# taz.de -- Sambia vor den Wahlen: Eine vergiftete Demokratie
       
       > Am Donnerstag will sich Sambias Präsident Hichilema wiederwählen lassen.
       > Sein einstiger Hauptrivale Lungu ist tot, das politische Klima
       > angespannt.
       
 (IMG) Bild: Anhänger des amtierenden Präsidenten Hakainde Hichilema in Lusaka am 10. August
       
       Im südlichen Afrika ist es aktuell eher kühl, aber die politische
       Temperatur in Sambia vor der entscheidenden Wahl an diesem Donnerstag ist
       am Siedepunkt, Gewalt, gegenseitige Fälschungsvorwürfe, ethnische Hassrede
       und Vorwürfe des Autoritarismus kennzeichnen den Wahlkampf, der jetzt mit
       der Neuwahl des Präsidenten und des Parlaments zu Ende geht. Und besondere
       Aufmerksamkeit in einem der wenigen Länder Afrikas, das noch nie unter
       längerer Militärherrschaft stand, erregen jetzt öffentliche Äußerungen
       dienender und pensionierter Militärangehörige, die das vergiftete Klima
       geißeln.
       
       „Wie verurteilen entschieden und eindeutig jede Form politischer Gewalt,
       unabhängig von ihren Urhebern“, lautet eine Erklärung mehrerer
       pensionierter hoher Generäle zur Schlussphase eines schmutzigen Wahlkampfs.
       „Kein Sambier sollte für die Ausübung seiner verfassungsmäßigen Grundrechte
       Einschüchterung, Verletzung oder Tod erleiden. Menschenleben sind heilig
       und müssen jederzeit geschützt bleiben.“
       
       „Wenn pensionierte Militärangehörige aus den Schatten heraustreten, um
       innenpolitische Reibungen öffentlich zu kommentieren, deutet das auf eine
       tief sitzende Sorge in der Elite um die Stabilität hin“, sagt der
       politische Analyst Brian Polombwe in der Hauptstadt Lusaka. Zuvor waren aus
       Sambias Sicherheitsapparat Warnungen gegen den Missbrauch von künstlicher
       Intelligenz und sozialen Medien im Wahlkampf ergangen. Deepfakes,
       gefälschte Videos und manipulierte Onlineveröffentlichungen seien
       verbreitet und würden Politiker diffamieren, Sicherheitskräfte aufhetzen
       und den Frieden gefährden.
       
       Für Polombwe steht nicht weniger als die nationale Sicherheit auf dem
       Spiel. Er sieht zwar keinen drohenden Militärputsch, wie ihn in den
       vergangenen Jahren mehrere afrikanische Länder erlebt haben – in Sambia
       wurden 1990 und 1997 Putschversuche schnell niedergeschlagen, seitdem ist
       das Land politisch stabil. „Die Intervention der pensionierten Generäle ist
       ein politisches Stresssymptom“, sagt er aber. „Es ist kein Vorläufer einer
       Machtübernahme des Militärs, sondern ein Feueralarm, der die Zivilisten
       wachrütteln soll.“
       
       ## Die angespannteste Wahl, seit es freie Wahlen gibt
       
       Auf jeden Fall ist dies Sambias angespannteste Wahl seit dem Ende des
       Einparteiensystems 1991. Der 2021 erstmals gewählte 64-jährige Präsident
       [1][Hakainde Hichilema] von der UPND ([2][United Party for National
       Development]) will sich wiederwählen lassen und sieht sich einem Bündnis
       der meisten Oppositionsparteien [3][Tonse Alliance] („Tonse“ heißt
       Koalition) gegenüber, die mit dem 55-jährigen [4][Brian Mundubile] als
       Spitzenkandidat antritt.
       
       Es gibt Vorwürfe des Stimmenkaufs, und im Wahlkampf hat es Tote gegeben,
       wofür die Opposition Unterstützer der Regierungspartei verantwortlich
       macht. So wurde Anfang August der Autokonvoi von Oppositionskandidat
       Mundubile im Westen des Landes gestürmt und mehrere Oppositionspolitiker
       verletzt. Die Opposition machte die UPND verantwortlich, Hichilema
       verurteilte die Gewalt.
       
       Der jüngste Vorfall war die Ermordung des prominenten Geschäftsmannes
       Stelios Shula Sardanis am vergangenen Wochenende. Der griechischstämmige
       64-Jährige wurde am frühen Sonntagmorgen in seinem Haus auf dem bekannten
       Tourismusressort [5][Chaminuka Lodge] von 15 Bewaffneten überfallen und
       starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Oppositionelle sagen, er wurde getötet,
       weil er den UPND-Dissidenten Gary Nkombo unterstützte – Sambias ehemaliger
       Minister für ländliche Entwicklung, der 2025 mit dem Präsidenten brach und
       nun als Unabhängiger für das Parlament kandidiert.
       
       Ein weiterer Geschäftsmann, Valden Harry Findlay, befindet sich seit einer
       Woche ohne Anklage in Haft, angeblich, weil er den Wahlkampf der Opposition
       finanziert. Seine Familie wandte sich an die Öffentlichkeit, nachdem er am
       Montag aus dem Polizeigewahrsam in einem Auto ohne Kennzeichnung an einen
       unbekannten Ort verschleppt wurde. „Als Familienangehörige hinterherfahren
       wollten, wurden sie mit Festnahme bedroht“, so die Erklärung der
       Angehörigen. Findlay benötige medizinische Behandlung. Die UPND weist alle
       Vorwürfe zurück. „Die politische Gewalt, von der die Tonse-Gruppe spricht,
       ist bloßes Gerede“, erklärt die Regierungspartei. „Sie existiert nicht.“
       
       ## Kreuz oder Häkchen? Streit um die Stimmzettel
       
       Das angespannte Klima dürfte sich auf den Wahltag übertragen. Die
       Opposition vermutet, dass die Wahlkommission nicht neutral arbeiten wird.
       Laut den Wahlregeln müssen die Wahlzettel mit einem Kreuz („X“) markiert
       werden. Sind damit Wahlzettel ungültig, wenn stattdessen ein Haken („✓“)
       gesetzt wird?
       
       Es genüge, wenn der Wählerwille eindeutig ausgedrückt sei und dabei die
       Identität des Wählenden geheim bleibe, erklärte jetzt der oberste
       Wahlleiter Brown Kasaro. „Das Gesetz schreibt nicht vor, dass ein Kreuz die
       einzige zulässige Markierung ist“, sagte er. „Die Wähler sollen den
       Stimmzettel ankreuzen, aber die Abwesenheit eines Kreuzes macht einen
       Stimmzettel nicht an sich ungültig. Was zählt, ist, dass der Wählerwille
       klar ist und der Wahlzettel die Anforderungen an seine Gültigkeit erfüllt.“
       Dennoch zirkulieren Warnungen davor, auf den Zetteln lediglich Häkchen zu
       setzen. „Jedes andere Zeichen als ein Kreuz macht den Stimmzettel
       ungültig“, behauptet der Akademiker Sishuwa Sishuwa. „Das ist die
       Rechtslage.“ Man darf gespannt sein.
       
       Die Tonse-Opposition wirft der Regierungspartei schon vor der Wahl
       Manipulation vor. Angolaner und Kongolesen seien nach Sambia gebracht und
       mit Wählerkarten ausgestattet worden, behauptete Tonse-Generalsekretärin
       Celestine Mukandila vergangene Woche vor Journalisten. „Wir bleiben wachsam
       und wollen den demokratischen Prozess schützen“, warnte sie.
       
       Zugleich beschwerte sie sich, dass drei Tonse-Mitglieder bei der Rückkehr
       von einem Sicherheitstraining in Russland verschleppt worden seien.
       Sicherheitsbeamte hätten Gideon Kalopa, Victor Mzuzyambva und Dickson Tembo
       bei der Landung am Flughafen Lusaka weggebracht. Die UPND nannte die
       Anschuldigungen „Verschwörungstheorien“, die davon ablenken sollten, dass
       die Opposition nicht begründen könne, warum man sie wählen sollte.
       
       ## Hichilemas Wirtschaftsbilanz ist positiv
       
       Die Wahl findet inmitten eines Klimas des politischen Wandels statt, der
       schon in mehreren Ländern des südlichen Afrikas Regierungsparteien
       hinweggefegt oder zumindest in starke Bedrängnis gebracht hat. Präsident
       Hichilema wurde 2021 bei seiner sechsten Präsidentschaftskandidatur
       gewählt, er ist Sambias siebter Präsident seit der Unabhängigkeit 1964 –
       und er gilt als reichster Mensch des Landes.
       
       In seiner Amtszeit hat sich der ehemalige Unternehmer auf Strukturreformen
       konzentriert, die die Wirtschaft stärken und damit soziale Entwicklung
       ermöglichen sollen. Er hat in Verhandlungen über 6 Milliarden US-Dollar
       Auslandsschulden umschulden oder streichen können und dem Land damit 5,8
       Milliarden US-Dollar fällige Schuldendienstzahlungen erspart. Für das
       laufende Jahr prognostiziert der IWF ein Wirtschaftswachstum von 4,3
       Prozent nach Negativwachstum bei Hichilemas Amtsübernahme, die
       Inflationsrate ist von 22 auf unter 10 Prozent zurückgegangen.
       
       Sambias Wirtschaft, stark vom Kupferexport abhängig, diversifiziert sich,
       die früher ständigen Stromausfälle werden seltener. Schulgebühren wurden
       abgeschafft, womit die Zahl der beschulten Kinder um 2,5 Millionen steigen
       konnte und auch Tausende neue Lehrerarbeitsplätze entstanden. Auch für
       Studierende gibt es Verbesserungen, etwa mehr Förderungen und die
       Wiedereinführung gestrichener Essensbeihilfen. Außerdem setzt die Regierung
       auf Digitalisierung.
       
       All das soll Hichilema die Wiederwahl bringen, hofft er jedenfalls. Auf der
       UPND-Abschlusskundgebung in Lusaka sagte er, seine Regierung habe in der zu
       Ende gehenden fünfjährigen Amtszeit eine Million Arbeitsplätze geschaffen.
       Sein regionaler Wahlkampfleiter Spiki Mulemwa rief: „Deswegen rufen wir die
       Sambier dazu auf, sich hinter seine Führung zu scharen und ihn
       wiederzuwählen, weil er sich der Förderung des Wohlergehens der Bürger im
       ganzen Land verschrieben hat.“
       
       ## Der Streit um den toten Lungu belastet das Land
       
       Doch Hichilemas lang anhaltende Fehde mit seinem Vorgänger [6][Edgar
       Lungu], den er bei den Wahlen 2021 besiegt hatte, wirft Schatten auf sein
       Image. Lungu starb in einem Krankenhaus in Südafrikas Hauptstadt Pretoria
       am 5. Juni 2025 während einer OP, und monatelang tobte ein heftiger Streit
       zwischen seiner Familie und der Regierung Sambias darüber, ob sein Leichnam
       nach Sambia zurückgebracht und vom Staat in der Präsidentengruft beigesetzt
       werden oder in Südafrika von der Familie beerdigt werden soll. Ein erster
       Begräbnisversuch der Familie in Südafrika wurde aufgrund eines Einspruchs
       aus Sambia und einer richterlichen Verfügung in letzter Minute gestoppt,
       und der Fall ging in Südafrika bis vor das oberste Gericht.
       
       Dort setzte sich in diesem Juni die Lungu-Familie durch: Das Gericht
       entschied, die Entscheidung über den Umgang mit dem Toten obliege der
       Familie und nicht dem Staat. Sambias Regierung verzichtete auf Rechtsmittel
       gegen dieses Urteil, wohl damit die Sache nicht auch noch den Wahlkampf
       belastet.
       
       Denn Lungu hatte eigentlich als Tonse-Oppositionskandidat Hichilema bei den
       Wahlen herausfordern wollen. Die Rivalität zwischen den beiden ist alt und
       giftig. Unter Lungus Herrschaft saß Hichilema zeitweise im Gefängnis. Unter
       Hichilemas Herrschaft sind Familienangehörige Lungus juristisch verfolgt
       worden. Lungus Anwalt Makebi Zulu ist nun
       Tonse-Vizepräsidentschaftskandidat.
       
       Obwohl Lungus Familie sich durchsetzen konnte, was den Umgang mit dem toten
       Edgar Lungu angeht, ist dieser bis heute nicht beerdigt worden. Der
       Verdacht besteht, dass der Tote im Falle eines Wahlsieges der Opposition in
       Sambia doch noch in seine Heimat zurückkehren könnte. Der Familie geht es
       vor allem darum, dass Hichilema nicht dabei ist, wenn Lungu beerdigt wird.
       
       Der Historiker Sishuwa Sishuwa weist darauf hin, dass Präsident Hichilema
       sich seit seiner Wahl 2021 mehrmals merkwürdig benommen hat. Er weigert
       sich, im Präsidentenamtssitz State House zu wohnen wie alle seine
       Vorgänger, angeblich weil er an Hexerei glaubt. Stattdessen pendelt er
       jeden Tag. Dass Hichilema über ein Jahr lang den Willen der Familie seines
       Vorgängers nach dessen Tod missachtet habe, sei „bizarr und gegen die
       afrikanische Kultur“, so Sishuwa. „Das nährt bloß die Wahrnehmung, dass
       Hichilema abergläubisch ist und es als lebensgefährliche Bedrohung für sich
       selbst sieht, wenn er nicht die Kontrolle über den Leichnam seines
       Vorgängers behält.“
       
       Kritiker werfen Hichilema auch zunehmendem Autoritarismus vor. So feuerte
       er Verfassungsrichter, die ihm während seiner Zeit in der Opposition nicht
       wohlgesonnen waren. Seine Gesetze gegen Cyberkriminalität erschweren
       Kritik. Im November 2025 sah er sich erstmals [7][größeren Protesten]
       unzufriedener Jugendlicher ausgesetzt.
       
       Tonse-Präsidentschaftskandidat Mundubile konzentriert seinen Wahlkampf nun
       auf die angebliche Notwendigkeit, Sambias Demokratie zu retten, und auf
       eine Politik, die die Armen – vor allem [8][im Bergbaugebiet Copperbelt]
       entlang der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo – stärker in den Fokus
       nimmt. „Sambia gehört uns allen“, sagte der 55-jährige Jurist auf einer
       Kundgebung. „Wir können Entführungen, Einschüchterung und den Einsatz
       bewaffneter Männer gegen Bürger nicht hinnehmen.“
       
       Insgesamt treten 14 Präsidentschaftskandidaten an. Über 8,7 Millionen
       Wahlberechtigte sind registriert, bei einer Gesamtbevölkerung von 22,5
       Millionen Menschen eher wenig, aber deutlich mehr als die 7 Millionen vor
       fünf Jahren. Fast die Hälfte von ihnen sind Jugendliche, die entweder im
       informellen Sektor tätig oder arbeitslos sind.
       
       12 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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