# taz.de -- Ireti Amojo über Basketball-WM in Berlin: „Wir wollen das Event nutzen“
       
       > Am Freitag startet die Basketball-WM in Berlin. Ligachefin Amojo spricht
       > in der taz über ihre Erwartungen an die WM und das deutsche Team und was
       > den Sport politisch macht.
       
 (IMG) Bild: Noch ein Ausnahmezustand: das WM-Testspiel gegen die Türkei in Köln vor vollen Zuschauerrängen
       
       taz: Frau Amojo, der Frauenbasketball boomt. Für die WM in Berlin wurden
       vorab schon über 200.000 Tickets verkauft. Hätten Sie sich das vor zehn
       Jahren vorstellen können? 
       
       Ireti Amojo: Absolut nicht. Das ist eine der schönsten Überraschungen der
       letzten Jahre. [1][Wir verdanken das vor allem den Stars,] die wir
       mittlerweile im Frauenteam haben. Viele dieser Spielerinnen haben sich
       durch viel Eigenmotivation und Kraft auf die internationale Bühne gehievt.
       Das ist bei diesem vermeintlichen Nischensport, der neben Fußball und
       Männerbasketball in Deutschland gern mal vergessen wird, echt
       bemerkenswert.
       
       taz: Sie haben selbst professionell Basketball gespielt, 2014 und 2016
       sogar im Nationalteam. Wie hat sich der Frauenbasketball in den letzten
       Jahren entwickelt? 
       
       Amojo: Er ist enorm, fast drastisch gewachsen. Schaut man auf die USA, auf
       die Umsätze und den Wert der WNBA-Teams mittlerweile, ist es sogar [2][die
       am schnellsten wachsende Frauensportart] weltweit. Dort sind der Markt und
       die Aufmerksamkeit insgesamt größer als der Frauenfußball weltweit. Davon
       ist Deutschland natürlich noch weit entfernt. Aber auch hier sehen wir
       Wachstum, vor allem durch den sportlichen Erfolg des Frauennationalteams,
       unserem Leuchtturm im deutschen Frauenbasketball. Es ist schön zu sehen,
       wie durch deren sportlichen Erfolg die Aufmerksamkeit steigt und es mehr
       Berichterstattung gibt.
       
       taz: Eine Heim-WM kann für mehr Aufmerksamkeit sorgen. Was erhoffen Sie
       sich? 
       
       Amojo: Wir werden nicht von heute auf morgen den Frauenbasketballboom wie
       in der WNBA auch in Deutschland spüren. Dafür müssen strukturell Weichen
       gestellt werden. Wir haben jetzt als Liga erstmals Standards aufgestellt
       und sind dabei, sie umzusetzen, um den Basketball zu professionalisieren.
       
       taz: Welche zum Beispiel? 
       
       Amojo: Es soll in den Hallen zu Wettkämpfen und Spieltagen auf Parkettböden
       gespielt werden, auf denen nur Basketballlinien zu sehen sind. Oder die
       Vereine sollen LED-Banden um den Spielfeldrand herum aufstellen, um ein
       professionelleres Bild abzugeben. Die Spiele sollen perspektivisch nicht
       nur im Youtube-Stream, sondern auch auf anderen Streaming-plattformen
       übertragen werden. Im Nachwuchsbereich sollen Trainer und Trainerinnen
       hauptamtliche eingestellt werden. Auch die Hallenkapazitäten wollen wir
       steigern. In einigen Hallen finden aktuell maximal 600 Zuschauende Platz.
       Wenn das Interesse steigt – was zurzeit der Fall ist –, brauchen wir
       größere Hallen an unseren Erstligastandorten.
       
       taz: Orientiert sich die Liga dafür an den USA? 
       
       Amojo: Nein, das ist nicht zielführend. Das wäre Äpfel mit Birnen
       vergleichen. Deutschland ist ein anderer Markt und hat starke
       Vereinsstrukturen. Wir müssen schauen, wie der deutsche Frauenbasketball
       sinnvoll und nachhaltig wachsen kann.
       
       taz: Im Profifußball sind alle Erstligistinnen an einen
       Männer-Bundesligaverein angeschlossen, der diese dann querfinanziert. Im
       Basketball ist das kaum so. 
       
       Amojo: Mit Alba Berlin und dem MBC aus Weißenfels und Halle, gibt es
       zurzeit zwei Standorte in der ersten Liga, die dieses Konzept à la
       Fußballbundesliga-Vorbild fahren. Hier können die Frauen von den
       strukturellen Vorteilen profitieren. Vielleicht investieren in Zukunft mehr
       Männerstandorte in Frauenteams. Die traditionellen Frauenvereine gehören
       jedenfalls zur Identität der Liga. Es ist wichtig, alle mitzunehmen und die
       Professionalisierung in kleinen Schritten voranzutreiben. Wir stellen uns
       auf einen Marathon ein, nicht auf einen Sprint. Wir haben aktuell sowieso
       nur zehn, und damit zu wenig Vereine in der ersten Liga.
       
       taz: Auf Nationalteam-Ebene wird dagegen stark zusammengearbeitet. Zuletzt
       gab es in Köln ein Doppelspiel. Da haben die Frauen und danach die Männer
       in der gleichen Halle gespielt. 
       
       Amojo: Ja, da gehen sie mit gutem Beispiel voran. Da können wir uns als
       Liga eine Scheibe von abschneiden.
       
       taz: Die meisten Nationalspielerinnen stehen ja im Ausland unter Vertrag. 
       
       Amojo: Das ist das größte Problem. Jedes Mal, wenn ein Bundesligastandort
       ein junges Talent an ein US-amerikanisches College verliert oder an eine
       bessere europäische Liga, schmerzt es. Wir können es nur schaffen, dass der
       Frauenbasketball in Deutschland in die Breite wächst und sich verbessert,
       wenn wir Vorbilder haben und sich mehr Kids von starken Spielerinnen
       inspiriert fühlen. Am einfachsten ist das, wenn die in derselben Stadt
       spielen, man am Wochenende seine Idole auf dem Parkett sehen kann. Es ist
       zurzeit total nachvollziehbar, dass wir viele Talente und werdende Stars
       verlieren. Die Liga ist noch nicht auf dem Stand, dass sich Spielerinnen
       hier optimal entwickeln können. Das große Ziel ist, das zu ändern.
       
       taz: Das ist eine Geldfrage? 
       
       Amojo: Definitiv. Es ist auch eine Geldfrage, in einen Parkettboden zu
       investieren oder Nachwuchstrainer einzustellen. Wachstum geht nicht ohne
       Geld. Je nach Standortbedingungen, ob Großstadt, Ballungsgebiet oder
       ländliche Region, muss man schauen, ob und wie man vor Ort Partner findet,
       die in den Verein investieren und helfen, Strukturen aufzubauen. Man kann
       auch mit der Politik vor Ort zusammenarbeiten. [3][Alba ist da ein sehr
       gutes Beispiel,] wie sie mit dem Senat mit gemeinsamen Förderprojekten in
       den Nachwuchs investieren.
       
       taz: Schauen wir auf die WM. Wen sehen Sie als Favoriten? 
       
       Amojo: Der amtierende Weltmeister USA ist natürlich der größte Favorit.
       Jedoch sind zwei ihrer erfahrensten Spielerinnen nicht dabei. Das macht das
       Turnier offener. Auch Frankreich hat gute Medaillenchancen. Ich sehe die
       USA nicht einfach durchmarschieren.
       
       taz: Und das deutsche Team? 
       
       Amojo: Dass [4][Satou Sabally] nicht spielen kann, ist ein herber Schlag.
       Dennoch haben wir viel Qualität im deutschen Team. Dass die
       WNBA-Spielerinnen erst später dazukommen konnten, ist natürlich bitter,
       aber alle guten Teams hatten diese Herausforderung. Auch Frankreich und die
       USA bestehen fast nur aus WNBA-Spielerinnen, die werden kaum vorab
       gemeinsam trainiert oder gespielt haben. Für alle gelten die gleichen
       Bedingungen, obwohl die nicht optimal sind für so ein Turnier.
       
       taz: Welchen Stellenwert hat die WM, wenn die WNBA-Saison gleichzeitig
       stattfindet und nur eine kleine Pause dafür einlegt? 
       
       Amojo: Das ist eine große Herausforderung, dass die internationalen
       Turniere nicht mit der WNBA abgestimmt sind. Ich bin davon überzeugt,
       [5][dass A’ja Wilson], die die definitiv beste Spielerin dieses gesamten
       Turniers gewesen wäre, nicht kommt, weil sich vergangene Woche in ihrem
       Team, den Las Vegas Aces, die zweitwichtigste Spielerin auf ihrer Position
       verletzt hat. Da die WNBA-Spielerinnen kurz nach der WM in die Playoffs
       starten, wird Wilson die WNBA priorisiert haben. Das ist für einen
       Wettbewerb, bei dem man hofft, die besten Spielerinnen der Welt spielen zu
       sehen, nicht optimal.
       
       taz: Sie sind Vorstandsvorsitzende der DBBL und bei der WM als
       Kommentatorin dabei. Wie vereinen Sie die beiden Funktionen miteinander? 
       
       Amojo: Ich bin bei der WM hinterm Mikro in erster Linie TV-Expertin für
       Magenta-Sport. Ich habe vor anderthalb Jahren zugesagt, dass ich das machen
       möchte, das begleitet mich also schon viel länger, als meine Rolle im
       Vorstand. Natürlich ist beides aber nicht voneinander zu trennen. Wir
       werden zum Auftaktwochenende der WM eine Ligasitzung und Workshops mit
       allen Vereinsverantwortlichen der ersten und zweiten Liga haben, weil wir
       dieses Event auch nutzen wollen, um zusammenzukommen, voneinander zu lernen
       und uns auszutauschen.
       
       taz: Sie selbst setzten sich viel für Diversität im Basketball ein. Wie
       politisch ist der Frauenbasketball? 
       
       Amojo: Er ist durchaus politisch, im Fall der WNBA sogar aktivistisch. Das
       ist naheliegend. Immer, wenn Frauen erfolgreich Sport machen, bieten sie
       Angriffsfläche für kritische gesellschaftliche Diskurse. Gerade in der WNBA
       sind sehr viele schwarze Frauen Aushängeschild der Liga. Damit gehen
       natürlich sehr viele politische Diskurse einher.
       
       taz: Was gerade vor allem in Deutschland ankommt, ist der Kulturkampf
       bezüglich Rechte von trans Personen innerhalb der WNBA. 
       
       Amojo: In der WNBA gibt es keine einzige trans Athletin, und trotzdem wird
       dieser Diskurs auf dem Rücken der Liga ausgetragen. Da muss man vorsichtig
       sein, diesen polarisierenden Stimmungsmachern nicht zu viel Bühne zu geben.
       
       4 Sep 2026
       
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