# taz.de -- Medienkonsum bei Kindern: Sein oder Bildschirmschein
       
       > Smartphones und Tablets prägen den Familienalltag. Doch dabei verlieren
       > Kinder oft den Bezug zur Realität. Ein Besuch in der Physiotherapie.
       
 (IMG) Bild: Wenn der Bildschirm die Wirklichkeit ersetzt: Zur Kinderärztin Katrin Klöpper kommen Kinder, die nur noch das Smartphone kennen
       
       Nackte Kinderfüße tasten vorsichtig über Steine, harte Nudeln und
       zerknülltes Zeitungspapier. Grüne, blaue und rote Hula-Hoop-Reifen rahmen
       die verschiedenen Materialien ein. Ein kleines Mädchen balanciert von
       Reifen zu Reifen auf dem Barfußweg, den ihre Physiotherapeutin im
       Gymnastikraum des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in
       Berlin-Charlottenburg gestaltet hat. Ihre Schritte wirken zögerlich, nicht
       immer im Gleichgewicht.
       
       „Das ist laut!“, ruft Anna (Name von der Redaktion geändert) plötzlich und
       weicht erschrocken vor der schimmernden, knisternden Rettungsdecke zurück,
       die zwischen zwei Reifen liegt. Manche Geräusche sind ihr noch sehr fremd.
       
       Die kleine Anna ist mit ihrem Vater zur Physiotherapie gekommen. Er hilft
       ihr, die Schuhe auszuziehen und und bringt sie zur Tür des Gymnastikraums,
       wo die Physiotherapeutin Antje Taubert beide herzlich begrüßt. Dann
       verabschiedet sich der Vater und geht in den Wartebereich des SPZ zurück.
       Vor etwa einem Jahr betrat Anna zum ersten Mal diese Praxis. Damals sprach
       sie kaum und wich jedem Blickkontakt aus „Sie hat so schnell Fortschritte
       gemacht“, sagt Antje Taubert.
       
       Zu Beginn zeigte das Mädchen deutliche Entwicklungsrückstände. „Spielen
       hatte sie gar nicht gelernt und kannte eigentlich nur das Smartphone – also
       das Schieben vom Display“, erinnert sich die Physiotherapeutin. Ohne Dinge
       zu greifen und zu ertasten, fehlte dem Kind die Grundlage für eigenes
       Handeln, erklärt Taubert. „Die ganze Materialerfahrung, Sozialerfahrung,
       Selbsterfahrung, das Ursache-Wirkungs-Prinzip – also was passiert, wenn ich
       etwas mache – können die Kinder am Smartphone ja nicht erleben“, sagt die
       Physiotherapeutin.
       
       Als Anna anfangs herkam, mied sie höhere Ebenen. Fühlte sie sich
       überfordert, drehte sie sich einfach weg. Auch ihre Bewegungen fielen auf,
       etwa das hektische Wedeln mit den Händen vor dem Körper. „Diese Art der
       Selbststimulation gehört zu den autismusähnlichen Symptomen, die normal
       entwickelte Kinder gar nicht brauchen“, erklärt Taubert.
       
       [1][Dass immer mehr Kinder mit ihrer Umwelt nicht zurecht kommen],
       beobachtet Katrin Klöpper schon seit etwa zehn Jahren. Damals hat es
       angefangen mit dem übermäßigen Medienkonsum von Kleinkindern, erklärt die
       leitende Ärztin im Zentrum. Ein Hauptgrund: die Nutzung von Smartphones,
       die immer stärker in den Alltag der Menschen integriert werden. „Allerdings
       noch nicht in dem Ausmaß, das wir jetzt sehen“, betont die Ärztin. Sie
       sitzt an ihrem Schreibtisch schräg gegenüber dem Gymnastikraum, in dem die
       kleine Anna sich weiter voran über den Barfußweg arbeitet. Klöpper öffnet
       auf ihrem Laptop einige Videoaufnahmen ihrer Patient:innen.
       
       Auf dem Bildschirm erscheint ein fünfjähriger Junge, der fast reglos in
       einem Raum steht. Um ihn herum liegen verschiedene Musikinstrumente. Eine
       Therapeutin ermuntert ihn wiederholt zum Spielen – doch er bleibt
       unbeteiligt. Im nächsten Video sieht man einen weiteren Jungen, der seine
       Umgebung kaum wahrnimmt. Beide Kinder sprechen wenig oder gar nicht, meiden
       Blickkontakt, zeigen kaum eine Gestik und bewegen sich eingeschränkt. Sie
       sind keine Autisten, weisen aber ähnliche Verhaltensweisen auf.
       
       Trotzdem werden die Symptome oftmals unter dem Namen „Virtueller Autismus“
       zusammengefasst. Fachleute lehnen diese populärwissenschaftliche
       Bezeichnung ab, da Autismus vor allem genetische Ursachen hat. Offiziell
       anerkannt sind die autismusähnlichen Symptome durch hohen Medienkonsum noch
       nicht – Langzeitstudien zu dem Phänomen fehlen. Katrin Klöpper stützt sich
       vor allem auf ihre klinische Erfahrung: Wird der Medienkonsum reduziert,
       bessern sich die Symptome schnell. Die Kinderärztin beobachtet, dass immer
       mehr Kinder betroffen sind. Je nach Konsum sind die Symptome
       unterschiedlich stark ausgeprägt.
       
       Was die Ärztin täglich beobachtet, belegen aktuelle Zahlen: Seit 2020 hat
       der Zugang der Zwei- bis Fünfjährigen zu smarten Geräten stark zugenommen,
       zeigt die aktuelle [2][miniKIM-Studie]. Jedes fünfte Kleinkind besitzt
       inzwischen ein eigenes Tablet, jedes zehnte in dieser Altersgruppe ein
       Handy oder Smartphone.
       
       Zwar stehen die meisten Eltern Smartphones in Kinderhänden kritisch
       gegenüber, doch fast die Hälfte der Hauptbetreuenden sieht auch Vorteile.
       Einige hoffen auf einen Lerneffekt: Deutschsprachige Eltern lassen ihre
       Kinder mit Apps Englisch üben, Eltern aus dem Ausland nutzen sie, um ihren
       Kindern Deutsch beizubringen.
       
       Was für Folgen die übermäßige Mediennutzung im Laufe der Kindheit haben
       kann, zeigt die aktuelle [3][Mediensucht-Studie] der DAK-Gesundheit und des
       UKE Hamburg: Bereits jede:r Vierte im Alter von 10 bis 17 Jahren kommt
       kaum vom Bildschirm weg. Expert:innen sprechen von einer
       besorgniserregenden Entwicklung. Die Isolation der Familien in den
       Coronajahren hat sie stark beschleunigt. Auch Katrin Klöpper betrachtet die
       Pandemie als Wendepunkt. Schulen und Kindergärten waren geschlossen, obwohl
       viele Eltern im Homeoffice arbeiteten. Der Druck, Kinderbetreuung und Beruf
       zugleich zu bewältigen, war hoch. So wurden Bildschirme schnell zur Lösung,
       um Kinder lange ruhig zu halten.
       
       „Wir mussten unsere Tochter, die noch nicht in die Kita ging, beschäftigen,
       um arbeiten oder lernen zu können“, sagt auch Annas Vater, der geduldig auf
       das Ende der Physiotherapiestunde wartet. Er erinnert sich gut an den
       Druck, alles schaffen zu müssen. Er arbeitete außer Haus. Seine Frau
       besuchte einen Deutschkurs und führte den Haushalt. Wenn sie lernte, kochte
       oder duschte, beschäftigte sie die kleine Tochter mit ihrem Smartphone oder
       setzte sie vor den Fernseher.
       
       Das Kind schien zufrieden, erzählt der Vater. Doch mit der Zeit veränderte
       Anna sich. Sie zog sich emotional zurück und reagierte unsicher auf ihre
       Umwelt. „Sie hatte kein Gleichgewicht und fasste nichts an“, erinnert sich
       der Mann. Dann fügt er leise hinzu: „Und sie hat uns nie geküsst.“
       
       Auch nachts wirkten bei Anna die vielen Stunden vor dem Bildschirm nach.
       Sie verarbeitete die visuellen Reize im Schlaf, schreckte immer wieder auf.
       „Unsere Tochter schrie Seriennamen“, erinnert sich der Vater heute immer
       noch fassungslos.
       
       Für ihn und seine Frau stand fest: Etwas lief grundlegend schief. Sie
       suchten ärztlichen Rat und verbannten bald darauf alle Bildschirmmedien aus
       dem Alltag ihrer Tochter. Stattdessen brachten sie Bausteine, Spielfiguren
       und Hörspiele ins Haus, um ihrem Kind greifbare Erlebnisse zu bieten.
       
       Heute schaut der Vater mit Sorge auf andere Familien, die ihren
       Kleinkindern Smartphones in die Hand drücken. Er selbst werde den Moment
       niemals vergessen, in dem er und seine Frau erfuhren, was die lange
       Bildschirmzeit bei ihrer Tochter angerichtet hat. „Wir haben uns damals nur
       angeguckt und gedacht: Wir haben etwas Falsches getan, wir sind schuld“,
       sagt er leise.
       
       Ob eigene Erkenntnis oder der Hinweis aus der Kinderarztpraxis: Für Eltern
       ist die Diagnose der bildschirminduzierten Entwicklungsstörung meist mit
       großer Scham verbunden. „Den Eltern ist häufig schon vorher klar, dass es
       einen Zusammenhang mit dem Smartphone gibt“, berichtet Klöpper, die in
       ihrem Sprechzimmer ein paar Telefonate entgegengenommen hat.
       
       Umso wichtiger bleibt der einfühlsame Umgang im SPZ: „Wir versuchen, ohne
       Vorwürfe zu arbeiten und nicht zu sagen, dass jemand schuldig ist.“ Klöpper
       will Bildschirme nicht grundsätzlich verdammen. Entscheidend sind das
       elterliche Vorbild und eine echte Beziehung im Alltag. Erst wenn Kinder
       allein vor dem Bildschirm sitzen, fehlt ihnen der Bezug zur Umwelt und zu
       den eigenen Gefühlen, so Klöpper.
       
       Sich selbst zu beruhigen, muss ein Kind erst lernen. Übernimmt regelmäßig
       das Smartphone diese Aufgabe, wird das Gefühl zwar verdrängt, der Umgang
       mit den eigenen Emotionen aber nicht geübt. Gerade in den ersten
       Lebensjahren ist das Gehirn besonders formbar. Wenn Kleinkinder in dieser
       Zeit viel und passiv vor Bildschirmen sitzen, hinterlässt das Spuren in der
       Hirnentwicklung.
       
       Die Neurowissenschaft zeigt heute deutlich, dass exzessiver Medienkonsum
       wichtige Nervenverbindungen und Leitungsbahnen verändert. Klöpper
       beobachtet diese Folgen im Alltag: Manche Kinder seien an schnelle,
       wechselnde Reize gewöhnt. Bleiben sie aus, werde es schwer, die
       Aufmerksamkeit zu halten. Auch Langeweile und Frust auszuhalten, falle
       ihnen schwerer. Was das bedeuten kann, zeigt sich ihrer Ansicht nach
       spätestens in der Grundschule. Plötzlich sollen Kinder still sitzen,
       zuhören, warten, sich konzentrieren. Fähigkeiten, die Selbstregulation
       voraussetzen.
       
       „Ein weiteres Problem in Bezug auf Smartphones und Laptops ist, wenn die
       Eltern selbst ständig auf ihr Smartphone schauen“, sagt die Ärztin. In der
       Fachwelt spricht man hierbei von der sogenannten Technoferenz – der
       ständigen Unterbrechung der zwischenmenschlichen Interaktion durch digitale
       Medien. Wenn Mutter oder Vater zum Beispiel beim Füttern des Kindes, auf
       dem Spielplatz oder beim Vorlesen wiederholt aufs Display blicken, reißt
       die Verbindung zum Kind immer wieder ab.
       
       Für Kleinkinder ist dieser verlässliche Blickkontakt jedoch wichtig für
       ihre Entwicklung: Sie spiegeln darin ihre eigenen Gefühle, lernen
       emotionale Sicherheit und erfahren, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen
       werden. Fehlt diese direkte Resonanz dauerhaft, ziehen sich manche Kinder
       emotional zurück oder zeigen auffälliges Verhalten, um überhaupt eine
       Reaktion zu erzeugen. „Das Smartphone in der Hand der Eltern wirkt wie eine
       unsichtbare Wand, die emotionale Nähe verhindert“, betont Klöpper.
       
       Viele [4][Eltern] trösten sich damit, dass auch in ihrer Kindheit der
       Fernseher lief. Doch Klöpper widerspricht: Das Medium habe sich drastisch
       verändert. Früher waren Sendungen ruhiger, langsamer und weniger
       aufdringlich, und der Fernseher blieb auf Abstand, an der Wand. Das
       Smartphone dagegen hebt diese Distanz komplett auf. „Da ist einfach kein
       Raum mehr dazwischen, keine Welt, keine Person, mit der ich noch
       interagieren könnte“, sagt die Ärztin.
       
       Physiotherapeutin Antje Taubert hat in der Zwischenzeit die raschelnde
       Decke in die Hand genommen, zeigt sie Anna und gibt sie ihr in die Hand.
       Die Folie, die Anna noch vor ein paar Minuten unheimlich war, wird spontan
       zur „Glitzerdecke“ – die Kleine strahlt. Dann ertastet sie einen rosa
       schimmernden Glasstein, lacht und wirft ihn zurück in den blauen Reifen.
       Wieder knistert es – diesmal, als sie das zerknüllte Zeitungspapier
       überquert.
       
       Anna erschrickt nicht mehr, läuft weiter und spürt die harten Kanten der
       Nudeln unter ihren Füßen, die im nächsten Reifen liegen. Kurz wirkt sie
       irritiert, doch dann erkundet sie den Untergrund weiter mit den Zehen,
       während Taubert jede Entdeckung kommentiert: hart, weich, kalt, warm. Anna
       lernt bei der Übung diese unterschiedlichen Adjektive greifbar kennen –
       Sinneseindrücke, die ihr am glatten, zweidimensionalen Display bisher
       fehlten. „Sie muss diese Erfahrungen erst machen“, erklärt die
       Physiotherapeutin.
       
       Wo früher Rückzug, Händewedeln und Stille herrschten, sucht das Mädchen
       heute Blickkontakt, nutzt einfache Worte und gestaltet das Spiel im Raum
       aktiv mit.
       
       „Nur wenn die Eltern mitmachen, sieht man, wie schnell sich Dinge bessern“,
       betont Taubert. „Dann sieht man, wie die Kinder ausdauernder werden und
       Motivation entwickeln“, erklärt die Physiotherapeutin, während sie ein paar
       Nudeln zurück in den Reifen wirft. Für sie ist der Fall des Mädchens, das
       kaum sprach und Koordinationsprobleme beim Laufen hatte, ein Beispiel für
       den Wandel ihres gesamten Berufsfeldes: „Die Therapie lässt sich gar nicht
       mehr in einzelne Fachgruppen einsortieren. Es braucht ein
       multiprofessionelles Team – aufgrund der komplexen Geschichten, die diese
       Kinder mitbringen“, so die Physiotherapeutin.
       
       Am Rand des Gymnastikraums wartet Annas Vater, bis seine Tochter die
       letzten Hürden des Barfußwegs genommen hat. Er ist für die letzten Minuten
       hereingekommen, um ihre Fortschritte beobachten zu können. Seit der
       Diagnose hat er seine Mediengewohnheiten radikal geändert. Nach der Arbeit
       lässt er sein Smartphone unberührt liegen. „Das ist jetzt nur noch zum
       Telefonieren da“, sagt er. Der Fernseher steht zwar noch im Wohnzimmer,
       bleibt aber aus, solange Anna wach ist. „Abends möchte ich schon ein
       bisschen Fußball gucken“, lacht er. Aber da liegt Anna schon längst im
       Bett.
       
       Als die Stunde endet, läuft sie zu ihrem Vater, der auf einem Holzkasten
       nahe der Tür sitzt. Er strahlt, nimmt sie glücklich in die Arme. „An den
       Fortschritten ihrer Kinder sehen die Eltern, dass es sich lohnt
       dranzubleiben“, sagt Antje Taubert zufrieden. Der Vater nimmt Annas Hand,
       beide verabschieden sich von der Physiotherapeutin und schlendern den Gang
       zur Tür entlang. Er fragt seine Tochter, wie es war. Anna lacht und erzählt
       ein wenig. Das Smartphone des Vaters bleibt stumm.
       
       16 Sep 2026
       
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