# taz.de -- Podcast von Louis Klamroth: Menschenversteher im Hateland
       
       > Der Fernsehmoderator versucht, über die Person von Ronald Barnabas Schill
       > das Phänomen des Rechtspopulismus zu verstehen.
       
 (IMG) Bild: Rechtspopulistisch, aber nicht undemokratisch: So sieht zumindest Ole von Beust (CDU) seinen Koalitionspartner Ronald Schill
       
       „Hateland“, das ist eine Podcastserie in der ARD, bei der es um die rechten
       Ränder geht. Das ist interessant, und es ist auch gar keine schlechte Idee
       von Louis Klamroth, bekannt als Moderator des ARD-Polittalks „Hart aber
       fair“, sich in diesem Zusammenhang einmal mit einem Mann zu beschäftigen,
       der vielleicht so etwas wie ein Prototyp der heutigen Rechtspopulisten war:
       [1][Ronald Barnabas Schill].
       
       Schill, Jüngeren, wenn überhaupt, nur noch als traurige Figur aus dem
       Reality-TV („Promi Big Brother“) bekannt, mischte Anfang der 2000er-Jahre
       in Hamburg die Politik auf. Als Amtsrichter wegen seiner harten Urteile
       berüchtigt und vom Boulevard mit dem Beinamen „gnadenlos“ ausgezeichnet,
       gründete Schill eine eigene Partei und stieg in den Bürgerschaftswahlkampf
       2001 ein, wo er aus dem Stand 20 Prozent der Stimmen holte. Er wurde
       Innensenator und Zweiter Bürgermeister im Senat von Ole von Beust (CDU),
       dem er damit ermöglichte, die jahrzehntelange SPD-Herrschaft über die Stadt
       zu brechen.
       
       Ist der Aufstieg von Ronald Schill eine Blaupause dessen, was wir gerade
       mit der AfD erleben? Erst einmal nicht. Schon, weil die etablierten
       Parteien (bisher) nicht mit der AfD koalieren – anders als damals Ole von
       Beust, der im Podcast ausgiebig zu Wort kommt und darlegt, Schill sei zwar
       rechtspopulistisch, aber nicht undemokratisch oder rechtsextrem gewesen.
       
       Irgendwie fand er Schill anfangs wohl sogar sympathisch, ein „witziger
       Typ“, [2][was sich dann später ändern sollte]. Auch Louis Klamroth selbst
       erinnert sich an Auftritte von Schill an seiner Schule, bei denen er dabei
       war, zusammen mit seinem Vater, [3][dem Schauspieler Peter Lohmeyer], der
       bei dem Vortrag pfiff, was dem Sohn peinlich war.
       
       ## Harter Hund mit Charisma
       
       Schill, erinnert sich Klamroth an seinen Eindruck als Schüler, habe
       durchaus Charisma gehabt. Das fanden in seiner Schule offenbar viele, doch
       Jugenderinnerungen ersetzen noch keine Analyse. Was fand die Öffentlichkeit
       damals so interessant an einem Mann, der sich als harter Hund inszenierte,
       im Kampf gegen„Ausländerkriminalität“, „Drogenbanden“ und „Linke Chaoten“?
       
       Na ja, sagt Klamroth, die Kriminalstatistik sei damals schon schlecht
       gewesen in Hamburg. Dann werden Stimmen aus damaligen Straßenumfragen
       eingeblendet, die sagen, dass sie sich in der Stadt nicht sicher fühlten.
       Klamroth selbst erinnert sich, er habe im Sandkasten erst spielen dürfen,
       nachdem seine Eltern gecheckt hätten, dass der spritzenfrei war.
       
       Doch nicht, dass es Probleme gibt, ist das Problem, sondern die Erzählung,
       in der sie ihre Bedeutung erhalten: Kriminalität kommt von außen, wir
       werden bedroht, wir müssen uns wehren. Und „der Staat“ versagt. Die
       regierende SPD geriet in Panik und stellte einen gewissen Olaf Scholz als
       Innensenator auf, der den Hardliner geben sollte.
       
       Spöttisch erinnert sich Schills Steigbügelhalter Ole von Beust daran, wie
       der nicht gerade groß gewachsene Scholz sich beim Training mit einem
       Polizeihund fotografieren ließ, der sich in seinem mit Watte geschützten
       Arm verbiss. Scholz war es auch, der Brechmitteleinsätze bei mutmaßlichen
       Drogendealern genehmigte, eine Praxis, die bald darauf [4][zum Tode des
       Nigerianers Achidi John] führte.
       
       Und plötzlich sind die Parallelen doch unübersehbar: Themen, denen man sich
       nicht entziehen kann, werden gesetzt, doch von wem eigentlich? Von den
       Rechtspopulisten? Oder von den Medien, die mit ihnen Schlagzeilen machen?
       Klamroth wird an dem Punkt durchaus selbstkritisch, in Bezug auf seine
       Talkshow, aber auch hilflos: Wir müssen doch darüber berichten! Aber wenn
       wir darüber berichten, machen wir sie stärker.
       
       Ganz am Ende, in der fünften Folge, kommt bei Klamroth sogar der völkische
       AfD-Rechtsaußen Björn Höcke zu Wort. Er sagt, er und seine Freunde hätten
       aus dieser Geschichte viel gelernt, sie sei für sie ein „Lehr- und
       Lerngegenstand“ gewesen.
       
       Schill lebt jetzt von seiner Richterpension in Brasilien, in einer Favela
       am Rande von Rio de Janeiro. Ganz am Schluss des Podcasts schaut er aus dem
       Fenster seines Hauses heraus und sagt, man solle ihn in Ruhe lassen. Er
       wolle mit Deutschland nichts mehr zu tun haben.
       
       26 Aug 2026
       
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