# taz.de -- Retrospektive Catherine Christer Hennix: Das Spiel mit Knoten und Schleifen
       
       > Im Badischen Kunstverein Karlsruhe wird Elektronikpionierin Catherine
       > Christer Hennix gehuldigt: Zu sehen und zu hören sind etwa Oszillografien
       > und Skulpturen.
       
 (IMG) Bild: Catherine Christer Hennix: „Topos 1–14“ (1974/2026)
       
       Musik und Mathematik, Astronomie und Geometrie, einst im Mittelalter seien
       sie ein Quadrivium gewesen. Die Vierheit oder Vierwegigkeit der
       Wissenschaften, erklärte Catherine Christer Hennix dem kanadischen
       Kulturphilosophen Marcus Boon in einem Interview für sein Buch „The
       Politics of Vibration“ (2022).
       
       Der Legende nach, so Hennix, sei der Sufi al-Farabi – Entdecker des 49.
       Obertons – von Bagdad nach Spanien gezogen und habe dort die Kunst und
       Praxis lang gehaltener Töne und den Kosmos ihrer Obertöne eingeführt. Musik
       wirkt in dieser Erzählung als universelles Kontinuum tonaler Mathematik –
       klingender, fühlbarer Ausdruck mathematischer Formeln und Verhältnisse.
       
       Die mit dem Zirkel gezogene Fächerstadt Karlsruhe und mitten drin der
       Badische Kunstverein könnten kein passenderer Ort sein, um die 1948 in
       Stockholm geborene und 2023 in Istanbul verstorbene [1][Mathematikerin,
       Komponistin, Dichterin, Künstlerin, Musikerin und Kosmopolitin Catherine
       Christer Hennix] zu ehren.
       
       ## Zwei bassige Drones
       
       Die Retrospektive „Cosmological Critique“ versammelt eine Vielzahl ihrer
       Werke, entstanden ab Mitte der 1970er-Jahre bis kurz vor ihrem Tod:
       Malereien, Texte, Oszillografien, Partituren und Skulpturen. Durch die
       hellhörigen Säle und Kabinette der Jugendstilvilla schweben zwei bassige
       Drone-Kompositionen.
       
       Eine davon zieht Besucher:innen förmlich in den Gewölbekeller des
       Hauses, der mit Orientteppichen ausgelegt ist. Schuhe aus. Hinsetzen.
       Hinlegen. Sich an die Dunkelheit gewöhnen. Die einzige Lichtquelle bietet
       die Videoinstallation „Nur (For Marian Zazeela)“ (2003-2018): zwei blau-rot
       schimmernde, sich kaum merklich bewegende Zylinder-Isometrien, von einem
       Oszillografen gezeichnet.
       
       „Nur“ ist Arabisch und bedeutet „Licht, Helligkeit“. [2][Die Widmung gilt
       der New Yorker Künstlerfreundin und Wegbegleiterin Marian Zazeela und ihrer
       blau-rot leuchtenden Lichtkunst]. In einer optischen Täuschung öffnen sich
       die zwei Zylinder mal nach oben, mal nach unten, aber auch sowohl nach oben
       als auch nach unten oder nach unten als auch nach oben. Vier
       Ansichtsvarianten, zwischen denen das Auge hin- und herwechseln kann.
       
       ## Ein knattriger Drone
       
       Begleitet von der Komposition „Soliton(e) Star“ (2003) mit einem lauten,
       aber durchwegs angenehm knatterigen Drone. Durch leichte Kopfbewegungen
       lassen sich benachbarte Obertöne isoliert wahrnehmen. Das Ohr kann von der
       einen stehenden Sinuswelle zur benachbarten springen und wieder zurück.
       
       Wie Marcus Boon beschreibt, wohnte Hennix in einem solitär stehenden
       Hinterhaus in Berlin-Neukölln – sie hatte sich aus Amsterdam kommend um das
       Jahr 2000 herum in der deutschen Hauptstadt einer internationalen
       Sufi-Gemeinschaft angeschlossen –, tagein, tagaus begleitet von diesem
       Drone und umgeben von Stapeln mathematischer Abhandlungen, der
       französischen Gesamtausgabe von Lacans Vorlesungen, dem Gesamtwerk von John
       Coltrane auf CD und zwei Tamburas, indische Langhalslauten, die sie Tag für
       Tag neu stimmte.
       
       Hennix erlernte bereits im Kindergartenalter, das Schlagzeug nach Jazzart
       zu spielen. Auch die Verbindung von Musik und Islam habe sie schon früh
       vermittelt bekommen, so Hennix, und zwar von ihrem Lehrer, dem zum Islam
       konvertierten US-Jazz-Trompeter Idrees Suleiman. Im „Tangiers Blues“, 1959
       für Jacques Muyal im Programm von Radio Tanger mit seinem Quartett um den
       Pianisten Oskar Dennard aufgenommen, ersetzt Suleiman sein Solo kurzerhand
       mit einem [3][per Zirkulationsatmung] in die Endlosigkeit entlassenen
       minutenlangen Grundton.
       
       ## Transitort des Bebop
       
       Für einen kurzen Moment wechselt hier der säkulare Modern Jazz die Seite
       zum islamischen Quadrivium. Idrees und seine Frau, die Sängerin und
       Perkussionistin Jamila Suleiman, beziehen 1961 im Stockholmer
       Mehrfamilienhaus von Hennix’ Mutter, der Jazzkomponistin Margit
       Sundin-Hennix, eine Wohnung, die fortan zum Transitort für
       US-Jazzmusiker*innen wird, die durch Europa touren. Darunter sind etwa
       [4][Eric Dolphy] und Dexter Gordon.
       
       Um 1961 erlebt die junge Hennix auch ein Konzert von John Coltrane. Später
       habe sie mit dem kurzzeitig in Stockholm lebenden Saxofonisten Albert Ayler
       privat gejammt. Wie sich für die begabte Schülerin die Türen zum 1964 beim
       schwedischen Rundfunk [5][nach Kölner Vorbild] gegründeten
       „Elektronmusikstudion“ (EMS) öffnen, ist nicht ganz klar. An diesem Ort
       aber entstehen Ende der 1960er ihre ersten elektronischen Kompositionen.
       Beginnend im Jahr 1967, war das EMS weltweit das erste Studio mit 24
       computergesteuerten Sinusgeneratoren.Hennix widmet sich, vom digitalen EMS
       und seinen Rechnern inspiriert, nun ganz dem Studium der Mathematik. Sie
       kommt in Berührung mit der Welt des niederländischen Mathematikers L. E. J.
       Brouwer, mit dessen unorthodoxen Intuitionismus und Begriffen wie der
       „Zweiheit“ in der subjektiven Konstruktion von Zeit und dem „kreativen
       Subjekt“, das selbstbewusst entscheidet, wann was passiert.
       
       Ab 1968 reist Hennix immer wieder in die USA und landet zwangsläufig im New
       Yorker Dream House mit den Sinuswellen- und Lichtinstallationen von La
       Monte Young und Marian Zazeela. Hennix erinnert sich später, sie habe aus
       diesem Klang sofort die Anwendung der Fourier-Reihe wahrgenommen. Vier
       volle Tage habe sie dort verbracht. 1971 zieht sie in die USA und arbeitet
       als Mathematiklehrerin. Dort wird Hennix, wie auch Young und Zazeela vor
       ihr, eine Schülerin des aus Lahore eingewanderten hinduistischen, aber auch
       dem Sufismus nahestehenden klassischen Kirana-Gharana-Sängers und Lehrers
       Pran Nath (1918-1996), von dem sie das Spiel der Tambura lernt.
       
       ## Freund und Wegbegleiter
       
       Im Umfeld des Dream House lernt sie schlussendlich auch den bildenden
       Künstler und späteren Hillbilly-Violinisten Henry Flynt kennen, ihren
       vielleicht wichtigsten Freund und musikalischen Begleiter.Zurück in den
       Großen Saal des Badischen Kunstvereins in Karlsruhe. Hier wird Hennix
       frühe, und vielleicht letzte große Ausstellung im Stockholmer Moderna
       Museet vom Herbst 1976 nachgestellt. Sorgfältig wird dabei eine von Drones
       geprägte EMS-Komposition rekonstruiert, dazu hinterleuchtete Oszillografien
       mathematischer Raumfiguren. Im Raum verteilt stehen typografische
       Satzzeichen – kniehohe, eckige Klammern aus Edelstahlguss, die L. E. J.
       Brouwer gewidmet sind.
       
       Wie einsame Formeln stehen sie da als [ ] und erinnern entfernt auch an die
       Doppelinitialen im Namen der Künstlerin: C.C. Hennix nennt sie sich ab den
       1990ern, etwa auf den gemeinsamen Alben mit [6][Henry Flynt]. Das erste C
       steht für ihren selbstgewählten Namen Catherine, das zweite C für ihren
       männlich gelesenen Geburtsnamen Christer. Diesem transfeministischen
       Komplex im Werk von Hennix sind die Kabinette des Kunstvereins gewidmet.
       Eine doppelte Schwingtür – die eine Seite rot, die andere blau – hängt
       zwischen den Kabinetten.
       
       Wer von der einen Seite zur nächsten will, kann zwischen einem roten,
       männlichen „Hommes“-Flügel oder einem blauen, weiblichen „Femmes“-Flügel
       wählen, oder auch beide gemeinsam aufschwingen lassen. An den Wänden
       verschlungene, ausladend große, wieder rot blau gefärbte Papierschleifen,
       unschwer als Kombinationen aus Möbiusschleife und Lacans Borromäischem
       Knoten zu erkennen.
       
       ## Subjektivität, sinnlich erkundet
       
       Dem Studium der Lacan’schen Vorlesungen widmete sich Hennix in den 1980er-
       und 1990er-Jahren zu ihrer Amsterdamer Zeit. Jacques Lacan hatte seinen
       Zuhörer*innen ja explizit das Spiel mit den Knoten empfohlen, um die
       Komplexität menschlicher Subjektivität sinnlich zu erkunden.
       
       Im letzten Raum, dem Waldstraßensaal mit seinem knarzigen Parkett, dann
       eine wandfüllende typografische Zeichnung [……..[[[[[ ]]]]]……..] – eckige
       Klammern, die sich immer wieder bis ins Unendliche umschließen mit dem
       Titel „A Non-unique Extraordinary Set“ (2021) – eine nicht eindeutige
       außergewöhnliche Menge.
       
       20 Aug 2026
       
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