# taz.de -- Erster Spielfilm von Brezel Göring: Männer sind ein Problem
       
       > Brezel Görings Spielfilm „Für immer 16“ ist ein Super-8-Spektakel. Bunt,
       > frei, bekloppt. Er beruht auf dem Roman „Lebenslänglich vierzehn“ von
       > Françoise Cactus.
       
 (IMG) Bild: Fein grobkörnige Bilder: Oskar (Chang Wang), Charlotte (Lilith Stangenberg) und Helena (Mücke) in „Für immer 16“
       
       „Sie sprang auf und betrachtete sich im Spiegel. Wirklich, sie hatte die
       Nase voll davon, hässlich zu sein, jeden Tag hässlicher zu werden! Ihre Wut
       ließ sie noch schauderhafter aussehen […] Sie war zu alt, und es wurde
       immer schwieriger, es zu vertuschen.“ [1][„Lebenslänglich vierzehn“ heißt
       der Roman der verstorbenen Françoise Cactus], der vor einigen Jahren,
       posthum und pünktlich zu Cactus' 60. Geburtstag, im Band „Oh Oh Mythomanie“
       erschienen ist.
       
       [2][Partner und Bandkollege Brezel Göring], mit dem Cactus 1993 die
       illustre [3][Musikgruppe Stereo Total] gründete, hat die Auswahl des sehr
       bunten, sehr lustigen Kompendiums kuratiert. Von dessen Cover guckt eine
       ziemlich coole Françoise Cactus: herausfordernd und offen, von
       draufgängerischer Wärme. Das Buch versammelt Gedichte, frech-laszive
       Zeichnungen, Fotografien – und ebenjenen Roman, den Cactus eigentlich auf
       eine Länge von 600 Seiten ausdehnen wollte. In seiner veröffentlichten
       Fassung sind es 160 Seiten geworden. Sie sind es, die Brezel Göring nun als
       Drehbuchvorlage für seinen ersten Film dienten. Sein Titel: „Für immer 16“.
       
       Er kommt nicht von ungefähr. Auf dem Album „Musique Automatique“ (2001),
       das direkt mit einigen der populärsten Stereo-Total-Stücke eröffnet
       („Musique automatique“, „Liebe zu dritt“, „Wir tanzen im 4-Eck“), harrt das
       kurze „Für immer 16“ an achter Stelle. „Ich könnte deine Mutter sein / Dann
       hättest du den Salat / Aber für mich wäre das fein / Hinten auf deinem
       Fahrrad / Ich will bleiben …“. Und als Cactus am 17. Februar 2021 dem
       Brustkrebs erlag, schrieb Göring: „Rest in peace, notre amie! FOREVER 16!“
       
       Der lange Vorlauf, bevor es um den Film gehen darf, hat einen Grund. Denn
       obwohl „Für immer 16“ als eigenständiges Werk sehr gut bestehen kann, ist
       sein ganzer Kern doch eingemeindet in das Werk Stereo Totals und vielleicht
       noch mehr in die Biografie Françoise Cactus'. Kurz: „Für immer 16“ macht
       Spaß, wenn man ihn einfach so sieht. Aber es macht auch Spaß, wenn man beim
       Lesen plötzlich die Stimme Lilith Stangenbergs im Ohr hat.
       
       Eine eher leise, wenig prononcierte Stimme, was vielleicht daran liegt,
       dass Göring „Für immer 16“ vorvertont hat: Die Tonspur ist das Ergebnis der
       ersten Leseproben des Drehbuchs. Stangenberg spielt Charlotte, Zentrum und
       Abgehängte, eine durch ein überraschendes Erbe zu Reichtum gekommene
       mittelprächtige Schauspielerin mittelprächtiger TV-Formate mittleren
       Alters. Wie die Buch-Charlotte findet sich auch die Film-Charlotte
       unansehnlich. Man solle sie erst einmal im Badeanzug erleben, da könne man
       sehen, wie sehr sie zugenommen habe. All diese Fettröllchen …
       
       ## Sie erlebt sich so
       
       Das ist, betrachtet man Stangenberg in „Für immer 16“ und auch sowieso,
       natürlich völlig absurd, fast schon verletzend – so schön, so jung torkelt,
       raucht, sinniert sie durch Palermo. Im Buch ist Charlotte, wie Cactus
       gleich das erste Kapitel betitelt, „alt und potthässlich!“ Zumindest erlebt
       sie sich so. Einerseits könnte Göring damit den Umstand karikieren, dass
       Frauen nicht selten die Tendenz haben, sich grundlos niederzumachen.
       Andererseits ist die Besetzung mit jungen Darstellerinnen – die im Roman
       sicherlich zwischen 50 und 60 Jahre alte Helena wird im Film von der
       17-jährigen Mücke verkörpert – auch ein schlauer Kniff.
       
       Im Vorwort zu „Oh Oh Mythomanie“ schreibt Brezel Göring: „Die Erzählung
       sollte, so der Plan von Françoise, unterbrochen werden durch Rückblenden
       über das Treiben der drei Protagonisten in der Subkultur der Mauerstadt.“
       Und tatsächlich schimmern derlei Momente in „Lebenslänglich vierzehn“
       häufig durch. Es sind lesenswerte und amüsante Einsprengsel, bissige
       Kommentare über dünne Speed-Männer und -Frauen in den achtziger Jahren, die
       riesiger und riesiger werdende Love Parade („quelle horreur!“).
       
       Auf sie wird in „Für immer 16“ – wahrscheinlich auch aus
       produktionstechnischen Gründen – verzichtet. Genauso wie auf die spanische
       Vulkaninsel Lanzarote und die eindrucksvolle Villa, in die sich Charlotte,
       Helena und deren schwuler Freund Oskar (besetzt mit Drummerin Chang Wang
       aus Görings Bandprojekt Psychoanalyse) eingemietet haben. Dafür ist ein
       wunderbar verdrecktes, eher hässliches Palermo zu sehen. Müll am Strand,
       schäbige Bettenburgen.
       
       ## Den Vibe früherer Tage aufleben lassen
       
       Hier arbeiten sich die drei an den Ruinen ihrer Freundschaft ab. Ein
       schöner, wenn auch obskurer Fremder, der mit allen ein Techtelmechtel
       beginnt – Rudolph (Twiggy Glouglou) –, sorgt für Schärfe und Streit.
       Ohnehin sind Männer ein Problem: So bereitet Charlottes sehr viel jüngerer
       Freund, der sich entweder nur sporadisch und wenn, dann gelangweilt meldet,
       Kummer. Immerhin kann Rudolph für das Trashfilm-Projekt nutzbar gemacht
       werden, das die drei ehemaligen amies initiieren, um den Vibe früherer Tage
       aufleben zu lassen.
       
       In ihm sinnt die Serienmörderin Demenzia auf Rache, Rudolph wird mit
       allerlei Low-Budget-Tricks zu Leibe gerückt. In „Lebenslänglich vierzehn“
       sind Charlotte, Helena und Oskar durch Garstigkeit miteinander verbunden.
       Ihr gemeinsames Projekt („Die Friseure“) samt Kunstraum auf der Potsdamer
       Straße ist auch Hauptzentrale der Lästerei und Abgrenzung. Im Morden nun
       kommen sich die drei in Buch und Film wieder und endlich näher. Das
       geteilte Feindbild „Mann“ verbindet – nicht umsonst war ein früheres
       Vorhaben von „Die Friseure“ eine Soap-Opera, basierend auf Valeria Solanas
       S.C.U.M.-Manifest.
       
       Der Film-im-Film-Dreh wird zum Hauptmotiv in Brezel Görings knackig kurzem
       (73 Minuten) Super-8-Spektakel. Die Bilder von Kameramann und Produzent
       Stephan Holl sind alles andere als amateurhaft, sie sind bunt, frei,
       bekloppt. „Für immer 16“ könnte die Pulp-Verfilmung eines frühen Georges
       Simenon (den Charlotte verehrt) sein, gekreuzt mit einer guten Portion
       Female Revenge. Eine Spielwiese, immer wieder kommentiert von den Stücken
       Stereo Totals.
       
       Im Anschluss an die Vorführung sagt Göring, Idee sei es gewesen, „die
       Stimme der Verstorbenen noch mal zu Gehör zu bringen“. Das geschieht
       selbstredend durch die gesungenen Zeilen der Françoise Cactus. Sie
       vermittelt sich aber auch durch die Nöte und Unverfrorenheit der
       Protagonist:innen, ihr Nicht-einverstanden-Sein mit dem Erwachsenwerden. Im
       Buch erkennt Charlotte ihre alten Freunde sofort wieder: „Die einzigen
       schrägen Vögel, die einzigen lebendigen Wesen inmitten der
       Neckermann-Zombies.“ Lebensüberdrüssig sind sie trotzdem. „Aber sterben
       wollten sie erst nach dem Urlaub.“
       
       25 Aug 2026
       
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