# taz.de -- De-Extinction von Wisenten: Spaniens neue Feuerwehr
> Der Wisent ist Spaniens neuer Star im Tourismus und im Brandschutzsektor.
> Doch die Wiederansiedelung der fast ausgestorbenen Art sorgt auch für
> Kritik.
(IMG) Bild: Die großen Tiere halten die von Bäumen durchzogene Weidelandschaft sauber
An einem Freitag Ende Juli ließ Raúl Rodríguez seine Tiere frei und seine
Finca hinter sich. Es war der letzte Augenblick, bevor der Waldbrand, der
tags zuvor durch einen in Brand geratenen Pkw ausgelöst worden war, nur 50
Autominuten westlich von Madrid 30.000 Hektar Land verschlang.
Als der 45-Jährige ein paar Tage später zurück kehren konnte, traute er
seinen Augen nicht. Auf der einen Seite des Maschendrahtzaunes war die Erde
schwarz verbrannt, auf der anderen Seite aber war das Gelände vom Feuer
verschont geblieben. Die Flammen hatten die riesige Finca eingeschlossen,
konnten aber nur an wenigen Stellen eindringen. „Das haben wir den Tieren
zu verdanken“, ist sich Rodríguez sicher. „Sie haben alles abgegrast und
haben so eine Art natürliche Brandschneise geschaffen.“
Mit den Tieren meint er vor allem die sieben Wisente, die er seit mehr als
einem Jahr auf dem Gelände hält. Diese größte Rinderart Europas frisst
täglich bis zu 60 Kilogramm – Gras, aber auch viel holziges Gestrüpp und
herumliegende Rinde. Das hält die von Bäumen durchzogene Weidelandschaft
sauber. Die Tiere tragen damit auf natürliche Art zur Brandverhinderung
bei. „Das ist schon länger ausreichend dokumentiert“, sagt Rodríguez. Aber
es mit eigenen Augen zu sehen, sei noch einmal etwas ganz anderes.
Der Immobilienhändler ist erleichtert. Er hat einen Großteil seiner Gewinne
hier investiert und anders als seine Nachbarn beim Brand nur wenig
verloren. Auf 50 seiner 240 Hektar Land entsteht derzeit ein privater
Naturpark, der Bisonte Park Madrid. Neben dem europäischen Bison, wie der
Wisent in Spanien heißt, lebt hier allerlei Rotwild und auch exotischeres
wie etwa Mufflons, die einst aus Asien nach Europa kamen.
## Phönix auf der Weide
Weiter unten auf der Finca züchtet er mit seinem Bruder Jesús und einem
dritten Partner auch Rassepferde und Kampfstiere. Doch sein Herz hängt an
den Wisenten. „Einst gehörten sie hierher, waren auf der iberischen
Halbinsel heimisch“, sagt Rodríguez und verweist auf Höhlenmalereien in dem
weltweit bekannten Altamira.
„Die Wisente halten nicht nur die Landschaft sauber, sie verändern sie,
indem sie wieder Freiflächen zwischen den Bäumen schaffen“, erklärt
Rodríguez, als er im ausgedienten Militärgeländewagen übers Gelände fährt –
immer entlang des Weges, auf dem ab Oktober, wenn der Park aufmacht, die
Besucher die Fauna und Flora bestaunen sollen. „Familien, Schulklassen,
Studenten …“, zählt er auf, an wen sich sein Geschäftsmodell richtet. Die
Besucher sollen gegen Eintrittsgelder die Tiere hautnah erleben, ohne Zaun,
in halbfreier Wildbahn.
Die beiden Brüder, die in einem Dorf in der Provinz Toledo aufgewachsen
sind, finden die Wisentherde schließlich unweit eines großen Zeltes, in dem
in Zukunft Vorträge gehalten werden sollen. Bis zu 50 Meter lassen die
Tiere Menschen an sich heran, bevor das riesige Männchen leicht faucht und
mit entschlossener Körperhaltung herüberschaut.
„Nach dem Feuer sind alle Tiere hier nervöser als zuvor“, sagt Rodríguez.
Die Wisente besonders, denn unter den Tieren befindet sich ein ganz junges
Kalb, geboren kurz vor dem Brand. Sie haben es Phönix genannt, wie der
mythischer Vogel, der aus seiner Asche wieder neu entsteht. Schon jetzt,
Monate bevor der Park öffnen wird, ist der Kleine ein Star. Er und seine
Herde, die die Finca vor dem Brand schützten, gingen durch die gesamte
spanische Presse und durchs Fernsehen.
## Billige Arbeitskräfte
Natürlich kennt auch Enrique Collado, knapp drei Autostunden weiter im
Osten im kleinen Ort El Recuenco, diese Reportagen. Der 29-Jährige ist
Bürgermeister und setzt große Hoffnung in der Wisente. „Der Gemeinde
gehören 6.000 Hektar Wald und Wiesen“, sagt der Ortsvorsteher des
80-Seelen-Dorfes. Ein Teil davon soll jetzt mit Wisenten gepflegt werden.
Seit Januar weidet ein paar Kilometer außerhalb des Ortes eine neunköpfige
Herde auf 400 Hektar Land, umgeben von Elektrozaun.
Die Gegend in Zentralspanien, in der die Provinzen Guadalajara, Cuenca und
Teruel zusammentreffen, ist so dünn besiedelt wie sonst in Westeuropa nur
Lappland. „Wir haben keine Schaf- und Ziegenherden mehr, niemanden, der vom
Holz lebt“, erklärt der junge Kommunalpolitiker, warum der Wald so
vernachlässigt aussieht.
Schon vor Jahrzehnten wanderte ein Großteil der Bevölkerung ab, darunter
auch die Eltern von Collado. Er wurde in Madrid geboren, studierte dort
Telekommunikationstechnik und kam vor ein paar Jahren ins Dorf seiner
Eltern, um dort zu leben, wo er immer die Sommerferien mit dem Großvater
verbracht hatte.
Die Landschaft sauber zu halten, damit ein mögliches Feuer keine Nahrung
findet, sei mit menschlicher Arbeit so gut wie unmöglich. „Wir haben weder
Personal noch das Geld dafür“, gibt Collado zu bedenken. 1.200 bis 3.000
Euro würde es pro Hektar kosten, die Wälder mit Waldarbeitern sauber zu
halten. „Die Wisente sollen nach und nach diese Arbeit übernehmen –
weitgehend kostenlos.“
## Wildheit, importiert aus Osteuropa
Dass dieser Plan funktionierten kann, glaubt auch Lídia Valverde,
Sprecherin von [1][Rewilding Spain]: „30 bis 40 Prozent der Nahrung der
Wisente sind hölzernes Gestrüpp, das weidet keine andere Tierart ab“. Ziel
der Organisation ist es, ausgestorbene Tiere neu anzusiedeln, ihre Arbeit
versteht sie als „Renaturierungsinitiative, um beschädigte oder verloren
gegangene ökologische Prozesse in dem Gebiet wiederherzustellen“, wie es
heißt. Und Teil des Planes ist auch die Herde in El Recuenco.
Die Tiere stammen ebenso wie die im Bisonte Park bei Madrid von einem
Züchter in der Provinz Segovia in Zentralspanien. Der wiederum bekam die
ersten Exemplare aus Osteuropa. Neben den Wisenten hält Rewilding
Przewalski-Pferde und Tauros, eine Rückzüchtung aus Holland, die dem
Ur-Rind sehr nahe kommt.
„Die Wisente waren in ganz Europa so gut wie ausgestorben“, sagt Valverde.
Nur in Osteuropa, so etwa in Polen, gab es noch Exemplare. „Wir
untersuchen, inwieweit sich die Tiere an das mediterrane Klima anpassen“,
sagt Valverde. Bisher gebe es keine Probleme. Etwas, was auch die Betreiber
des Bisonte Parks Madrid bestätigen. Die Tiere vertrügen die heißen
trockenen Sommer gut, heißt es dort.
„Wir wollen, dass unsere Projekte auch positive Auswirkungen auf die Dörfer
haben, als Motor für eine wirtschaftlich soziale Entwicklung dienen“, sagt
Valverde. Und tatsächlich ist es der Tourismus, der den Dörfern, aus denen
einst die Menschen in Scharen abwanderten, wieder eine Perspektive gibt. Es
entstehen neue Landhäuser für Urlauber*innen, es gibt wieder genügend
Kundschaft für Gastronomie und Einzelhandel und es kommen Menschen, die
sich dem Ökotourismus widmen.
„El Recuenco ist von 60 auf 80 feste Einwohner angewachsen. Wir habe sogar
wieder genug Kinder, um die Schule zu öffnen“, sagt Bürgermeister Collado.
3 sind dafür nötig, 5 sind es mittlerweile im Ort. Der Antrag bei der
Schulbehörde läuft.
## Sterne, Pilze, Urzeittiere
Ximo Casanova ist einer von denen, die sich einem neuen Leben hier inmitten
der Natur verschrieben haben. Der 55-Jährige hat seine Autowerkstatt am
Mittelmeer unweit von Valencia verkauft und sich in der Region
niedergelassen. Nach einer Ausbildung als Wanderführer und Leiter für
astronomische Beobachtungen und Pilzkunde führt er jetzt Besucher aus den
Großstädten durch die Natur. Geführte Wanderungen, Mountainbiketouren und
Pilzesuchen im Herbst – es gibt immer Kundschaft.
Natürlich verdiene er weniger als früher. „Aber ich habe einen Traum wahr
gemacht, ich lebe in einem der am naturbelassensten Gebiete Spaniens“, sagt
Casanova. Noch als Städter sei er Wochenede für Wochenende auf einem
Campingplatz in der Region zu Besuch gewesen.
Die Wisentsichtungen für die kommenden Wochen sind ausgebucht. Sie seien
ein riesiger Tourismusmagnet. So große Tiere und dann auch noch in
weitgehend freier Wildbahn, das sei ein einzigartiges Erlebnis. „Klar
kannst du auch ohne Führung hierherkommen, es ist ja ein öffentliches
Waldstück, aber die Chance, sie zu sehen, ist mit uns größer“, sagt
Casanova.
Reiseleiter wie er bekommen von Rewilding Spain kostenlosen Zugang zu den
GPS-Daten der Herde. Aber auch das ist nicht immer eine Erfolgsgarantie. Am
Vortag sollen Touristen mit freilaufenden Hunden im Wald gewesen sein,
trotz strikten Verbots. Das habe die Tiere verschreckt. Die Herde hat sich
tief ins dichte Unterholz zurückgezogen. Die GPS-Sender haben keinen
Empfang. Nur ein Männchen lässt sich an einer Wasserstelle blicken.
Ruhig, aber angespannt schaut es zu der Menschengruppe herüber. Die
Schilder überall an den Eingängen zum Waldstück mahnen 100 Meter
Mindestabstand an. Angesichts der beeindruckenden Größe der Tiere vesteht
sich das von sebst.
## Streit unter Wissenschaftlern
Während die Presse die Ansiedlung der Wisente mit Ausdrücken wie
„historisches Ereignis“ oder „zum ersten Mal seit Jahrtausenden“ feiert,
sorgt das Projekt für Debatten unter Wissenschaftlern. Die Wisente, die es
einst in Spanien gab, gehören nicht zur selben Rasse wie die aus Osteuropa,
kritisieren manche. „Die Einführung einer Art in eine fremde Umgebung ist
ein riskantes Unterfangen, wie die Beispiele der Kaninchen in Australien
oder der Amerikanischen Flusskrebse in Europa zeigen“, warnt deshalb Carlos
Nores.
Der pensionierter Professor von der Universität Oviedo und Sprecher einer
Forschergruppe [2][warnt vor irreversiblen Schäden für die Natur]. Invasive
Arten seien für 60 Prozent aller Artenausrottungen verantwortlich, mahnt er
und die Folgen seien wegen der komplexen Wechselwirkungen zwischen den
Ökosystemkomponenten nicht vorhersehbar. Die Wisente könnten etwa Rotwild
das Futter streitig machen und es so verdrängen. So lange die Gefahren
nicht genau untersucht würden, dürften die Wisente gar nicht erst
ausgesetzt werden.
An den Universitäten des Baskenlandes und im britischen Manchester
untersuchen sie daher die Auswirkung der Ansiedlung der Wisente auf die
Ökosysteme und auf die Tiere selbst. Die Studien werden wichtig sein, wenn
es darum geht, irgendwann einmal zu entscheiden, ob Tiere ganz ausgewildert
werden, anstatt sie nur halbfrei zu halten. „Noch liegen keine endgültigen
Ergebnisse vor“, sagt Jurgi Cristóbal von der Universität des Baskenlandes.
„Es geht darum, herauszufinden, in welchen Klimazonen sie leben können“,
sagt er. Bisher sehe alles danach aus, dass die Tiere die heißen Sommer in
Guadalajara gut vertragen. Auch der Winter, wenn die Temperaturen hier
deutlich unter Null Grad sinken, sei kein Problem. „Die Wisente passen sich
gut an unterschiedliche Gegebenheiten an“, glaubt Cristóbal.
## Der Wisent soll bleiben
Und sie gehörten eben nicht zu einer völlig fremden Art, sagt der Forscher
und verweist auf eine neuste Entdeckung in Nordspanien. Dort wurden Knochen
eines Wisents mit einer Pfeilspitze aus Bronze gefunden. Erste
DNA-Untersuchungen ergaben, dass es sich um einen europäischen Bison und
nicht um den südeuropäischen, völlig ausgestorbenen Steppenbison handelt,
berichtet Cristóbal. Sollte sich das bestätigen, wäre es der Beweis, dass
zumindest in der Bronzezeit die Wisente, wie wir sie heute noch kennen, auf
der iberischen Halbinsel waren.
In einer der laufenden Untersuchungen vergleichen Forschende derzeit das
Gelände, auf dem die Wisente weiden, mit einem unberührten
Vergleichsgrundstück. Und es zeigt sich: Das, was die Wisente abweiden,
fressen weder Kühe noch Schafe noch Ziegen noch Rotwild. Und genau diese
ökologische Leerstelle sei es gewesen, die der Natur geschadet habe.
19 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.theguardian.com/commentisfree/2022/may/28/rewilding-greenwash-land-schemes
(DIR) [2] https://conbio.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/csp2.13221
## AUTOREN
(DIR) Reiner Wandler
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