# taz.de -- Kulturschaffende im Nationalsozialismus: „Gräueltaten wurden durch regionale Unterstützer möglich“
       
       > Eine Ausstellung im Freilichtmuseum Kiekeberg beschäftigt sich mit dem
       > Einfluss lokaler NS-Funktionäre. Das stört das gängige Geschichtsbild.
       
 (IMG) Bild: Heimat ist eine Konstruktion: idealisierte Landschaftsbilder, die sich auf ein vermeintlich germanisches Erbe besinnen
       
       taz: Herr Stölting, was ist das Trügerische an der Heimat? 
       
       Chris Stölting: Das Trügerische an der Heimat ist [1][das Konstruierte.]
       Wir haben es bei unserer Ausstellung im Freilichtmuseum Kiekeberg mit einem
       Heimatforscher und einem Künstler zu tun, die beide einen eigenen Blick auf
       Heimat haben. Der eine in seiner Kunst, der andere in seiner Schrift, die
       stark von völkischen Idealen und Gedankengut geprägt ist und die Realität
       verklärt darstellt. Wir haben es mit idealisierten Landschaftsbildern zu
       tun, die sich auf ein vermeintlich einheitliches germanisches Erbe
       besinnen, das es so nie gegeben hat.
       
       taz: Wie haben sie das lokale Heimatbild geprägt? 
       
       Stölting: Beide hatten auf ihre Art eine große Reichweite und reproduzieren
       eine [2][Ablehnung moderner Bauten, moderner Infrastruktur und eine
       Idealisierung] einer blühenden Heidelandschaft mit Fachwerkbauten und
       Sandwegen. Dieses Urtümliche ist ein Idealbild, das die touristischen, aber
       auch die ideellen Vorstellungen von dieser Region bis heute mitprägt.
       
       taz: Wer sind die beiden Kulturschaffenden, um die es in der Ausstellung
       geht? 
       
       Stölting: Der eine ist Heinrich Ludwig Mayer, ein Maler und Zeichenlehrer
       aus Hamburg-Neugraben, der lange Zeit an der [3][Kunstgewerbeschule in
       Hamburg] tätig war. Nach dem Ende der NS-Zeit bekam er zunächst ein
       Berufsverbot und hat privat weiterhin viele Gemälde und Zeichnungen zur
       Architektur und Landschaft der Region angefertigt und ausgestellt – etwa im
       Alten Land, wo er kulturell aktiv war.
       
       taz: Und der andere? 
       
       Stölting: Der andere, Wilhelm Marquardt, war vor allem als Lehrer tätig. Im
       Zweiten Weltkrieg war er eine der herausgehobenen Personen in der
       regionalen NS-Kulturarbeit. Hier im Landkreis wurde er nach dem Zweiten
       Weltkrieg mit einer Haftstrafe und einem Berufsverbot belegt, jedoch
       schnell als unbelastet eingestuft und war danach wieder als Lehrer tätig.
       Er war in der Kommunalpolitik und in der Heimatforschung aktiv und
       [4][bekam für seine Arbeit 1981 das Bundesverdienstkreuz am Bande]
       verliehen.
       
       taz: Wie kamen die beiden zum Nationalsozialismus? Konnte man sich schon in
       der Zwischenkriegszeit mit diesem Gedankengut profilieren? 
       
       Stölting: Völkisches Gedankengut war in den 20er-Jahren weitgehend
       normalisiert. Wäre dieses Gedankengut nicht schon etabliert gewesen, wäre
       der massive Aufstieg der NSDAP – vor allem hier im Landkreis, wo sie gute
       Wahlergebnisse erzielen konnte – nicht zu erklären. Man kann davon
       ausgehen, dass dieses Gedankengut vor allem im regionalen Kontext zur
       Profilierung beitragen konnte.
       
       taz: Was ist das Besondere daran, regionale NS-Geschichte aufzuarbeiten? 
       
       Stölting: Das Besondere sind die lokalen Widerstände. Oft gibt es [5][kein
       Verständnis] dafür, dass die Gräueltaten des Nationalsozialismus erst
       dadurch möglich wurden, dass sich auf regionaler Ebene viele Unterstützer
       fanden, die dieses völkische Gedankengut bewusst verbreitet und den
       Nationalsozialismus vorangetrieben haben. Bei der Aufarbeitung blickt man
       auf diese Einzelbiografien und wie die Leute in den Gemeinden den
       Nationalsozialismus gelebt haben. Das sind [6][alltäglichen Dinge, die
       dieses Regime geprägt und möglich gemacht haben]: eine Denunziation oder
       das Verbreiten des Gedankenguts in Form von Schriftgut und Kunst.
       
       taz: Wie gehen Sie damit um? 
       
       Stölting: Der Ansatz, den wir verfolgen, ist, mit regionalen Initiativen
       und Privatpersonen zusammenzuarbeiten, die ein Interesse haben, in die
       regionale oder die eigene Vergangenheit zu schauen – weil der Bezug zum
       Gesamtsystem besser herzustellen ist. Wenn man über den regionalen oder den
       familiären Zusammenhang einen Ansatzpunkt schafft, legt man den Grundstein
       dafür, dass sich die Leute im Privaten, aber auch die Kultureinrichtungen
       tiefergehend mit diesem Thema auseinandersetzen können.
       
       19 Aug 2026
       
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