# taz.de -- Ein letztes Mal „Was macht mich?“: Eine Pflanze muss nicht entscheiden, wo ihre Welt aufhört
> In seiner letzten Kolumne denkt unser Autor darüber nach, was ihn und die
> Menschheit ausmacht. Am besten funktioniert das zwischen
> Supermarktregalen.
(IMG) Bild: Ich denke an das Wohnzimmer meiner Mutter. Ihre Pflanzen tanzen im Wind. Sie sind hier groß geworden, so wie ich
Es ist totzitiert, aber warum nicht mal auf der Leiche herumtrampeln: Die
große Erzählung – von Fortschritt, Nation und Religion – erklärt nicht
mehr, was abgeht. Vielleicht arbeite ich deshalb an kleinen Erzählungen.
Ich schreibe gerne im Supermarkt. Mit Abstand von einer Wirklichkeit, in
der ich mich nicht wiederfinde.
Diese Wirklichkeit ist sich mal wieder sicher: Der Terroranschlag beim
[1][Berliner CSD ist ein Angriff auf die „offene Gesellschaft“]. Diese
Floskel ist bescheuerter als „wofür es sich zu leben lohnt“.
Im Namen der offenen Gesellschaft werden 60.000 Menschen unterhalb ihrer
Klimazone für überflüssig erklärt. Im Namen der offenen Gesellschaft
bekommen alle Dinge Kategorien. Das, was innerhalb davon liegt, ist gut,
alles andere schlecht. Die offene Gesellschaft tarnt ihre Grenzen als
Offenheit.
Ich denke an das Wohnzimmer meiner Mutter. Ihre Pflanzen tanzen im Wind.
Sie sind hier groß geworden, so wie ich. Doch getanzt habe ich nie. Es
waren die 90er: Das Ungewöhnliche wurde mit dem Normalen versöhnt. Spießer
und Punks trafen sich in der Vorliebe für die Zigarettenmarke West.
## Herkunft als Mythos
Früher ging es darum, was Waren ausdrücken. Heute, woher sie kommen.
Herkunft kehrte als Mythos zurück.
Auf Instagram verspricht eine App für Gesichtsscans, zu erfahren, woher du
„wirklich kommst“? „Nordic brow, Mediterranean nose bridge, alpine jaw
line“. Eine Userin sagt: „Ich fand heraus, dass ich nicht die bin, die ich
dachte zu sein.“ Vor dem Supermarkt steht eine Frau und raucht, wie andere
atmen. Ich habe Angst vor dem, was der Rauch mit ihr macht. Rauchen stand
mal für Freiheit. Heute für Tod. [2][Was ist aus dem Glamour des
Schädlichen geworden?] Wenn ich am Joint ziehe, will ich unbedingt etwas
Erhabenes in dem sehen, was mich umbringt.
„Ich möchte ohne Angst vor mir dich lieben“, schreibt Ann Cotten. Ich fühle
das sehr. Habe ich es vorher gefühlt oder erst durch diese Worte? Fick das
Wort, nicht die Buchstaben. Es macht aus Gefühlen Muster. Wie Maßbänder,
die aus Unterschieden eine Zahl machen. Doch nichts ist wie das oder der
oder die. Ich muss mir selbst fremd werden, um zu begreifen, wie es ist,
markiert zu sein. Als Mensch unter vielen. Nicht als Mensch über vielen.
Für die „Ñuu Savi“ in Mexiko sind Menschen eine von vielen Spezies des
Kosmos. Etwas Ähnliches lehrte mich die Theorie: Nichts steht fest. Wie im
Rausch erklärte ich die Aufklärung und alles andere zur Illusion und wollte
trotzdem was Echtes finden. Aber auch da, Mister President, ist alles
gemacht, so wie der Wind in den Bäumen.
## Der Körper als Panzer
Rechte wollen das nicht sehen. Für sie sind Kultur und Natur getrennt. Der
Körper soll ein Panzer sein, in den nichts rein und nichts raus soll. Nur
harte Fakten wie die des Gesichts erklären, wer du bist.
Eine Pflanze muss nicht entscheiden, wo ihre Welt aufhört und die andere
anfängt. So stehe ich herum wie die Pflanze meiner Mutter, nur ohne zu
tanzen. Sie muss daraus keine Erzählung machen. Ich schon. Ich kann mein
Selbst vervielfachen: Mein Userprofil ist das Persönlichste an mir. Es ist
die Seele meiner Seele.
Ich verlasse den Supermarkt. Ich grüße eine Person, die ich nur beiläufig
kenne. Sie grüßt nicht zurück und ich tue so, als müsste ich schnell
weiter. Drei Tage vorher hatte sie mir noch eine DM geschrieben.
Dieser Text soll nichts widerspiegeln, weder die Zeit noch die
Verhältnisse. Er soll nicht zeigen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Ich kann nur die kleine Erzählung von mir selbst. Was macht mich? Ich weiß
es nicht. Nichts weiß ich.
16 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Philipp Rhensius
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