# taz.de -- Spanienrundfahrt mit KI: Digitale Zwillinge im Rennen
       
       > Auch bei der Vuelta ist der Einsatz von KI bei allen Radsportteams
       > selbstverständlich. Es geht um Renntaktik, bessere Aerodynamik und vieles
       > mehr.
       
 (IMG) Bild: Auch die KI hat bei der Spanienrundfahrt alles im Blick und wertet Unmengen von Daten aus
       
       Profiradsport ist ohne KI nicht mehr zu denken. Zwar treten auch jetzt bei
       der Spanien-Rundfahrt die Radprofis noch höchstselbst in die Pedalen. Sie
       nähern sich aber immer mehr dem Ideal- oder auch Drohbild des gläsernen
       Athleten, dessen Leistungsparameter überwacht werden und der sich an
       digital erstellten Taktiken orientieren soll.
       
       Die führenden Rennställe jedenfalls arbeiten sehr intensiv mit KI-Firmen
       zusammen, UAE Team Emirates seit Jahren schon mit der in Abu Dhabi
       angesiedelten Firma G42. Visma – Lease a Bike bedient sich seit dieser
       Saison der Expertise des französischen KI-Anbieters Mistral. „Wir
       versprechen uns viel davon“, sagte Teammanager Richard Plugge am Rande der
       Tour de France der taz. Bei der britischen Konkurrenz, einst als Team Sky
       Branchenführer im Radsport, ist mit dem neuen Namenssponsor Netcompany
       sogar ein KI-Unternehmen ganz direkt in die Finanzierung eingestiegen. „Das
       ist mehr als Sponsoring, das ist eine Partnerschaft. Ihre Software hilft
       uns, den Rennstall als Gesamtes zu managen und zu einem ganz neuen
       Verständnis und besseren Niveau von Datenanalyse zu gelangen“, zeigte sich
       Patron David Brailsford begeistert.
       
       Auch die beiden deutschen Rennställe holen sich KI-Kompetenz: Lidl Trek von
       der US-Firma ServiceNow. Red Bull – Bora – hansgrohe kann auf die
       hauseigene Technologieplattform des Getränkeherstellers bauen.
       
       Die Anwendungsfelder erstrecken sich in viele Bereiche des Radsports. Team
       Decathlon um Felix Gall, aktuell mit Podiumsambitionen bei der Vuelta
       unterwegs, setzt digitale Zwillinge ihrer Rennfahrer unter anderem zur
       Verbesserung der Aerodynamik ein. „So können wir unterschiedliche
       Positionen auf dem Rad testen, aber auch ganz individuell herausfinden,
       welche Schichten von welchem Material an welchen Stellen von Arm oder
       Oberkörper die meisten Vorteile bringen“, erklärte Head of Performance
       Stephen Barrett. Dieses Testen kann ohne teure Stunden im Windkanal
       erfolgen. Für Windkanaltests werden dann mittels 3D-Druck hergestellte
       lebensgroße Mannequins eingesetzt.
       
       ## Für den besseren Überblick
       
       Die digitalen Zwillinge der Fahrer sind mittlerweile eine wertvolle
       Erkenntnisquelle für die Trainer. „Es gibt mittlerweile so viele Daten und
       so viele Parameter. Um da als Trainer den Überblick zu behalten, wie der
       Körper auf welche Belastung reagiert, wird immer mehr auf KI gesetzt“,
       erzählt Dan Lorang, lange Jahre Chefcoach bei Red Bull – Bora – hansgrohe
       und bei Lidl Trek unter Vertrag. Dabei fließen sehr unterschiedliche Daten
       in das Gesamtbild ein: die Wattzahlen und Herzfrequenz, aber auch
       Blutbilder und Schlafdaten.
       
       In nicht allzu ferner Zukunft hält Lorang sogar eine Art KI gestütztes
       Frühwarnsystem hinsichtlich Fehlbelastungen für realistisch: „Vielleicht
       geht dann irgendwo ein Lämpchen an und sagt: Oh, der und der Parameter hat
       sich schon seit drei Tagen nicht mehr richtig erholt. Vielleicht solltest
       du da mal hinschauen. Und der nächste Schritt ist dann, dass das System
       sagt: Ja, das war übrigens vor drei Monaten schon mal der Fall.“
       
       Den menschlichen Trainer wird all das nicht ersetzen, jedenfalls nicht im
       Hochleistungssport, bei dem es auch auf die individuelle Ansprache ankommt.
       Darin sind sich Experten wie Lorang und Barrett einig. Und auch die
       sportlichen Leiter im Rennen dürften nicht so schnell durch digitale
       Konkurrenz ersetzt werden, selbst wenn bei Taktikplanung und
       Pacingstrategien immer mehr durch künstliche Intelligenz verknüpfte Daten
       zum Einsatz kommen. „Wir kennen das Gewicht der Fahrer, wissen, welche
       Leistungen sie über welche zeitlichen Perioden leisten können. Und wir
       können auch die topografischen Daten der Strecke inklusive
       Wetterbedingungen wie Windrichtung und Windgeschwindigkeit einfließen
       lassen, um dann die ideale Strategie für eine Etappe zu entwickeln“, sagt
       Barrett.
       
       Das ist schon Radsportalltag. Red Bull – Bora – hansgrohe etwa pilotierte
       dank einer so entwickelten Pacingstrategie, die auch noch prognostizierte
       Daten über das Leistungsvermögen der Konkurrenz einbezog, den jungen
       Australier Luke Tuckwell zum zweiten Platz beim Tourvorbereitungsrennen
       Auvergne-Rhône-Alpes. „Er musste das natürlich noch umsetzen, mithilfe auch
       seiner Teamkollegen. Aber der Plan ging auf“, freute sich Red Bulls neuer
       Cheftrainer John Wakefield. Der disziplinierte KI-Anwender Tuckwell ist
       auch jetzt bei der Vuelta im Einsatz – und dort vielleicht für die nächste,
       digital vorgeplante Überraschung gut.
       
       25 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tom Mustroph
       
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