# taz.de -- Berliner Aquarium: Vom Zipfelkrötenfrosch und den blinden Flecken
       
       > Nach drei Jahren Sanierung öffnet das Berliner Aquarium wieder. Es zeigt
       > 20.000 Tiere und könnte bei der eigenen Geschichte etwas genauer
       > hinsehen.
       
 (IMG) Bild: Quallen sind doch was Schönes: Eines der Becken im Berliner Aquarium
       
       Sie wissen gerade partout nicht, wie ein Tannenzapfenfisch, ein
       Knochenzüngler oder ein Zipfelkrötenfrosch aussieht? Glück gehabt. Nach
       drei Jahren Sanierung öffnet am heutigen Dienstag das denkmalgeschützte
       Aquarium Berlin an der Budapester Straße wieder. Mehr als eine Million
       Liter Wasser passen hinein, rund 20.000 Tiere aus etwa 10.000 Arten leben
       darin – wobei schon ihre Namen manchmal den Eintritt wert sind.
       
       Gebaut wurde das Aquarium zwischen 1911 und 1913, in einer Zeit also, in
       der sich die europäischen Großmächte nicht nur ferne Länder untereinander
       aufteilten, sondern auch deren Natur mit großem Eifer vermaßen und nach
       Hause transportierten. Koloniale Expeditionen lieferten Tiere, Präparate
       und Informationen an Zoos und naturkundliche Sammlungen; Handelswege, die
       für Menschen und Rohstoffe geschaffen worden waren, machten zugleich den
       globalen Tiertransport einfacher. Dass sich diese Geschichte auch in
       europäischen Aquarien und Zoos niederschlug, ist heute kaum zu übersehen.
       
       Das bedeutet nicht, dass es Oskar Heinroth (1871–1945), dem ersten Direktor
       des Aquariums, um koloniale Propaganda gegangen wäre. Der Mann war vor
       allem Zoologe und Verhaltensforscher, und zwar einer, der schon als
       Lehrling im Zoo Küken aufzog und sehr genau hinsah, was Tiere eigentlich
       tun, wenn kein Mensch ihnen gerade etwas unterstellt. Er untersuchte jene
       frühe Form des Lernens, die als „Prägung“ bekannt wurde, und prägte selbst
       Begriffe der Verhaltensbiologie wie [1][„Hetze“], „Imponiergehabe“ und
       „Triumphgeschrei“. [2][Konrad Lorenz] betrachtete ihn später als einen
       wichtigen Lehrer.
       
       ## Wissenschaftsgeschichte nicht sauber präpariert
       
       Nur macht Wissenschaft ihre Zeitgenossen nicht automatisch zu Menschen
       außerhalb ihrer Zeit. Teile der damaligen Zoologie waren allzu eng mit
       Eugenik und sozialdarwinistischen Vorstellungen verflochten; Lorenz selbst
       verwendete während der NS-Zeit ausdrücklich [3][„rassenhygienische“
       Argumentationen]. Damit lässt sich Heinroth nicht automatisch zum
       Faschisten erklären. Es erinnert aber daran, dass Wissenschaftsgeschichte
       selten so sauber hinter Glas liegt wie ein präparierter Käfer.
       
       Bei der Sanierung scheint das Aquarium seine Selbstdarstellung allerdings
       nicht im selben Maße mitrenoviert zu haben wie das Gebäude. Über die
       Eröffnung am 18. August 1913 erfährt man etwa nach wie vor, dass vor allem
       die 170 Quadratmeter große Krokodilhalle für Aufsehen sorgte. Weniger
       prominent ist die Frage, auf welchen Wegen all die Tiere aus fernen
       Weltgegenden eigentlich nach Berlin gelangten – und welche Strukturen eine
       solche Institution zu Beginn des 20. Jahrhunderts überhaupt möglich
       machten.
       
       Die weitere Geschichte des Hauses ist dramatisch. 1943 wurde das Aquarium
       durch einen Bombentreffer in der Krokodilhalle nahezu vollständig zerstört.
       Heinroth starb 1945 an einer Lungenentzündung, die er sich unter anderem
       durch Löscharbeiten im Zoo geholt hatte. Der Wiederaufbau kam etagenweise:
       1952 öffnete das Erdgeschoss, 1956 das Terrarium, 1959 schließlich das
       Insektarium.
       
       Heute verteilen sich die Tiere wieder über drei Besucheretagen. Und bei
       aller historischen Last gibt es dort Dinge, denen man sich erfreulich
       unangestrengt hingeben kann. Gleich im Eingangsbereich lassen sich
       ausgesprochen freundliche Kois von Kindern wie Erwachsenen streicheln.
       Besonders stolz ist das Aquarium außerdem auf seine Quallenzucht mit 25
       Arten. Spezielle Strömungssysteme sorgen dafür, dass die empfindlichen
       Wesen weder zu Boden sinken noch gegen die Scheiben treiben.
       
       Ein hübsches Bild eigentlich für ein Haus mit einer so langen Geschichte:
       Man muss in Bewegung bleiben, um nicht auf dem Boden der eigenen
       Vergangenheit liegenzubleiben. Und manchmal lohnt es sich sehr, sich die
       Nase an der Scheibe plattzudrücken. Und das an 365 Tagen im Jahr, täglich
       von 9 bis 18 Uhr.
       
       18 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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