# taz.de -- „Star Trek“-Jubiläum: Nie enden wollende Weiten
> Erst wollte die Serie keiner kaufen, dann sollte sie schnell wieder
> abgesetzt werden. Nun feiert „Star Trek“ sein 60-jähriges Jubiläum.
(IMG) Bild: Auf jeden Fall ist auch bei diesen Gepräch die Richtung klar – weiter!
Angenommen, Sie würden [1][sämtliche „Star Trek“-Serien und -Filme]
hintereinander weg schauen wollen – was schätzen Sie, wie lange wären Sie
mit den unendlichen Weiten des Weltraums beschäftigt? 50.000 Minuten. Also
über 833 Stunden, fast 35 Tage ohne Pause. So viel Bewegtbild ist in nun 60
Jahren „Star Trek“ entstanden. Aber kein Mensch könnte es aushalten, das
alles wegzubingen. Menschen im Jahr 2026 müssen schließlich auch noch
arbeiten, schlafen und essen.
Im [2][Universum von „Star Trek“] müssen die Menschen ebenfalls essen, aber
praktischerweise hat die Science-Fiction-Zukunft das Kochen abgeschafft.
Lebensmittel kommen aus dem Replikator. Ein Ruf zum Computer genügt, und
schon erscheint eine heiße Tasse Tee aus dem Nichts in der Maschine.
Heißgetränke spielen in „Star Trek“ eine faszinierend prominente Rolle.
Insbesondere: Earl Grey. Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) trinkt
diesen Schwarztee am liebsten, und die zahlreichen entsprechenden
Teetrinkerszenen bei der Serie „Star Trek: The Next Generation“ haben
beinahe Meme-Qualitäten.
Picard beziehungsweise Stewart zählen zu einer der vielen Legenden wie sie
„Star Trek“ ins kollektive Gedächtnis der Popkultur katapultiert hat. Allen
voran James T. Kirk, Spock, Pille, Scotty, Uhura, Sulu und Chekov.
Dabei wäre die erste „Star Trek“-Serie beinahe gescheitert. Alle großen
TV-Sender ließen den ehemaligen Piloten und Polizisten Gene Roddenberry mit
seiner Idee für „Star Trek“ abblitzen. Erst als er seinen Stoff dem Studio
Desilu Productions anbot, das der Schauspielerin Lucille Ball gehörte,
wendete sich das Blatt. Lucille Ball, damals eine der mächtigsten Frauen
Hollywoods, glaubte an Roddenberrys Idee und drückte die Produktion von
Pilotfolgen gegen den Widerstand ihres rein männlich besetzten
Studiovorstands durch.
## Wie die Legende entstand
Kirks Enterprise flog trotzdem nicht lange. Der Senderkonzern NBC, der die
Serie dann herausbrachte, war mit den Quoten nicht zufrieden und wollte die
Serie bald wieder absetzen. Doch es sollte nur der erste von vielen
Fanprotesten in 60 Jahren unendlicher Weiten sein, der „Star Trek“ vor
einem frühzeitigen Ende bewahrte. 1969, nach nur drei Staffeln, räumte NBC
die Show schließlich doch ab.
Zur Legende wurde die erste „Star Trek“-Serie durch eine Besonderheit des
US-Fernsehmarkts. Dort gab es neben den großen nationalen Netzwerken wie
NBC auch unzählige lokale dritte Programme, die lokale News mit gebrauchten
Unterhaltungsformaten mischten, die sie von den großen Sendern einkauften.
Der „Rerun“, die fortwährende Wiederholung auf diesen Dritten, machte Kirks
Truppe zum popkulturellen Hit, der ab 1979 schließlich im Kino lief.
Darunter auch der gefeierte Film „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“
von 1986.
Der Film, der 2026 sein 40-jähriges Jubiläum feiert, führt Kirk, Spock und
Crew per Zeitreise zurück zur Erde des Jahres 1986. Ihr Ziel: Buckelwale
entführen, die die Erde des 23. Jahrhunderts retten sollen, wo Buckelwale
längst ausgestorben sind. Selten war ein umweltaktivistisch erhobener
Zeigefinger so unterhaltsam verpackt.
Aber „Star Trek“ geht auch anders. William Shattner soll sich seinen
Kollegen gegenüber am Set wie ein Arschloch aufgeführt haben. Und Kate
Mulgrew, als Kathryn Janeway 1995 die erste Frau im Kapitänssessel, war
ständigem Argwohn der Studiobosse über ihre Anziehungskraft beim
(männlichen) Publikum ausgesetzt. Das ging so weit, dass man „Star Trek:
Voyager“ (1995–2001) ab Staffel vier sogar eine zusätzliche weibliche Figur
einschrieb, deren Darstellerin Jeri Ryan ausdrücklich figurbetonte Catsuits
zu tragen hatte. Die Arbeitsbedingungen der Serien, die pro Staffel heute
undenkbare 26 und mehr Folgen von je mindestens 45 Minuten Länge hatten,
waren derweil auch ohne Sexismus schon hart genug und glichen schwerer
Fließbandarbeit.
## Ein alleinerziehender Vater
[3][Doch die große serielle „Star Trek“-Erzählung] scheint beim Eigner des
Franchises, den Paramount Studios, inzwischen auszusterben. Keines der
Serien-Reboots der letzten 10 Jahre konnte an die früheren Erfolge
anknüpfen. Und aktuell sind keine Planungen für neue Serien bekannt. Dafür
sollen Gespräche über neue „Star Trek“-Kinofilme laufen.
Also wohl keine Chance mehr für Serienmeisterwerke wie die Geschichte von
„Star Trek: Deep Space Nine“ (DS9, 1993–1999). Die Serie spielt erstmals
nicht in einem Raumschiff, sondern auf einer Raumstation, genauer gesagt,
der Hinterlassenschaft einer Besatzungsarmee. Commander Benjamin Sisko, der
seine Frau bei einen verheerenden Angriff auf die Föderation gleich zu
Beginn verliert, kommt nun als alleinerziehender Vater und neuer Chef auf
diese Station, die zuvor ein Zwangsarbeiterlager war.
DS9 ist die wohl düsterste und mutigste unter den vielen „Star
Trek“-Erzählungen, wobei die weltweiten Umbrüche, Kriege und Konflikte der
1990er in den Geschichten der Serie tiefe Spuren hinterlassen haben. Für
den Kern ihrer Story mussten die Showrunner von DS9 allerdings nur hinaus
in die Realität der USA der 1990er treten: Rassendiskriminierung. In keiner
anderen der „Star Trek“-Ausgaben ist Gene Roddenberrys Idee eines
multiethnischen, diversen und (nicht immer) friedlichen Zusammenlebens in
all seiner Komplexität so glaubwürdig inszeniert wie bei DS9, diesem
Meltingpot intergalaktischer Völker. Mag auch draußen im All der Tod oder
Schlimmeres lauern, auf dieser Blechdose mit Ausblick lebt die Utopie.
Und es ist eine ausdrücklich ungeschönte Utopie, die jede Menge Rassismus
kennt. Etwa in der Episode „Far Beyond the Stars“, wo Commander Sisko,
herausragend gespielt von Avery Brooks, dem ersten Schwarzen Darsteller an
der Spitze eines „Star Trek“-Franchise, und seine Crew durch eine
rätselhafte Vision in den USA der 1950er landen, wo sie sich als
Autor:innen eines Fantasymagazins durchschlagen. Sisko rasselt mit dem
weißen Herausgeber des Magazins schwer zusammen, weil dieser sich strikt
weigert, das neuestes Stück seines Autors abzudrucken: die Story einer
Raumstation unter dem Kommando eines Schwarzen Captains und seiner
multiethnischen Crew. Aber seien wir ehrlich: Selbst auf der Erde von 2026
würde dieser Stoff nicht mehr ohne Weiteres durchgehen. Auch nicht bei
„Star Trek“.
8 Sep 2026
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