# taz.de -- Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Was, wenn der Kultur die Puste ausgeht?
> Im Nordosten ist über Jahre etwas gewachsen: Orte, an denen Menschen
> zusammenkommen, die sich sonst kaum noch sehen. Ein AfD-Sieg würde sie
> bedrohen.
(IMG) Bild: Gehen die Menschen nicht zur Kultur, kommt die Kultur zu ihnen: Hier ein Mann mit Blasinstrument
Ein ausgebauter Anhänger fährt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte von
Ort zu Ort und klappt sich zur Bühne auf: das KulturMobil des simsalArt e.
V. Es ist genau das Bild, das man vor Augen hat, wenn von Kultur in
Mecklenburg-Vorpommern die Rede ist – Einzelkämpfer:innen in fast
verlassenen Dörfern, die heldenhaft Begegnungsorte schaffen und dabei oft
Anfeindungen von rechts ausgesetzt sind.
Das Bild hat seine Berechtigung. Aber es lenkt vom eigentlichen Problem ab.
Denn was in Mecklenburg-Vorpommern entstanden ist, ist mehr als [1][eine
Handvoll heldenhafter Einzelner]. Das Land hat eigene Fachstellen
geschaffen – für Soziokultur, für kulturelle Bildung, für Literatur, für
Bibliotheken –, und dass es sie überhaupt gibt, zeigt, wie viel sich in den
zurückliegenden Legislaturperioden bewegt hat. Das Bewusstsein für die
Bedeutung von Kultur im ländlichen Raum wie in den Klein- und Großstädten
ist gewachsen, auch bei den regierenden Parteien und in der Verwaltung. Es
ist, mit anderen Worten, etwas aufgebaut worden, das man verlieren kann.
In Rostock organisiert eine ehrenamtliche Initiative Sonderfahrten aus den
Stadtteilen zum Volkstheater; das Literaturhaus knüpft Kontakte zu
Stadtteilbüros und Begegnungszentren, um dort Veranstaltungen zu bieten.
Wenn man diese Initiativen schildert, geraten darüber oft die
Rahmenbedingungen aus dem Blick. Kultur ist eine Querschnittsaufgabe, die
so unterschiedliche Bereiche wie Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und
Soziales und sogar Bau berührt. Geleistet wird sie jedoch bislang
ausschließlich aus dem Kulturetat des Landes und der Kommunen, ergänzt aus
Programmen wie „Demokratie leben!“ oder mithilfe einzelner Stiftungen, von
denen es vor Ort nur wenige gibt.
Vor den Landtagswahlen am 20. September können die Institutionen und freien
Akteur:innen laut aktuellen Umfrageergebnissen hoffen, dass eine stabile
Mehrheit ohne die AfD zustande kommt. Anders als in Sachsen-Anhalt gibt
sich die Partei in Mecklenburg-Vorpommern in Kulturfragen einsilbig und
weniger angriffslustig, schreibt nur von „deutscher und europäischer
Kultur“ und will „Ideologisches“ auf den Prüfstand stellen – ein Nachsatz,
der es allerdings in sich hat, weil er sich beliebig ausdeuten lässt.
## Eine Frage der Finanzierung
Doch auch ohne eine AfD in der Landesregierung: Sicher ist die Kultur in
Mecklenburg-Vorpommern damit noch lange nicht. Manchmal sind es
Detailfragen, die keinen Aufschrei erzeugen und an denen doch viel
entschieden wird. Engagierte Projekte bleiben jährlich befristet und müssen
sich neu erfinden, bis den Menschen, die sie tragen, die Kraft ausgeht. Die
Kunst- und Musikschulen bleiben auf ihren gerechtfertigt höheren
Mindesthonoraren sitzen, weil die Förderung nicht mitwächst. Und die
nächste Bibliothek? Sie schließt, wenn die zuständige Fachkraft in Rente
geht und der Kommune das Geld für eine neue fehlt.
Wahrscheinlich wird es keine AfD-geführte Schweriner Landesregierung und
keine Eingriffe in die Kunstfreiheit brauchen, um das kulturelle Leben in
zwei Jahren vielerorts zum Erliegen zu bringen. Es ist ganz banal eine
Frage der Finanzierung vor dem Hintergrund einer katastrophalen
Haushaltslage der Kommunen. Während Gewerbesteuereinnahmen zurückgehen,
steigen die Ausgaben für vom Bund übertragene Pflichtaufgaben.
In Rostock beispielsweise ist eine Haushaltssperre erst vor Kurzem beendet
worden, und der Doppelhaushalt hält hoffentlich bis Ende 2027, so lange wie
der des Landes. Schaut man in die Prognosen ab 2028, kann einem schwindlig
werden, so tief summiert sich das Defizit – vermutlich nicht nur in
Rostock. Kulturelle Angebote sind als freiwillige Aufgaben der Kommunen
unter diesen Umständen kaum zu halten.
Auf Landesebene ist deshalb mehr als ein Lippenbekenntnis nötig, das die
[2][Bedeutung von Kultur] für Zusammenhalt und Teilhabe anerkennt. Was kann
sich hier konkret ändern? Kulturförderung müsste Chefinnensache werden.
Kultur müsste zur echten Querschnittsaufgabe werden, eine Zusammenarbeit
mit Gesundheit und Soziales, Bildung, Wirtschaft nicht bloß Möglichkeit
sein, sondern finanziell fundiert. Oder sie versackt in Abstimmungsrunden
zwischen den Ressorts, mit ein bisschen Inflationsausgleich.
## „Ist das noch mein Land?“
Es wird eine gewaltige Herausforderung sein, Kultur weiterhin zu
ermöglichen und in die Fläche zu bringen, als Hoch- wie als Soziokultur.
Bloß – können wir uns den Verzicht darauf überhaupt leisten? Ich könnte
allein aus Literaturhaus-Perspektive schildern, wie bewegend eine Lesung in
einem Stadtteilbüro, einer Sparkassenfiliale oder einem betreuten Wohnen
sein kann – ob mit der Autorin, die für den Deutschen Buchpreis nominiert
ist, oder mit dem regionalen Autor und seinem späten Debüt. Von diesen
Momenten, von diesem Zusammenkommen zehrt man lange.
Genauso können Begegnungen im kulturellen Raum herausfordernd sein, wie
letztens ein Diskussionsabend gemeinsam mit dem PEN Berlin: Es kamen
Menschen in den Saal, die sich schon lange nicht mehr angesprochen fühlten
– abgeholt aber von der Frage „Ist das noch/schon mein Land?“. Ein älterer
Mann sagte, seit den Coronamaßnahmen und der ganzen Gendersprache sei das
nicht mehr seine Heimat. Auf die Nachfrage eines anderen Gastes hin musste
er lächeln und sagte: Na ja, ganz so schlimm ist es dann doch nicht.
Im Netz wäre es vielleicht ein Schlagabtausch geworden, im öffentlichen
Raum erdete der Rahmen der Veranstaltung und die Erfahrung, dass wirklich
zugehört und nachgefragt wurde – was sich nach der Veranstaltung im Saal,
im Gang, im Biergarten fortsetzte.
Es entscheidet sich aber nicht nur vor Ort oder [3][auf Landesebene], wie
viele kulturelle Begegnungsräume es in den Kommunen noch geben wird. Hier
muss die Bundesregierung handeln. Die relativ neue Vereinbarung, dass der
Bund auch für neue „weitergereichte“ Pflichtaufgaben aufkommen wird,
betrifft nicht die bisherigen Sozialausgaben, die die Kommunen über kurz
oder lang handlungsunfähig machen werden. Der Bund muss die Kommunen hier
dringend entlasten.
Das klingt unrealistisch in Zeiten, in denen so vielen Bereichen der reinen
Daseinsvorsorge Kürzungen drohen. Und trotzdem: Wir brauchen weitere Orte
jenseits von Arbeit, Schule und Internet, an denen wir mehr sind als
„Verbraucher“, mehr wert als das, was wir gerade ausgeben können. Wo sie
verschwinden, verliert die Demokratie einen ihrer Haltepunkte. Und es wird
der AfD ein Leichtes sein, den Mangel zu bewirtschaften.
20 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ulrika Rinke
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(DIR) Jugend vor den Ostwahlen
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Schwerpunkt AfD
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