen fährt ein Schaufelbagger ein Stück über Asphaltbrocken und räumt
fleißig klein gesprengte Stücke zur Seite. Im Hintergrund lässt ein Kran
lautlos Stahlstangen zu Boden. Ein Security-Mann, der wie seine zahlreichen
Kollegen einen Baustelleneingang bewacht, sitzt unter einem Sonnenschirm
mit Kopfhörern auf den Ohren.
Renate Sulzmann, 70, steht an der Absperrung mit leuchtenden Augen.
„Sensationell!“, sagt sie. Sie ist schon zum zweiten Mal zum Zugucken
vorbeigekommen. Obwohl sie alles vermisse, was einst zur Brücke gehörte,
[3][Clubs und Kneipen, die Bands, die da ihr Zuhause hatten], sei sie
fasziniert.
„Ich bin hin- und hergerissen“, sagt Sulzmann. Sie bewundere schlicht die
Technik, freue sich besonders auf den Anblick der Tausendfüßler, die sie
schon einmal auf einer anderen Baustelle habe bewundern können. „Ich
schwärme bis heute davon“, sagt sie. Und wendet ihren Blick wieder aufs
Geschehen.
Auf einem Poller neben ihr steht ein halbvoller Plastikbecher mit schalem
Bier. Er ist Zeuge der letzten Nacht. Seitdem die Abrissarbeiten am
vergangenen Freitag begannen, kommen jeden Abend Hunderte Menschen her, um
die Baustelle zu beobachten. Die Lokalpresse tickert live, [4][die Deutsche
Bahn hat einen Livestream] eingerichtet.
Der Döner an der Ecke mache mehr Umsatz als sonst, sagt ein Mitarbeiter,
weil dort die Arbeiter*innen essen. Sie arbeiten fast rund um die Uhr,
sieben Tage die Woche. Sie haben nur wenig Zeit, um die Brücken zu
tauschen, und keine, um weit weg essen zu gehen. Der Mitarbeiter im Späti
an der Ecke sagt, er mache trotz der Baustellenzaungäste weniger Umsatz.
Weil die Kreuzung gesperrt ist, kommen viele gar nicht vorbei. Es sind
leider nicht so viele, die Faszinierten.
Sie sind dafür bei überraschend guter Laune. Sie fachsimpeln, einige kennen
sich wirklich aus. Am Dienstagabend war zu beobachten, wie die
Bauarbeiter*innen die letzten Teile der historischen Brücke
abgeschnitten haben mithilfe von Brennschneidern. Ihr Stahl, rechtfertigt
sich die Deutsche Bahn, entsprach nicht mehr den heutigen Standards und war
ermüdet.
Rund 900 Züge fuhren jeden Tag über die alte Brücke. Das letzte Brückenteil
sah müde aus, als es am Mittwoch schräg über der Kreuzung auf dem Boden
lag, im grellen Baustrahlerlicht, wie aufgebahrt.
Die Initiative Sternbrücke, die lange gegen den Abriss gekämpft hat,
trauert auf Instagram. „Damit ihr nicht vergesst, wie es an der Sternbrücke
einmal ausgesehen hat. Und damit ihr seht, wie es dort jetzt gerade
aussieht“, schreiben sie.
Menschen stehen im sanften Abendlicht unter der alten Brücke Schlange vorm
Club. Nächster Slide: Schuttberge. Die alte Sternbrücke in wattigem Schnee.
Nächster Slide: die zerschnittenen Stahlteile. Die Dramatik ist ihnen nicht
neu. Die Initiative hat 2021 Sticker verklebt mit der Aufschrift „Mordfall
Sternbrücke“. Es ging um die Brücke.
An der Max-Brauer-Alle kommt Wind auf. Um acht nach zwölf heulen die
Motoren der Tausendfüßler auf, aber werden wieder leise. Die Sonne drückt.
Die Zuschauer*innen starren angestrengt. Einige Bauarbeiter*innen
reihen sich auf zum Spalier. Unendlich langsam – ein bis zwei Kilometer pro
Stunde – setzt die Neue sich in Bewegung. Am Donnerstagabend soll sie
ankommen und eingesetzt werden.
29 Jul 2026
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