# taz.de -- Uni-Skandal in Großbritannien: Vom Wunderkind zum „Irrläufer“
       
       > Der Suizid des Schwarzen Akademikers Jason Arday rüttelt Großbritannien
       > auf. Seine Universität Cambridge muss sich heikle Fragen gefallen lassen.
       
 (IMG) Bild: Jason Arday (1985–2026)
       
       Seit Wochen stand er im Mittelpunkt hitziger Diskussionen in Großbritannien
       – nun hat er seinem Leben ein Ende gesetzt. Jason Arday, bis vor Kurzem
       Professor für Bildungssoziologie an der britischen Universität Cambridge,
       wurde am Freitagnachmittag tot in einem Haus im Südlondoner Stadtteil
       Battersea aufgefunden. Es gebe keine verdächtigen Umstände, teilte die
       Polizei mit. Arday wurde 41 Jahre alt.
       
       Am 5. August war Arday von seiner Professur zurückgetreten, kurz nachdem
       die Universität Cambridge eine Untersuchung zu den Umständen der Berufung
       des jüngsten Schwarzen Professors in ihrer über 800-jährigen Geschichte
       angekündigt hatte. [1][In einer Erklärung] gab er als Grund ein
       „gnadenloses Ausmaß der öffentlichen Durchleuchtung und persönlichen
       Angriffe“ in den Jahren seit seiner Berufung im Jahr 2023 an. „Es gibt
       einen Punkt, an dem der persönliche Preis zu hoch wird. Ich habe eine
       Familie, ich möchte für sie da sein.“
       
       Cambridge hatte Arday damals als Spitzentalent gefeiert. Doch zugleich
       stand er wegen Plagiatsvorwürfen im Zwielicht. Kritiker warfen ihm vor,
       große Teile seiner Doktorarbeit von 2015 seien mit einer Dissertation aus
       dem Jahr 2009 identisch. Die Vorwürfe kamen zuletzt von Nathan Cofnas,
       einem ehemaligen Cambridge-Forscher, der wegen rassistischer Äußerungen
       entlassen wurde. Doch Cofnas war nicht der Erste, der Arday beschuldigte.
       
       [2][Plagiats-Fachseiten dokumentieren], dass die Vorwürfe seit Ardays
       Berufung immer wieder auftauchten. 2025 legte eine Gruppe von
       Wissenschaftlern der Universität ein umfangreiches Dossier dazu vor. Als
       ein Journalist der Fachzeitschrift Times Higher Education Supplement Arday
       [3][um eine Stellungnahme bat], erhielt er statt einer Antwort Post von der
       Topanwaltskanzlei Carter-Ruck. Diese sprach von einer „Kampagne der
       Belästigung“ und forderte eine Zusicherung, dass kein Artikel
       veröffentlicht wird. Außerdem bekam der Journalist Besuch von der Londoner
       Polizei, die ihn aufforderte, Arday nicht mehr zu kontaktieren.
       
       ## Es ging um mehr als nur Plagiate
       
       Ardays Doktorarbeit mit dem Titel „An exploration of peer-mentoring among
       student teachers’ to inform reflective practice within the context of
       action research“ wurde 2015 an der John Moores Universität in Liverpool
       eingereicht. Die Doktorarbeit, die sprachlich durchaus verbesserungsfähig
       erscheint, liegt der taz vor. In seinem Vorwort appelliert Arday an seinen
       kleinen Sohn Noah: „Lies dies eines Tages und wisse, dass Papa vielleicht
       nicht der Intelligenteste war, aber er versuchte immer sein Bestes.“
       
       Wären es nur die Plagiatsvorwürfe gewesen, hätte die Affäre wohl kaum die
       Mauern der Universität verlassen. Cambridge hat Erfahrung mit solchen
       Fällen: 2023 [4][enthüllte die Studentenzeitung Varsity], dass
       Geschichtsprofessor William O’Reilly regelmäßig Passagen aus Arbeiten
       seiner Studenten übernommen hatte – ohne Konsequenzen. Die Universität
       stellte sich zunächst auch hinter Arday. Als Autist habe er lernen müssen,
       andere zu imitieren, verteidigte er sich selbst. Die Universität Liverpool
       untersuchte die Vorwürfe selbst und kam zu dem Schluss, Arday habe Fehler
       gemacht, aber „in guter Absicht“.
       
       Doch bei Arday ging es um mehr als Plagiate. Sein Lebensweg, den er selbst
       oft öffentlich schilderte, war ein zentraler Grund für die Begeisterung
       über seine Berufung: Bis er elf Jahre alt war, habe er wegen Autismus nicht
       sprechen können, Lesen und Schreiben erst mit 18 gelernt, und er sei trotz
       eines Beinbruchs 600 Meilen in sechs Tagen gelaufen. Vieles davon stellte
       sich inzwischen als erfunden oder zumindest stark übertrieben heraus –
       wobei die Frage offen bleibt, inwiefern solche Darstellungen seinerseits in
       Zusammenhang mit seinen Lernstörungen stehen könnten.
       
       Wie Arday trotz fragwürdiger akademischer Leistungen Professor werden
       konnte, bleibt ungeklärt. Seine Berufung entschied 2022 ein neunköpfiges
       Gremium unter Leitung von Sally Morgan, Rektorin des Fitzwilliam College
       und Labour-Bildungspolitikerin, die schon Tony Blair beriet. Nur vier der
       Mitglieder waren Cambridge-Lehrkräfte. Details zum Auswahlprozess sind
       nicht bekannt. Als Arday 2023 seinen Posten aufnahm, nannte Hilary Cremin,
       Leiterin der Bildungsfakultät, ihn einen „Glücksfall“ und sagte vor
       laufenden Kameras: „Du bist der Beste.“
       
       ## Aushängeschild für die Uni
       
       Ein Glücksfall war Arday vor allem für Cambridge selbst. Die 800-jährige
       Universität, seit Menschengedenken unter den Spitzenunis der Welt, bemüht
       sich seit Jahren, der Wahrnehmung entgegenzutreten, sie sei eine
       Eliteuniversität in einem anderen Sinn als Wissenselite. Akademische
       Exzellenz steht im Vordergrund, die Ansprüche dabei sind sehr hoch.
       Cambridge ist zugleich ein Vorreiter für Förderprogramme für sozial
       Benachteiligte, mittlerweile entstammen ein Viertel der Studienanwärter
       ärmeren Familien und gut ein Drittel ethnischen Minderheiten. Doch im
       Lehrpersonal bleibt die ethnische Diversität gering, wie auch der jüngste
       Diversity Report der Universität für 2024–25 bestätigt.
       
       Berufungen wie die von Jason Arday sind da bestens geeignet, um den
       Eindruck zu erwecken, dass Cambridge tatkräftig an diesem Problem arbeitet.
       Nun fürchten Schwarze Persönlichkeiten in Großbritannien, der Fall werfe
       ein schlechtes Licht auf Schwarze im akademischen Betrieb. „Arday ist ein
       Opfer von Menschen, die eine bestimmte Weltansicht so sehr anstrebten, dass
       sie grundlegende Checks bei der Einstellung versäumten – und ihn dann im
       Regen stehenließen, als alles auseinanderfiel“, sagte die Schwarze
       Moderatorin Esther Krakue auf Instagram.
       
       Der Schwarze ehemalige konservative Innen- und Außenminister James Cleverly
       [5][schrieb auf X], Ardays Tod mache ihn „wütend“, denn: „Zahlreiche
       akademische Institutionen müssen Fragen beantworten, denn sie haben Arday
       in eine Stellung befördert, für die er eindeutig nicht qualifiziert war,
       damit sie mit der Einstellung eines Schwarzen Wunderkindes angeben konnten.
       Sie haben ihn aus Eigennutz ins Rampenlicht gestellt.“
       
       Ganz offensichtlich war nicht nur Arday mit der Kritik daran überfordert,
       auch die Universität selbst. Zahlreiche Cambridge-Professoren
       unterschrieben, als die Affäre Anfang August ihren Lauf nahm, einen
       Solidaritätsbrief für Arday, zogen ihre Unterschriften später jedoch ohne
       Begründung zurück. Die Universität [6][erklärte am 2. August] zunächst, die
       Vorwürfe gegen Arday „sind geprüft worden“ – vier Tage später
       [7][verkündete sie eine Untersuchung] „infolge neuer Informationen“.
       Nachdem bekannt wurde, dass Arday seine Professur niedergelegt hatte, fügte
       sie [8][eine weitere Erklärung] hinzu, wonach man auch das
       Stellenbesetzungsverfahren insgesamt untersuchen werde.
       
       Das Jesus College, wo Arday als Fellow residierte – die Universität
       Cambridge besteht zwar aus Fakultäten und Abteilungen, aber alle Lehrkräfte
       und Studenten sind Mitglieder von insgesamt 31 Colleges, die unabhängig
       voneinander sind – [9][distanzierte sich noch eindeutiger]: Die
       Universität, nicht das College, sei für die Überprüfung seiner Eignung
       verantwortlich gewesen. Arday habe keine Lehrtätigkeit für das College
       ausgeübt.
       
       ## Psychologe sprach noch am Todestag mit Arday
       
       Am selben Tag veröffentlichte die Vizekanzlerin der Universität, Deborah
       Prentice, ein [10][Schreiben an „Universitätskollegen“], das die
       Untersuchungen genauer ausführte und dann, als befände sie sich im Jahr
       1926 und nicht 2026, fügte sie hinzu: „Ich möchte sehr klar sein, dass wir
       nicht die Ergebnisse einer Untersuchung brauchen, um klar und laut zu
       sagen, dass unsere farbigen Mitarbeiter hochgeschätzt sind.“ Über Arday,
       ohne Namensnennung, stand da: „Dieser besondere Fall ist ein Irrläufer.“
       
       Einen Tag später nahm sich Arday das Leben. Noch am Morgen seines Suizids
       sprach der Cambridge-Psychologieprofessor Simon Baron-Cohen, der Arday
       persönlich kannte, mit ihm, wie er [11][am Samstag im BBC-Rundfunk
       erzählte]. Arday sei mit den Konsequenzen der Fragen über ihn nicht
       klargekommen, sagte er. „Im Herzen dieses Falles ist ein Mann, bei dem in
       seiner Kindheit Lernstörungen diagnostiziert wurden, welche Autismus und
       Sprachverzögerung beinhalteten. Er war ein verletzliches Kind, ein
       verletzlicher Teenager und ein verletzlicher Erwachsener und aus diesem
       Grund benötigte und verdiente er professionellen Schutz und Unterstützung
       bei jedem Schritt.“
       
       In der Schwarzen Community ist jetzt die Bestürzung groß. Warum bot ihm die
       Universität oder sein College kein „Safe House“ an, um den medialen
       Shitstorm zu überstehen, [12][fragte der Aktivist Chaka Artwell in der
       Schwarzen Zeitung Voice]. Schwarze Kommentatoren sind sich einig, dass
       Arday das Opfer einer rassistischen Hexenjagd gewesen sei: „Sie wollen
       nicht, dass wir Erfolg haben“, wie es Artwell ausdrückt. Für
       Montagnachmittag ist eine antirassistische Trauerkundgebung am Trafalgar
       Square in London angesagt. Eine weitere Veranstaltung nahe seinem Wohnort
       in Battersea am Sonntag wurde abgesagt. Labour-Premierminister Andy Burnham
       – selbst Cambridge-Absolvent – forderte die Nation zu einer Atempause des
       Nachdenkens auf.
       
       In Cambridge dürfte der Streit um Arday jetzt erst recht eskalieren. Über
       100 Lehrkräfte haben [13][laut einem Varsity-Bericht] in einem Brief an die
       Universitätsleitung eine transparente Untersuchung des gesamten Vorgangs
       eingefordert – initiiert wurde das Schreiben von der Professorin für
       postkoloniale Studien Priyamvada Gopal, selbst eine prominente Stimme im
       Kampf um Diversität. „Bitte verschont uns mit leeren und bedeutungslosen
       Statements von der Cambridge-Führung“, [14][schrieb sie nach Ardays Suizid
       auf X]. „Die einzige Haut, die sie retten wollen, ist ihre eigene.“
       
       16 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://goodlawproject.org/an-update-from-jason-arday/
 (DIR) [2] https://www.plagiarismtoday.com/2026/07/28/race-cambridge-and-the-jason-arday-plagiarism-scandal/
 (DIR) [3] https://retractionwatch.com/2026/07/27/cambridge-jason-arday-plagiarism-allegations-times-higher-education-exclusive/
 (DIR) [4] https://www.varsity.co.uk/news/26105
 (DIR) [5] https://x.com/JamesCleverly/status/2088358189989576997
 (DIR) [6] https://www.cam.ac.uk/notices/news/statement-to-media-02-august-2026
 (DIR) [7] https://www.cam.ac.uk/notices/news/statement-about-professor-arday
 (DIR) [8] https://www.cam.ac.uk/notices/news/statement-about-professor-arday
 (DIR) [9] https://www.jesus.cam.ac.uk/articles/jason-arday
 (DIR) [10] https://www.cam.ac.uk/notices/news/statement-from-the-vice-chancellor-12-august-2026
 (DIR) [11] https://people.com/jason-ardays-friend-spoke-with-him-hours-before-death-recalls-last-thing-said-12060737
 (DIR) [12] https://www.voice-online.co.uk/opinion/comment/2026/08/14/they-hounded-jason-arday-now-a-family-is-grieving/
 (DIR) [13] https://www.varsity.co.uk/news/31918
 (DIR) [14] https://x.com/PriyamvadaGopal/status/2088604815966281764
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
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