# taz.de -- Geflüchteten-Card in Schleswig-Holstein: Bürokratie-Monster auf dem Prüfstand
> Geflüchtete erhalten auch in Schleswig-Holstein eine Bezahlkarte statt
> Bargeld. Der Flüchtlingsrat kritisiert das schon lange – nun hat der
> Landtag beraten.
(IMG) Bild: Weder diskriminierungsfrei noch verwaltungsarm: Bezahlkarte für Geflüchtete
Die Bezahlkarte sorgt immer wieder für Kritik: zu viel Bürokratie für die
Kommunen, zu wenig Nutzen für die Geflüchteten. Die SPD-Fraktion hat am
Donnerstag im Kieler Landtag einen [1][Antrag] eingebracht, wonach die
Kommunen bei der Bezahlkarte aussteigen und eigene Lösungen anbieten
können. Diese sogenannte Opt-out-Option gibt es bereits in Rheinland-Pfalz
und Nordrhein-Westfalen.
Die Bezahlkarte „schafft zusätzliche Bürokratie, verursacht mehr Aufwand in
den Kommunen und schränkt Teilhabe und Selbstbestimmung ein“, begründete
die SPD-Fraktionsvorsitzende [2][Serpil Midyatli] den Vorstoß. „Die
Kommunen wissen selbst am besten, was vor Ort funktioniert. Unser Antrag
gibt den Kommunen die Freiheit, pragmatisch zu handeln.“
Bei der Bezahlkarte handelt es sich um eine [3][guthabenbasierte
Debitkarte] ohne Kontobindung für alle volljährigen Personen, die laut
Asylbewerberleistungsgesetz einen Anspruch auf staatliche Unterstützung
haben. In Schleswig-Holstein wurde 2024 beschlossen, die Bezahlkarte
einzuführen und mittlerweile gibt es landesweit [4][etwa 10.000
Inhaber:innen].
Sie wird monatlich mit einem festen Betrag aufgeladen und Inhaber:innen
können jeden Monat 50 Euro abheben. Laut dem Flüchtlingsrat
Schleswig-Holstein, der [5][Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für
Migrantinnen und Migranten (ZBBS)] und der Anti-Socialcard-Initiative ist
das viel zu wenig.
In anderen Bundesländern liegt die Bargeld-Grenze höher – in [6][Bremen]
bei 120 Euro, in [7][Rheinland-Pfalz] werden 130 Euro empfohlen. „Unser
Eindruck ist, dass das willkürlich festgelegt wurde. In anderen
Bundesländern ist das besser geregelt“, so Mona Golla. Sie arbeitet als
Beraterin bei der ZBBS in Kiel.
Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein fordert gemeinsam mit den anderen
Initiativen die Abschaffung der Bezahlkarte. Als Ersatz sprechen sie sich
für ein Basiskonto mit normaler Girokarte aus. Damit könnte die Auszahlung
der Leistungen diskriminierungsfrei und verwaltungsarm erfolgen.
## Probleme in kleinen Geschäften
Denn auch bei der Nutzung im Alltag hakt es. Nicht überall, wo in der
Theorie Kartenzahlung möglich ist, wird auch die Bezahlkarte akzeptiert.
„Die Kartenlesegeräte sind gerade bei kleinen Geschäften so eingestellt,
dass sie ausschließlich die deutsche Girocard akzeptieren, um die Gebühren
für internationale Kreditkartennetze zu sparen“, erklärt Golla.
Die Bezahlkarte laufe jedoch über das internationale Visa- oder
Mastercard-System, weshalb das Terminal die Zahlung automatisch blockiere.
Deshalb sei es beispielsweise in Apotheken bereits vorgekommen, dass
Betroffene Medikamente trotz vorliegendem Rezept nicht kaufen konnten.
Neben den praktischen Problemen beschreibt Golla eine psychische Belastung,
die mit der Bezahlkarte einhergehe. Viele Menschen fühlten sich [8][mit der
Bezahlkarte diskriminiert] und wie „Menschen zweiter Klasse“. Insgesamt
handele es sich um ein Verfahren, dass „ausgrenzend auf die Menschen
wirkt“, so Golla.
Außerdem kritisieren die Verbände das sogenannte Whitelist-Verfahren:
Überweisungen von der Bezahlkarte müssen durch das Sozialamt geprüft und
freigegeben werden. Eine Freigabe von Zahlungsempfänger:innen ist nur
möglich, wenn zuvor ein Rechnungsbeleg vorgelegt wird.
In diesem Zusammenhang wird der mangelnde Datenschutz für Betroffene
kritisiert. Im Zuge des Verfahrens müssen laut Golla zahlreiche persönliche
Informationen, beispielsweise zu Ärzt:innen oder Erkrankungen,
offengelegt werden. Zudem seien Anwaltskosten von der Liste ausgeschlossen.
Dies sei vor allem für Personen problematisch, die auf juristische
Unterstützung angewiesen sind.
## Bargeld gegen Gutschein
Im Stadtteilladen Anni Wadle in Kiel beispielsweise wird die
Bargeldbeschränkung durch ein [9][Tauschsystem] umgegangen: Betroffene
kaufen Gutscheine im Supermarkt und bekommen im Stadtteilladen den Wert des
Gutscheins bar ausgezahlt. Der Bedarf an diesem Angebot sei stetig
gestiegen, sagt Christoph Schröder von der Initiative Anti-Socialcard.
Mittlerweile nehmen demnach mehr als 200 Menschen im Monat dieses Angebot
wahr. „Das macht deutlich, wie notwendig Bargeld ist, mit dem die Menschen
bezahlen können“, so Schröder. Der Bedarf sei im ganzen Land vorhanden.
Insgesamt gebe es neun solcher Tauschorte in Schleswig-Holstein.
Auf die Frage der taz, ob die Regierung eine Opt-out-Option unterstütze,
erklärte Sozialministerin Aminata Touré (Grüne) schon vor der Sitzung am
Donnerstag: „Wir sind, auch unter Einbeziehung der Position der kommunalen
Ebene, zu dem Entschluss gekommen, keine Opt-out-Option auf den Weg zu
bringen und eine einheitliche Ausgestaltung auf Bitten der kommunalen
Spitzenverbände auf den Weg zu bringen.“ Der Antrag der SPD wurde am
Donnerstag mehrheitlich abgelehnt.
27 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.landtag.ltsh.de/infothek/wahl20/drucks/04300/drucksache-20-04395.pdf
(DIR) [2] /Ende-der-Aera-Serpil-Midyatli/!6154235
(DIR) [3] /Bezahlkarte-fuer-Gefluechtete/!6170974
(DIR) [4] https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/bezahlkarte-fuer-gefluechtete-in-sh-darum-sorgt-sie-fuer-probleme,bezahlkarte-154.html
(DIR) [5] https://www.zbbs-sh.de/
(DIR) [6] https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/fluechtlinge-bezahlkarte-bremen-100.html
(DIR) [7] https://www.sueddeutsche.de/politik/migration-land-empfiehlt-bei-karte-fuer-gefluechtete-130-euro-bar-betrag-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-250110-930-340451
(DIR) [8] /Bezahlkarte-fuer-Gefluechtete/!6192637
(DIR) [9] /Diskriminierung-via-Bezahlkarte/!6148119
## AUTOREN
(DIR) Rida Agha
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