# taz.de -- 350. Todestag von Grimmelshausen: Ein barockes Mutterficken
       
       > Heute vor 350 Jahren starb der Autor des Schelmenromans „Der
       > abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Warum er nicht nur eine tolle
       > Sommerlektüre ist.
       
 (IMG) Bild: Grimmelshausen ist am 17. August 1676 gestorben. Zeit, sich mit seinem Werk zu beschäftigen
       
       Angefangen habe ich den Barock-Klassiker „Der abenteuerliche
       Simplicissimus“ im Sommer letzten Jahres. Und durch bin ich immer noch
       nicht!
       
       Das hübsch handliche und orange eingeschlagene eigentlich immer auf sich
       aufmerksam machende [1][Reclam-Buch] (bei 838 Seiten kann man auch im
       Dünndruck nicht mehr von einem Bändchen sprechen) war schon in den Alpen
       und in Prag, in Schlesien und an der Nordsee. Ich habe damit Mücken
       totgeschlagen und Fenster festgeklemmt – und es hat sich 1a gehalten.
       Großes Kompliment an die buchbinderische Verarbeitung von Wilhelm Röck,
       Weinsberg!
       
       Und inhaltlich jetzt? Sollte nicht die erste Frage sein, warum ich so lange
       brauche? Ist das Buch zu dick? Oder so (sprachlich) alt? Habe ich
       eigentlich keinen Bock mehr, aber will es bildungsbeflissen unbedingt
       fertigkriegen, obwohl es doch wahrlich drängendere Lektüren gäbe?
       
       Alles nicht falsch. Und steht gewissermaßen auch schon im Originaltitel
       dieses Klassikers der deutschen Barockliteratur, der erstmals 1668
       erschienen war: „Der Abenteuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch / Das ist: Die
       Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior
       Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt
       kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden /
       auch warum er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und
       maenniglich nutzlich zu lesen.“
       
       ## „Zusammenstellung von Zoten“
       
       Und das ist jetzt schon die „behutsam“ modernisierte Fassung, wobei als
       besonderer Gag schon das Wort „behutsam“ keines ist, dass noch in unserem
       aktiven Wortschatz eine große Rolle spielte.
       
       Was zeitgemäß ist oder so empfunden wird, ist eben abhängig von den Zeiten.
       Zu Recht wird in meiner Ausgabe darauf hingewiesen, dass das Hauptwerk von
       Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der heute vor 350 Jahren in
       Renchen gestorben ist, nicht zu allen Zeiten zum Kanon der deutschen
       Literatur gehörte.
       
       Denn es handle sich um eine „Zusammenstellung von Zoten“, „Diebstahl,
       Unzucht, Mord, Bruch des Fahneneids etc.“ Und da hat der Abgeordnete des
       preußischen Landtags, der 1876 so schimpfte, nicht mal explizit auf die
       Episode verwiesen [2][(3. Buch, Kapitel 23)], in der ein Bauernbub von
       einer Magd ermahnt wird, „er sollte aufhören zu fluchen oder sie wollts dem
       Vater sagen. Der antwortet’ der Knabe, sie sollte ihn im Hintern lecken und
       ihre Mouder dartoo brühen“.
       
       Jetzt ist die Frage: Wäre ich zufriedener und schneller in meiner Lektüre,
       wenn der Knabe einfach sagte: ‚Leck mich am Arsch und fick deine Mutter‘?
       Oder ist nicht der eigentliche Wert dieser Passage, dass ich selbst, als
       Leser, diese Übersetzung – gewiss mithilfe der Anmerkungen (etwa: dartoo =
       dazu obendrein) – vollziehe? Dass ich über Jahrhunderte glattgebügelter
       Literatursprache hinweg in eine Epoche eintauche, die den Sound der Straße
       hier und heute hat?
       
       ## Auf nichts ist Verlass
       
       Man kann so viel lernen mit dem armen Simplicissimus, während man ihn durch
       Höhen und Tiefen begleitet, in einer fantastischen Reise im 5. Buch sogar
       bis zum Mittelpunkt der Erde. Wie wertvoll der Frieden ist! Wie grausam es
       sein muss, von Läusen und Flöhen geplagt zu werden und sie nicht loswerden
       zu können! Und wie die Leute wie die Fliegen sterben, wie auf nichts
       Verlass ist! Auch Grimmelshausen wurde nach heutigen Begriffen nicht alt,
       er starb mit Mitte 50, genau weiß man es nicht.
       
       So wie ich noch nicht weiß, wie das Buch ausgeht. Was auch daran liegt,
       dass nach den fünf regulären Büchern noch eine „continuatio“ (Fortsetzung)
       folgt und dann noch zahlreiche weitere Sequels, zu denen auch die
       „Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und
       Landstörtzerin Courasche“ gehört, aus der Bertolt Brecht dann sein
       berühmtes Theaterstück machte.
       
       Aber hier bin ich schon wieder im bildungshuberischen. Und zum Teil kann
       ich auch dazu stehen. Aus einem bildungsarmen Haushalt stammend, haben die
       großen Werke für mich nichts Verschultes, wie es für Leute aus dem
       Bildungsbürgertum oft ist.
       
       Diese Werke gehören nicht den Eltern oder Lehrern, sondern mir. Sie mir
       lesend angeeignet zu haben und weiter anzueignen, ist ein Teil meiner
       Emanzipation als Individuum, ob es nun um [3][Dantes „Hölle“] geht, um die
       [4][„Odyssee“], Goethes „[5][Wahlverwandtschaften]“ oder eben den
       „Simplicissimus“. Und deswegen werde ich auch nicht aufhören, meinen
       orangen Band in die Hand zu nehmen, bis ich vorne hineinschreiben kann
       „Begonnen Sommer 25, beendet …“
       
       In der früheren Version des Textes hieß es, Grimmelshausen sei im Elsass
       gestorben. Wir haben die Stelle nach Leserhinweisen berichtigt. Das in
       Baden gelegene Renchen gehörte zu Grimmelshausens Zeiten zum (elsässischen)
       Hochstift Straßburg, der Fürstbischof war Grimmelshausens Dienstherr.
       
       17 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.medimops.de/grimmelshausen-hans-j-ch-von-der-abenteuerliche-simplicissimus-teutsch-reihe-reclam-gebundene-ausgabe-M03150507618.html
 (DIR) [2] https://projekt-gutenberg.org/authors/hans-jakob-christoffel-von-grimmelshausen/books/grimmelshausen-simplicius-simplicissimus/chapter/89/
 (DIR) [3] /Zum-750-Geburtstag-Dante-Alighieris/!5203203
 (DIR) [4] /Neuerzaehlungen-griechischer-Mythologie-Ja-Odysseus-ist-cool-aber-haben-Sie-schon-mal-von-Circe-gehoert/!6195132
 (DIR) [5] /Krimi-Obwohl-ich-dich-liebe/!6015149
       
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