# taz.de -- Mehrzweckeier und Bundeswehrwerbung: Am Mittelfinger gepackt
       
       > Das Radargerät des Autors gibt angesichts der Wehrpflicht dunkle
       > Aussichten preis. Aber entspricht das auch der Realität?
       
 (IMG) Bild: Bei den Protesten gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht nicht mehr wegzudenken
       
       Kennen Sie dieses Bild von dem Bundeswehrverweigerer, der auf einer Demo
       gegen die Wehrpflicht mit drei Dosen Bier in der Hand ein Pappschild
       präsentiert? „[1][Merz leck Eier]“, steht darauf. [2][Der Slogan wurde zu
       einem Internetphänomen], weil die Polizei dem Demonstranten tatsächlich den
       Gefallen tat, sein Schild zu beschlagnahmen und wegen Beleidigung gegen ihn
       zu ermitteln. Seitdem ist der Spruch bei den Protesten gegen eine
       Wiedereinführung der [3][Wehrpflicht] nicht mehr wegzudenken.
       
       Ein Slogan mit dem Aussagegehalt eines ausgestreckten Mittelfingers bringt
       zum Ausdruck, was viele, die von einer Wehrpflicht betroffen sein könnten,
       denken: „Nicht mit mir.“ Die eilig auf ein Stück Pappe gekritzelte Aussage
       erreichte damit vielleicht sogar eine größere Wirkmacht als alle [4][vor
       Steuergeld und Kitsch triefenden Hochglanzkampagnen der Bundeswehr].
       
       Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Marketingmänner in der hauseigenen
       Redaktion der deutschen Streitkräfte deshalb konsterniert die Stirn
       kratzen. Falls es nicht klappt, die Rekrutierung auf freiwilliger Basis mit
       Werbung zu promoten – keine Sorge! Es wird bestimmt auch ein paar
       Milliönchen geben, um eine dann anstehende Reaktivierung der Wehrpflicht
       mit einer neuen [5][Miniserie auf Youtube] zu begleiten.
       
       Bevor ich weiter in mein Radargerät blicke, das ich mal am Ende eines Flurs
       im Verteidigungsministerium gefunden habe und das überall nur Gemeinheiten
       und Gefahr zeigt, lassen Sie mich nochmal erzählen, was Sie hier lesen:
       Seit etwa anderthalb Jahren berichte ich für die taz über die Bundeswehr.
       Dafür bin ich [6][embedded] zwischen Militärstrategen, Soldaten und
       Rüstungslobbyisten unterwegs.
       
       Über mir thront der unendliche Milliardenberg der Schulden für das Militär.
       Vor mir: [7][der Schatten der russischen Aggression gegen die Ukraine].
       Dazu kommen die Reflexionen [8][des Kriegs der USA und Israels gegen Iran]
       und das [9][Gemetzel in Gaza]. Böse Träume von [10][durch künstliche
       Intelligenz gesteuerter Kriegsführung] plagen mich. Was soll mein armes
       Radargerät da auch zeigen? Außer, dass wir umzingelt sind?
       
       Ich bewahre es in einer hinteren Schreibtischschublade auf und ziehe es zu
       Rate, wenn ich darüber nachdenke, wie die Bundeswehr bis 2035 über 260.000
       aktive Soldat*innen und 200.000 Reservist*innen verfügen soll –
       derzeit sind es rund 186.700 Aktive und etwa 55.000 beorderte
       Reservist*innen. [11][Die Zahlen zum freiwilligen Wehrdienst waren nach
       Bundeswehr-Angaben im Juli leicht rückläufig], trotzdem beteuert man, dass
       die Neuanstellungen insgesamt nach Plan verliefen.
       
       Man muss über kein Radargerät wie ich verfügen, um zu sehen, dass diese
       Aufwuchszahlen, die als Nato-Vorgaben dargestellt und nie ernsthaft
       diskutiert wurden, zu hoch angesetzt sein könnten. Anders gesagt: Auch ein
       Dosenbiertrinker muss darauf acht geben, dass er von der Bundeswehr nicht
       an seinem Mittelfinger gepackt wird.
       
       Vielleicht war es ebenfalls auf einem Flur des Verteidigungsministeriums,
       wo ich diesen Satz aufgeschnappt habe: Militärtisch zu denken heißt, auf
       den Worst Case vorbereitet zu sein. Doch was wäre, wenn dieser Worst Case
       eine Entwicklung ist, die man selbst befördert? Anders gefragt: Befinden
       wir uns nicht in einer Aufrüstungsspirale, die durch gegenseitige
       Abschreckung getriggert wird und die im Ergebnis nur wachsende Unsicherheit
       bedeutet? Die Antwort auf diese Fragen liegt wohl jenseits der Flure des
       Verteidigungsministeriums: im nicht-militärischen Denken.
       
       23 Sep 2026
       
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