# taz.de -- Fußball als Demokratieretter: Es kommt auch Gutes von der Kurve
> Ausschreitungen, rechtsextreme Vorfälle, Machoverhalten: Fußballfans
> haben keinen guten Ruf. Trotzdem können sie Vorbilder sein für die
> Demokratie.
(IMG) Bild: Demokratie vor, noch ein Tor! Und alle zusammen, für ein faireres Spiel!
Fußballfans haben einen schlechten Ruf. Wen wundert das: Immer wieder liest
man Berichte von Randalen und Spielabbrüchen, [1][zuletzt gab es massive
Ausschreitungen beim Derby zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Waldhof
Mannheim]. Insgesamt 85 Personen mussten danach medizinisch betreut werden,
8 von ihnen im Krankenhaus. [2][Eine linke Ultra-Gruppierung von St. Pauli
machte kürzlich Fälle sexualisierter Gewalt in eigenen Reihen öffentlich].
Und auch rechtsextreme Vorfälle sind in manchen Fanszenen leider eher
Normalität als Ausnahme. Doch es gibt auch eine andere Seite des
Fandaseins, die oft zu kurz kommt: Fußballfans können Vorbilder sein.
Als die Deutsche Fußball Liga (DFL) Teile ihrer Rechte an Investoren
verkaufen wollte, [3][warfen die Fans so lange Tennisbälle und Schokotaler
auf den Platz], bis die DFL-Bosse keine Lust mehr hatten und der Deal
gekippt wurde. Als der Investor Hasan Ismaik 1860 München kein Geld mehr
geben wollte, musste der Verein zwar zwangsabsteigen, doch die Fans hielten
ihm die Treue. Über 9.000 Dauerkarten wurden für die aktuelle
Regionalligasaison verkauft. Viele der Fans sind glücklich, den Investor
nach fünfzehn Jahren endlich los zu sein. Was im Verein passiert, soll
wieder stärker von den Mitgliedern bestimmt werden. So geht
antikapitalistischer Protest.
Doch kann der Fußball damit die Demokratie retten? [4][In einer kürzlich
veröffentlichten Kolumne in der Zeit hieß es], Hertha BSC könne im
Heimspiel gegen Magdeburg die Demokratie retten, weil das Spiel am
Wahlsonntag sei. So würden die rechten Fans aus Magdeburg nach Berlin
fahren und nicht gleichzeitig in Sachsen-Anhalt die AfD wählen. Das ist
völliger Quatsch, die Wahllokale öffnen um 8 Uhr und das Spiel beginnt um
13.30 Uhr. Genügend Zeit also, um noch die Stimme abzugeben und danach in
den Zug nach Berlin zu steigen. [5][Und ob beim FCM wirklich mehr Rechte in
der Kurve stehen] als bei anderen Vereinen, müsste auch nochmal untersucht
werden. In einer Hinsicht hat der Autor aber recht: Fußballfans, vor allem
jene, die sich organisieren, sind wichtig für die Demokratie.
In Zeiten, in denen das Vereinswesen leidet, Kneipen weggentrifiziert
werden und alarmierend viele Jugendliche Depressionen haben, sind
Fußballvereine ein wichtiger Pfeiler im Miteinander. In ihnen lernt man
Menschen außerhalb der eigenen politischen Blasen kennen. Zudem werden
junge Menschen politisiert und Rollenbilder vorgelebt. Dass diese nicht nur
positiv sind, ist vollkommen klar. Die Männlichkeitsbilder sind veraltet,
rechte Fanszenen rekrutieren in Kurven ihren Nachwuchs. Regelmäßige
Berichte über Vandalismus in Regionalzügen oder Übergriffe auf Mitreisende
dürfen an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden.
## Die unglaubliche Kraft des Miteinanders
Der Fußball und die Fankultur tragen eben alles in sich, was uns als
Gesellschaft als Ganzes betrifft: die menschlichen Abgründe, aber auch die
unglaubliche Kraft des Miteinanders. Jeder, der regelmäßig ins Stadion
geht, weiß, wie schön das Gefühl von Zusammenhalt sein kann, wenn man den
gemeinsamen Verein nach vorne schreit. Wenn man dann noch nach dem Spiel
bei einem (alkoholfreien) Pils unnötig vergebene Standardsituationen der
eigenen Mannschaft analysiert, sind jegliches Zeitgefühl, jeder
Arbeitsstress und Leistungsdruck schnell vergessen.
Hinzu kommt, dass die Mobilisierungsfähigkeit von Fußballvereinen und ihren
Fans unübertroffen ist. Viele sammeln Geld für soziale Projekte,
veranstalten Fußballturniere für den guten Zweck, gehen gemeinsam
demonstrieren oder organisieren Fahrten zu NS-Gedenkstätten.
Fanfreundschaften können die Grundlage für jahrzehntelange Freundschaften
über europäische Grenzen hinweg sein. Und auch Proteste gegen polizeiliche
Willkür oder die Erweiterung polizeilicher Befugnisse sind eigentlich
urlinke Anliegen.
Fußballfans zeigen damit, wie wertvoll Vereine sind, wie wichtig die
Auseinandersetzung mit anderen Meinungen ist und wie gut es tut, sich
zugehörig zu fühlen. Vielleicht kann der Fußball die Demokratie nicht im
Alleingang retten. Aber ab und zu kann man sich von ihm und seinen Fans
eine Scheibe abschneiden.
5 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /DFB-Pokalspiel-Kaiserslautern---Mannheim/!6205849
(DIR) [2] https://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-st-pauli-fangruppe-ultra-sankt-pauli-veroeffentlichen-uebergriffe-in-eigenen-reihen-a-5f2435a5-c618-42b5-b9b2-35ded2ebfd80
(DIR) [3] /Fanproteste-verhindern-DFL-Investor/!5989441
(DIR) [4] https://www.zeit.de/2026/37/hertha-bsc-1-fc-magdeburg-landtagswahl-sachsen-anhalt-afd-demokratie
(DIR) [5] /AfD-Regierungsprogramm-in-Sachsen-Anhalt/!6204658
## AUTOREN
(DIR) Vincent Bruckmann-Levinson
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