# taz.de -- Sonnenfinsternis auf dem Teufelsberg: Verbunden im Schatten des Mondes
       
       > Der Andrang auf den Teufelsberg zum Beobachten der partiellen
       > Sonnenfinsternis war enorm. Das wirkliche Spektakel spielte sich aber
       > nicht am Himmel ab.
       
 (IMG) Bild: Tausende Menschen drängten sich am Mittwochabend ins Freie, um das seltene Naturschauspiel zu beobachten
       
       „Hier, wollt ihr auch mal?“ Ein Mann reicht seine „Sofi“-Brille in einen
       Kreis junger Frauen. „Ja, unbedingt. Danke!“, ruft eine von ihnen
       aufgeregt. Sie haben keine Brille mehr ergattert, um die [1][partielle
       Sonnenfinsternis] aus 120 Metern Höhe vom Teufelsberg aus zu beobachten.
       Jetzt können sie also doch etwas von dem Naturschauspiel sehen, von dem die
       ganze Welt zu sprechen scheint. Das wahre Spektakel spielt sich jedoch
       unter der Sonne ab. Vor lauter Trubel vergisst man schnell, wieso man
       eigentlich hier ist.
       
       Schon eine halbe Stunde vorher, auf der vergeblichen Suche nach einem
       freien Parkplatz am Fuße des Hügels, zeichnet sich ab, wie viele Menschen
       sich oben schon tummeln. Eine Mutter zieht einen mit Decken und Proviant
       voll bepackten Rollwagen hinter sich her, vorbei an streitenden
       Autofahrer*innen. „Sie können sich nicht ernsthaft so hinstellen, ich komme
       nicht vorbei!“, zetert ein Mittfünfziger aus einem Kombi. „Der kommt da
       locker durch“, sagt der von ihm adressierte junge Mann zu seinem Kumpel.
       Von lautem Hupen begleitet, machen sie sich auf, den Teufelsberg zu
       besteigen. Schließlich ist es schon 19.18 Uhr und die Sonne bereits zum
       Teil verdeckt.
       
       So wie hier sieht es am Mittwochabend vielerorts in Berlin aus. In Scharen
       strömen aufgeregte Anwohnende wie Zugereiste auf geeignete Freiflächen, um
       die partielle Sonnenfinsternis zu beobachten. Bis zu 85 Prozent verdeckt
       der Mond dabei die Sonne – das wollen sich die Leute nicht entgehen lassen.
       [2][Viel wurde schließlich im Vorfeld darüber berichtet.] Ein Besucher
       scherzt, jetzt könne er endlich mal „diese berühmte Sonne, die auf seiner
       For-You-Page viral gegangen ist“, in echt sehen.
       
       ## Wucherpreise für die „Sofi“-Brille
       
       Was die Leute alles auf den Berg im Grunewald schleppen, um die
       Sonnenfinsternis zu beobachten, ist beachtlich: selbst gebastelte
       Lochkameras aus Pizzakartons, prallgefüllte Picknickkörbe, die eine
       Kleinfamilie zwei Tage lang ernähren könnten und sogar eine Couch.
       
       Um 19.41 Uhr erscheint die erste Ticker-Meldung der Süddeutschen Zeitung
       auf dem Handy, dass die Sonnenfinsternis nun losgehe. Etwas verspätet, wie
       man mit Blick durch eine der heißbegehrten „Sofi“-Brillen feststellt, die
       ein geschütztes Beobachten der Sonnenfinsternis ermöglichen. Etwa 73
       Prozent der Sonne sind jetzt schon verdeckt.
       
       Die Brillen werden hin und her gereicht, eine sogar solidarisch entzwei
       geteilt. Eine junge Frau erzählt, sie sei extra durch halb Berlin bis nach
       Spandau geradelt, um für sich und ihre Freunde [3][„Sofi“-Brillen] über
       Ebay-Kleinanzeigen zu bekommen. 4 Euro pro Stück habe sie gezahlt. Ein
       Schnäppchen, verglichen mit den Wucherpreisen, die sich im Laufe des Tages
       auf der Plattform in astronomische Höhen schaukelten, weil die Brillen
       sonst überall schon vergriffen waren.
       
       Um kurz nach acht, die Sonnenfinsternis wird gleich ihr Maximum erreichen,
       verändert sich das Licht merklich. Immer mehr Leute wenden sich der Sonne
       zu. Der Mittzwanziger im Vintage-Dress, der sich eine olle Schweißerbrille
       übergestülpt hat. Die junge Frau im Bohokleid, die noch schnell einen
       Sonnengruß macht. Der Jugendliche mit geschätzten 500 Gramm „Reis mit
       Hühnchen“ in der Hand, dessen Dehnungsstreifen auf den Schultern von den
       harten Trainings der letzten Monate erzählen.
       
       Man fühlt sich seltsam verbunden, hier oben im Schatten des Mondes. Nicht
       zwangsläufig durch die Sonnenfinsternis, die bei dem Chaos über dem
       Panorama der Hauptstadt schnell zur Nebensächlichkeit verkommt. Sondern
       durch diesen eigenartigen Charme, den die Stadt selbst in ihrem tiefsten
       Grün nicht verstecken kann.
       
       13 Aug 2026
       
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