# taz.de -- Feuergeografin zu Bränden in Europa: „Worauf warten wir, um das Thema anzugehen?“
> Schon vor Jahren warnte Cathelijne Stoof vor Naturbränden in
> Nordwesteuropa. Es braucht eine Landschaft und Gesellschaft, die das
> Feuer beherrschen kann.
(IMG) Bild: Die Bekämpfung des Waldbrandes im Hohen Venn ist wegen des torfhaltigen Bodens in dem Naturschutzgebiet besonders schwierig
taz: Frau Stoof, wie wurden Sie Feuergeografin?
Cathelijne Stoof: Vor der Promotion fiel mir auf, dass es in meinem Studium
nie um Feuer gegangen war. Zu den anderen Elementen gab es allerlei Kurse,
aber nicht über Feuer. Während meiner Promotionsforschung zu den Effekten
von Feuer auf Boden und Wasser wurde mir klar, dass wir in Nordwesteuropa
zwar Feuer haben, aber sehr wenige Informationen darüber, denn kaum jemand
beschäftigte sich damit. Also richtete ich meine Forschung auf dieses
Thema, arbeitete viel mit Expert*innen von Feuerwehr und Forstwirtschaft
zusammen, auch Gespräche mit der lokalen Bevölkerung waren sehr wichtig. In
den nächsten zehn Jahren entstand daraus eine Forschungsrichtung, die sich
dem Feuerregime ebenso widmet wie dem Umgang mit Feuer.
taz: Wenn Sie jetzt jemandem erzählen, was Sie beruflich machen, haben sich
die Reaktionen wohl ziemlich verändert?
Stoof: Absolut. Wenn ich Leuten in diesem Sommer sage, dass ich Naturbrände
studiere, [1][wissen sie genau, über was ich spreche]. Doch noch vor ein
paar Monaten wurde ich manchmal sogar ausgelacht. ‚Es gibt hier doch gar
keine Naturbrände. Höchstens in der Zukunft‘, hieß es oft. Wenn es
Aufmerksamkeit gab, verschwand sie oft, sobald es regnete. In nasseren
Jahren ist es furchtbar schwer, das Thema auf der Agenda zu halten. Ich
hoffe, dass sich das jetzt ändert.
taz: Wie blicken Sie auf den Sommer 2026?
Stoof: Als Wissenschaftlerin begegne ich dem Klimawandel ständig, aber dies
ist der erste Sommer, in dem ich ihn richtig fühle. Es ist der summer of
fire, überall gibt es Brände, nicht nur in Südeuropa, auch in Belgien, den
Niederlanden, Deutschland, England, an verschiedenen Orten, mit heftigem
Brandverhalten und schweren Folgen. Das ist, wovor wir schon jahrelang
warnen. Und es ist der Sommer, in dem ich denke: ‚Leute, was ist noch
nötig, um das wirklich anzugehen, mit ernsthafter Klimapolitik, die Ziele
verschärft, statt sie abzuschwächen, und mit einem integralen Umgang mit
Feuer.‘
taz: Was meinen Sie damit?
Stoof: Naturbrände sind ein natürlicher Prozess, es wird sie immer geben.
Wir können Feuer nicht aus der Landschaft ausschließen, es sei denn, wir
asphaltieren alles. Der Fokus sollte daher nicht nur auf Brandbekämpfung
liegen. Es muss darum gehen, wie es brennt, wo es brennt und was das für
die Landschaft und die Menschen bedeutet. Die Frage ist: Wie können wir
Landschaft und Gesellschaft einrichten, um dafür zu sorgen, dass wir das
Feuer beherrschen?
taz: Können Sie ein Beispiel nennen?
Stoof: Es geht darum, wie intensiv ein Brand ist. Wie hoch die Flammen
sind, wie schnell sie sich ausweiten. Das können wir beeinflussen. In einer
völlig überwachsenen Landschaft gelangt das Feuer leicht zu den Spitzen der
Bäume und weitet sich dann schnell aus. Feuer gehört zur Werkzeugkiste der
Landschaftspflege. Seit 6.000 Jahren wird es vom Süden Portugals bis zum
Norden Norwegens in Heidegebieten eingesetzt. Man kann Feuer in kühlen
Monaten zulassen. Wenn dann ein ungeplanter Brand stattfindet, hat die
Landschaft eine andere Beschaffenheit und man ist besser vorbereitet, um
ihn kontrollieren zu können.
taz: Welche konkreten Schritte sind nun [2][in Nordwesteuropa] nötig?
Stoof: Essenziell ist, dass Naturbrände als Thema anerkannt und Leute darin
professionell ausgebildet werden. Die Gruppe von Personen, die sich damit
beschäftigt, wächst zwar, aber etwa in den Niederlanden und Belgien haben
wir bei Weitem nicht genug Menschen, um die fällige Arbeit zu erledigen.
Und es braucht ein öffentliches Bewusstsein. Angesichts des Klimawandels
muss das Thema auch im Lehrplan verankert werden. Der aktuelle Report des
European Academies Science Advisory Council (Easac), an dem ich als
Co-Vorsitzende mitwirkte, betont, dass unsere Gesellschaften besser über
Feuer informiert sein müssen, um mit Naturbränden umgehen zu können.
taz: In Ihrer Forschung geht es auch um die mentale Komponente von Bränden.
Stoof: Diese Effekte sind sehr wichtig. Es gibt Menschen in Portugal oder
Spanien, die bei großen Naturbränden sahen, wie die Orte ihrer Kindheit
verbrannten. Hinterher sagten sie: „Alle meine Erinnerungen sind verloren.“
Dann sind da die Feuerwehrleute, die in einer langen Brandsaison wochenlang
nicht nach Hause kommen. Das hat einen riesigen Einfluss auf ihre Familien,
die sich sorgen. Feuerwehrleute setzen ihr Leben aufs Spiel, um andere
Menschen zu retten. Ein weiterer Aspekt sind Gemeinschaften in von Bränden
verwüsteten Orten: Sie zerfallen, weil jede*r woanders unterkommt.
taz: Alles gute Gründe, um in Prävention zu investieren.
Stoof: Auf jeden Fall! Ich finde, dass wir dazu eine moralische und
ethische Pflicht haben. Wir wissen, dass Prävention die [3][Effekte von
Naturbränden beschränken und die Regeneration verbessern kann]. Aber selbst
wenn die Politik dafür nicht empfänglich sein sollte, sind Prävention und
Beherrschung von Bränden auch viel kostengünstiger als eine Katastrophe.
Also ist es auch finanziell logisch, auf Prävention zu setzen. Worauf
warten wir also noch, um das Thema anzugehen?
26 Aug 2026
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