# taz.de -- Deutscher Überfall auf die Sowjetunion: Zeitkapsel der Angst
       
       > 70 Jahre vergessen, jetzt wiederentdeckt: Das Museum Karlshorst stellt
       > Briefe aus der Sowjetunion aus, geschrieben kurz nach dem deutschen
       > Überfall.
       
 (IMG) Bild: Austellungsansicht der Austellung „1941. Juni-Briefe. Ungelesene Feldpost aus Kamjanez-Podilskyj“ im Museum Karlshorst
       
       „Meine liebe und einzigartige Frau und meine Kinder, meine Töchterchen
       Galja und Verotschka und Du, meine Frau Sossja. Ihr sollt wissen, und sagt
       es allen Verwandten weiter, dass ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch
       gesund und lebendig bin. Das wünsche ich Euch auch. Habt ein besseres
       Leben, ein besseres als ich es habe. Sossja, ich schreibe Dir, und es kann
       sein, dass das meine letzten Worte sind […] Bitte schreib mir. Ich warte
       auf Antwort wie die Nachtigall auf den Sommer. Wenn Du drei Rubel hast,
       schicke sie mir mit dem Brief. Grischa“
       
       Der Briefumschlag trägt so wie der Brief selbst kyrillische Handschrift.
       Daneben ist ein dreieckiger Stempel der Roten Armee eingedrückt. Als
       Grigorij Butschynskyi den Brief abschickte, schrieb man den 2. Juli 1941.
       Zehn Tage zuvor hatte [1][der Großangriff von Hitlers Wehrmacht gegen die
       Sowjetunion] begonnen. Vom Autor ist bekannt, dass er im August 41 in
       Gefangenschaft geriet, 1944 befreit und vom NKWD überprüft wurde, danach
       wieder an die Front kam. Sein weiteres Schicksal ist unklar.
       
       Der Brief hat seine Empfängerin niemals erreicht. Grigorij Butschynskyi war
       Soldat geworden. Er lebte mit seiner Familie in der Nähe der Stadt
       Kamenez-Podolsk [2][in der Ukrainischen Sowjetrepublik] und war Bauer. Er
       gab den Brief ab, doch das Postamt von Kamenez-Podolsk wurde kurz darauf
       von der Wehrmacht besetzt, so wie die ganze Stadt. So gerieten 1.215
       ungeöffnete Briefe in die Hände der Deutschen. Sie landeten im Postmuseum
       in Wien – und wurden vergessen. Jetzt sind sie wieder da. In einer
       Sonderausstellung des Museums Karlshorst hängen sie an den Wänden,
       übersetzt und ergänzt um weitere Informationen sowie biografische Angaben.
       
       Die ist keine große Schau. Schon gar nicht findet hier eine große
       Inszenierung statt. Es ist eigentlich gar keine Inszenierung. Die Briefe
       hängen in Rahmen hinter Glas. Es gibt keine weiteren Exponate, keine alten
       Flinten oder Handgranaten, keine großformatigen Poster, nur wenige Bilder.
       Aber gerade diese minimalistische Präsentation lässt den Besucher
       verharren. Was haben die Menschen, die 1941 von den Nazis überfallen
       wurden, angesichts des beginnenden Krieges gedacht und geschrieben? Ist in
       der Zeitkapsel eine Botschaft versteckt?
       
       ## Schreiende Not
       
       „Guten Tag, unsere lieben Kinder! Diesen Brief, ich bin mir nicht sicher,
       schicke ich Euch, aber ob er sein Ziel erreicht […], selbst wenn Ihr weit
       weg seid? Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, befolgt ihn und beeilt Euch,
       alles zu tun, bei uns ist nur noch die Hälfte der Stadt da. Und so bitten
       wir Euch sehr, dass Ihr uns rettet und sofort alles dafür tut, dass wir von
       hier wegfahren können. Wir haben kein Geld, und wir müssen hier sterben.
       Wenn es nur irgendwie möglich ist, treibt ein Auto auf, um zu uns zu fahren
       und uns aus Kamenez wegzuholen. Gebt so viel, wie man fordert. […] Möge es
       nicht zu spät sein. Auf Wiedersehen. Wir küssen Euch innig. Eure Eltern.
       Manasewitsch.“
       
       Auch ohne Übersetzung sieht man dem Brief die schreiende Not an. Das
       Schreiben ist in höchster Eile verfasst, die Buchstaben scheinen über das
       Papier zu fliegen. Der Brief hat nicht geholfen, konnte nicht helfen. Idel
       und Jeja Manasewitsch und zwei ihrer Töchter mit den Namen Etel und Rosa
       wurden Ende August 1941 von einer deutschen Polizeieinheit ermordet, so wie
       die meisten Juden von Kamenez-Podolsk. Vier von 23.600 Getöteten.
       
       Fast 70 Jahre lang lagen die Briefe von Rotarmisten wie Zivilisten aus
       Kamenez-Podolsk als Raubgut der Nazis in Wien. 2010 wurden sie an das
       Nationale Museum der Geschichte der Ukraine übergeben. Dort wurden die
       Briefe geöffnet und gelesen. Die Mitarbeiter des Museums haben versucht
       herauszufinden, was aus den Menschen von 1941 geworden ist. Bei vielen
       heißt es: „Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.“ Andere wurden
       im Krieg getötet oder kamen in Gefangenschaft, wieder andere wie die
       jüdische Familie Manasewitsch wurden ermordet.
       
       Kamenez-Podolsk, auch Kamjanez-Podilskyj geschrieben, lag damals rund 300
       Kilometer östlich der sowjetischen Grenze, als die Wehrmacht ihren Angriff
       startete. Doch schon Anfang Juli hatten die Deutschen die Kleinstadt
       erobert. Mitsamt des Postamtes.
       
       ## Botschaften der Angst
       
       Es sind keine Sensationen, die nach 85 Jahren in den Briefen zutage treten.
       Die Botschaft lautet: Angst. Es ist die nackte Angst um das eigene Leben
       und um das der Geliebten, der Eltern, der Kinder. Dass diese Angst mehr als
       begründet war, ist bekannt. Aber auf diese Art und Weise von ihr zu
       erfahren, von den Lebenden in aus der Privatheit entrissenen Scheiben, ist
       etwas anderes, als die Statistiken zu lesen, [3][die von 27 Millionen Toten
       in der Sowjetunion] berichten, davon mehr als die Hälfte Zivilisten.
       
       „2. VII. 41 Liebe Eltern! Zuerst möchte ich Ihnen schreiben, dass ich und
       Swetlanotschka [die kleine Tochter] noch am Leben und gesund sind. Ich
       hoffe, Sie auch. Aber was uns erwartet, kann ich Euch noch nicht schreiben.
       Im Augenblick ist bei uns alles in Aufregung. Kamenez ist bereits an vielen
       Stellen zerbombt. […] Ich frage Sie, was Sie mir raten: Wie soll ich mit
       dem Kind nach Udriiwzi kommen? […] Bei uns sind schon viele Leute tot oder
       verletzt, 500 Seelen, sagt man, aber genau weiß das keiner.“
       
       Was aus der Autorin dieses Briefs geworden ist, von der nur der Nachname
       Sewastjanowa bekannt ist, ist unbekannt.
       
       1941 Juni-Briefe. Ungelesene Feldpost aus Kamjanez-Podilskyj. Eine
       Ausstellung zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.
       Eintritt frei. Bis zum 10. 1. 2027
       
       17 Aug 2026
       
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