# taz.de -- Weltraumpolitik: Die Privatisierung des Nachthimmels
> Einst galt das All als Anker von Moral und Ordnung. Mittlerweile ist es
> eine Spielwiese für den narzisstischen Wahn von ein paar Dutzend
> Oligarchen.
(IMG) Bild: Mit Satelliten beladen startet eine SpaceX Rakete in den Nachthimmel
Es ist warm, also blasen wir die Matratzen auf und schlafen auf der
Terrasse. Blicken in die Sterne. Über uns die Milchstraße und im Dunkeln
[1][kommen die Kinderfragen wieder auf]: Wo endet das Universum, und wenn
es endet, was ist dahinter? Und wenn es nicht endet, kannst du dir das
vorstellen? Immer noch erfasst den einen oder anderen dabei ein kleiner
Schwindel im Kopf, fünfhundert Jahre nach Kopernikus.
Der Himmel hat sich verändert, seit wir zum ersten Mal auf diesem Dach
geschlafen haben. Damals in den Siebzigern war die Aufregung groß, wenn ein
Satellit durch den Nachthimmel zog. Drei, vierhundert waren es vielleicht.
[2][Jetzt sind es 15.000 oder mehr] und fast jede Minute rauschen ein paar
von ihnen durchs Firmament. Die Hälfte wird von Elon Musk kontrolliert.
Im Juni haben ein paar hunderttausend „Anleger“ [3][Aktien von SpaceX]
gekauft, für knapp 90 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen wurde mit 1,8
Billionen bewertet. Ein Großteil dieses Wertes beruht auf dem Versprechen,
SpaceX werde nicht nur die Starlink-Satelliten betreiben, sondern eine
Marskolonie mit mindestens einer Million Menschen errichten.
Und [4][extraterrestrische Rechenzentren betreiben], weil die auf der Erde
bald nicht mehr ausreichen fürs Wachstum. Und eine
Kardaschow-II-Zivilisation aufbauen, die unendlich produzieren kann, weil
sie den gesamten Energieoutput der Sonne einfängt. Der Mars soll also nur
der Anfang sein beim Projekt, das Weltall zu besiedeln. Morgan Stanley
verkündete zum Börsengang hin, dass die SpaceX-Dividende in Jahr 2040 3,4
Billionen betragen könnte – zu dem Zeitpunkt, an dem die Banker in Rente
gehen.
## Die kosmische Ordnung als Anker der Moral
Der gestirnte Himmel über uns: Jahrtausende lang versprach der Gang der
Sterne Beständigkeit und Festigkeit des Bodens, auf dem die Menschheit
steht. Und den Raum hinterm Firmament besiedelten Sänger und Priester mit
Wesenheiten, Gestalten, Göttern, die moralische Gesetze gaben, Missetaten
bestraften, wohlwollend waren. Mythos, Metaphysik und Moral gründeten auf
Vorstellungen der kosmischen Ordnung.
Verändert sich das Bild des Kosmos, so geraten auch sie in Bewegung. In den
Ausrufen der ersten Neuzeitler klingt der Schrecken über die
Obdachlosigkeit, die mit der kopernikanischen Wende über die Menschen kam.
„Die Sonne unbeseelt, die Erde auch. Und der Verstand weiß nicht, wohin
sich wenden“, heißt es bei John Donne. „Die Menschen rufen auf den Plätzen:
Die Welt ist nun erschöpft, da in Planetenferne und am Firmament so viele
neue Welten neu erstehen; sie sehen unsre Erde in atomare Vielheit sich
zerkrümeln. Das All in Scherben, nirgendwo ist Halt, nur Rohstoff gibt es
noch. Und statt Zusammenhalt nur noch … Struktur.“
Ein paar Jahrhunderte danach, inmitten eines Krieges, der mit Giftgas und
Flächenbombardements die zivilisierte Neuzeit in neue Dimensionen trieb,
schrieb Sigmund Freud über die drei Kränkungen der Menschheit. Die
kopernikanische war nur die Erste. Die Menschen mussten damals schlucken,
dass die Erde nicht das Zentrum der Welt war, sondern nur ein kleiner Punkt
in einem Winkelchen der kalten Unendlichkeit. Der Schrecken hielt sich noch
ein paar Jahrhunderte, aber er ermunterte die Menschen auch, ihr Schicksal
in die eigene Hand zu nehmen, mit Wissenschaft und mit Gesetzen.
Auch die zweite Kränkung, die darwinsche, zerstörte nicht nur die
[5][Illusionen über die „Krone der Schöpfung“], sondern vergrößerte unser
Wissen und damit die Macht über die Natur. Die dritte schließlich, die
psychoanalytische, zeigte uns, dass wir nicht nur vernunftbegabte Seelen
haben, sondern von gesellschaftsstörenden Trieben aller Art bewegt und
getäuscht werden: von Machtgier, Bereicherungssucht, Gewaltexzessen. Und,
nicht zu vergessen: Narzissmus.
## Am Ende steht die Privatisierung des Universums
Musk verspricht, die kopernikanische Kränkung rückgängig zu machen. Die
alten Weltmythen, die Illusion von der Erde im Mittelpunkt des Alls sind
zerstört, gut, setzen wir dem ein neues kosmologisches Märchen dagegen:
SpaceX ist [6][das Zentrum, von dem aus das Universum verändert wird]:
Starship wird nicht nur zum Mars fliegen und das Sonnensystem durchqueren,
sondern das Sonnensystem verlassen und zu anderen Sternen reisen.
Diesen Traum aus den Serien seiner Kindheit bringt er an die Börse. Und wir
sind dabei: „Deutschland“, so strahlte Forschungsministerin Dorothee Bär
(CSU) neulich, „ist eine Raumfahrtnation“. Die [7][Menschheit werde immer
weiter ins All vordringen]. Raumfahrt sei Zukunft und berge enorme
wirtschaftliche Chancen. „Dafür müssen wir unsere Kinder begeistern.“ Und
deshalb solle 2027 die Faszination der Raumfahrt in jedes Klassenzimmer
getragen werden.
Die enormen Chancen: Am Ende der technokapitalistischen Entwicklung
[8][steht die Privatisierung des Universums]. Das All ist kein Gegenstand
des Staunens, kein Spiegel, in dem wir unsere wirkliche Größe erkennen
können, keine Projektionsfläche für Hoffnungen und Utopien, sondern
Rohstofflager und Energiequelle. Nicht nur die Erde, sondern das Weltall:
eine Profitmaschine.
Im Mittelpunkt des Kosmos steht wieder der Mensch, in der Gestalt von ein
paar Magnaten. Tricksern, Gewaltmenschen, Verrückten. Es ist das endgültige
Rollback der Hoffnungen, die sich mit den Entzauberungswellen der Neuzeit
verbunden hatten. Als die Amerikaner auf dem Mond landeten, saß eine alte
Frau in Salvador de Bahia vor ihrem Radio. Sie weinte und sagte: „Wenn die
Menschen das können, dann können sie auch den Hunger abschaffen.“
Das ist jetzt 57 Jahre her und wir leben im Zeitalter der vierten Kränkung.
Sieben Milliarden Erdbewohner schaffen es nicht, den narzisstischen Wahn
von ein paar Dutzend Oligarchen auszubremsen.
19 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mathias Greffrath
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