# taz.de -- Reihe zu Foucaults 100. Geburtstag: Projektionen eines Intellektuellen
       
       > In den 1970er-Jahren sah der französische Philosoph Michel Foucault im
       > Islam eine Kraft der Befreiung. Wie kam er dazu? Teil 7 unserer Serie.
       
 (IMG) Bild: 11. Februar 1979 in Teheran: Sieg der Revolution in Iran, doch was sollte auf den Sturz des Schah folgen?
       
       Im Jahr 1978 wird Michel Foucault zu zwei Recherchereisen in den Iran
       aufbrechen. Er hat dafür mit der italienischen Tageszeitung Corriere della
       Sera eine Serie von Artikeln verabredet. Das Interesse des französischen
       Philosophen an den revolutionären Vorgängen liegt im Trend der Zeit. Die
       Ereignisse in Iran galten der neuen Linken weltweit beispielhaft für einen
       nicht mehr überwiegend vom Ost-West-Gegensatz geprägten Typus politischer
       Auseinandersetzung.
       
       In Iran sah sich eine vom Westen gestützte und säkular orientierte
       Monarchie mit einer sich auf die vormodernen Werte des politischen Islam
       berufenden Kraft konfrontiert. Sie schien keinem der bislang analysierten
       Dispositive der Macht zu gleichen. Foucault war zudem wie viele andere auch
       vom Islam und dessen exotisch wirkender Spiritualität fasziniert,
       kapitalismusmüden Kritikern schien es wie ein großer Sprung aus der Welt.
       
       Eine Projektion mit negativen Folgen, insbesondere für den Iran, wie
       Foucault bald selbst erkannte. Doch da war es bereits zu spät, der Moment
       der Geschichte vorbeigezogen. Foucault war den Einschätzungen religiös
       inspirierter, konservativer iranischer Nationalisten gefolgt. Politikern,
       die zumeist im französischen Exil saßen und als Fraktion der „Gemäßigten“
       Islamistenführer Ayatollah Chomeini den Weg zur absoluten Macht in Iran
       ebneten.
       
       Im Verlauf der Revolution von 1979 wurden sie dann selbst rasch aus dem Weg
       geräumt.
       
       ## Suche nach dem revolutionären Subjekt
       
       Der Theoretiker Foucault, der in den 1960er-Jahren noch ein distanziertes
       Verhältnis zu politischen Ableitungen pflegte, hatte sich Anfang der
       1970er-Jahre radikalisiert. Wie ein Großteil der neuen Linken fahndete er
       nach dem „neuen revolutionären Subjekt“. Einem jenseits von weißer
       Arbeiterklasse, westlichem Kapitalismus und östlichem Kommunismus, jenseits
       des Widerspruchs von Kapital und Arbeit.
       
       Und statt den Niederungen der verhassten (reformistischen) „Realpolitik“ in
       den Demokratien des Abendlandes lockte vom Morgenland aus die Utopie eines
       vorgeblich egalitären, an den Regeln des Korans orientierten Gemeinwesens.
       
       War Foucault in den frühen 1950er-Jahren noch Stalinist, verachtete er
       schon bald den Gulag-Kommunismus sowjetischer Prägung. Nach Stalins
       antisemitischer Hetzkampagne gegen eine angebliche jüdische
       Ärzteverschwörung 1952/53 verließ Foucault die Kommunistische Partei
       Frankreichs.
       
       Ebenso aber misstraute der 1926 in Poitiers Geborene den in der
       Nachkriegszeit noch sehr autoritär verfassten und wenig liberalen
       Institutionen der bürgerlichen Demokratie. Auch deren Wissensproduktionen,
       auf deren Behauptungen zunehmend willkürlich erscheinende, paternalistische
       Disziplinar-, Kontroll-, Straf- und Normierungscodes gründeten. Der
       demokratischen Gegenwart stand der aus privilegierten Verhältnissen
       stammende Foucault – [1][wie dann im Pariser Mai 1968 auch die
       rebellierende Nachkriegsjugend] – skeptisch gegenüber.
       
       ## Collège de France und Knastinitiative
       
       Mit seiner Aufnahme ins Collège de France war Foucault 1970 allerdings
       selbst an der Spitze des extrem hierarchisch organisierten französischen
       Universitätssystems angelangt. Die Berufung fiel zeitlich mit einem sich
       radikalisierenden politischen Aktivismus des Intellektuellen zusammen. Mit
       anderen gründete Foucault 1971 die G.I.P. (Groupe d’information sur les
       prisons), um über die in jener Zeit unhaltbaren Zustände in den
       Strafanstalten aufzuklären. Die G.I.P verstand es, die „Randgruppe“ der
       Inhaftierten in den sichtbaren Stand politischer Akteure zu erheben.
       
       In seinem Werk hatte Foucault sich früh mit unterschiedlichen
       kulturgeschichtlichen Traditionslinien von Okzident und Orient beschäftigt.
       Er spekulierte bereits in den 1960er-Jahren, welch abweichende
       Entwicklungsmöglichkeiten für Gesellschaften sich daraus ergeben könnten.
       Durch den Mittelmeerraum und die Auseinandersetzungen um die Kolonien waren
       Realität und auch Zusammensetzung der Bevölkerung in Frankreich eine andere
       als etwa in Deutschland oder Nordeuropa.
       
       Nach Tätigkeiten zunächst im europäischen Ausland – als Lehrer und
       Kulturattaché an französischen Institutionen in Uppsala, Warschau und
       Hamburg – dann ab 1960 an der Universität von Clermont-Ferrand, lebte
       Foucault ab Herbst 1966 in Tunesien und lehrte an der Universität von Tunis
       bis zum Frühjahr 1968 Philosophie.
       
       Unklar bleibt, ob er in Tunesien von Agenten des postkolonialen Regimes
       wegen seiner Parteinahme für rebellierende Studierende oder aus homophoben
       Motiven überfallen und verprügelt wurde. Danach verließ er jedenfalls das
       nordafrikanische Land. Bereits der polnische Geheimdienst hatte ihm Ende
       der 1950er-Jahre in Warschau eine Falle gestellt und einen jungen Mann als
       Lockvogel auf den homosexuellen Philosophen angesetzt.
       
       ## Sehnsuchtsland Iran
       
       „Es gibt in der Welt weit mehr Ideen, als die Intellektuellen sich träumen
       lassen“, formuliert Foucault in einem Artikel für den Corriere della Sera
       im November 1978. Er legt darin seine Motivation für seine Reisen in den
       Iran dar. „Es gilt der Geburt der Ideen beizuwohnen und ihre explosive
       Kraft zu erleben, und dies nicht in den Büchern, in denen sie vorgestellt
       werden, sondern in den Ereignissen, in denen sich ihre Kraft zeigt, und in
       den Kämpfen, die für oder gegen sie geführt werden.“
       
       Löblich scheint auch in der Nachbetrachtung Foucaults Engagement, sich 1978
       auf die zwei Recherche-Reisen in den Iran (16.–24. September sowie 9.–15.
       November) überhaupt eingelassen zu haben. Doch die Gewissheit, mit der er
       in der Folge die dortigen Geschehnisse (mit dem ihm zur Verfügung stehenden
       eingeschränkten Mitteln) kommentieren wird, verblüfft heute noch.
       
       In einem am 1. Oktober 1978 im Corriere della Sera veröffentlichten Beitrag
       schreibt Foucault: „Der gegenwärtige Todeskampf des iranischen Regimes
       bildet die letzte Phase einer Episode, die vor gut 60 Jahren ihren Anfang
       nahm, des Versuchs nämlich, die islamischen Länder nach europäischen
       Vorbild zu modernisieren.“ Der Schah „träumt den überholten Traum, sein
       Land durch Säkularisierung und Industrialisierung zu öffnen“.„Archaisch“
       sei, so Foucault, „heute sein Modernisierungsprojekt“, und nicht etwa die
       Predigten seiner Kontrahenten, der bärtigen Männer mit den Turbanen.
       
       Denn, so Foucault in einem weiteren Artikel vom 22. Oktober 1978, „unter
       einem ‚islamischen Staat‘ versteht niemand im Iran ein politisches Regime,
       in dem der Klerus die Leitung übernähme oder den Rahmen setzte.“
       
       ## Demokratie und Gebetsbuch
       
       Die im Koran formulierten Regeln interpretiert Foucault als vom Volke
       ausgehend, vergleichbar den „Grundformeln der bürgerlichen oder
       revolutionären Demokratie“ Europas des 18. Jahrhunderts. Mehr noch, wie
       sich Foucault von einem fiktiven Gesprächspartner versichern lässt: „Der
       Koran hat sie (‚die Grundformeln‘) schon lange vor euren Philosophen
       formuliert, und auch wenn der christliche und industrielle Westen ihren
       Sinn vergessen hat, wird der Islam an ihrer Bedeutung festhalten und sie
       zur Wirkung kommen lassen.“
       
       Doch wie gelangte der Philosoph in der unbeweglichen, vordigitalen Zeit
       ohne eigene Kenntnisse des Persischen (Farsi) zu solchen Einschätzungen?
       
       Die Mullahs hatten über ihre Moscheenstruktur ein weit verzweigtes Netz im
       Land. Ihre Predigten wurden auch über Kassetten verbreitet, wodurch sie die
       Analphabeten noch im hintersten Winkel erreichten. Foucault war
       beeindruckt, selbst verstehen konnte er sie nicht und war auf Übersetzungen
       und Interpretationen anderer angewiesen.
       
       Laut seinem Biografen Didier Eribon stand Foucault in Paris in engerem
       Austausch mit Ahmad Salamatian. Dieser lebte seit 1965 im französischen
       Exil.
       
       ## Die „Iranische Freiheitsbewegung“
       
       Salamatian war ein enger Mitstreiter von Abolhassan Banisadr, der
       seinerseits Vordenker der islamischen Revolution und Vertrauter Chomeinis
       war. Ebenso wie Mehdi Bazargan gehörten sie zur „Iranischen
       Freiheitsbewegung“, einem islamisch-konservativ orientierten
       Zusammenschluss, der aus der Nationalen Front Mohammad Mossadeghs
       hervorgegangen war.
       
       Das Ziel dieser Männer war es, das Regime des Schahs von Persien zu
       stürzen. Der Iran sollte durch eine gegen westliche Moderne und östlichen
       Kommunismus gerichtete islamisch-nationalistische Erweckungsbewegung zu
       neu-alter Größe geführt werden.
       
       Nach der Revolution von 1979 wurden sie von Islamistenführer Ruhollah
       Chomeini tatsächlich mit hohen Staatsämtern betraut, bevor sie im weiteren
       Prozess der Errichtung des klerikal-faschistischen Staates aussortiert
       wurden. Foucaults Berater Salamatian war Stellvertreter von Außenminister
       Ebrahim Yazdi im ersten von Chomeini eingesetzten Kabinett unter Premier
       Mehdi Bazargan.
       
       Dies waren also die Denker, die Foucaults Texte 1978 in der
       vorrevolutionären Phase Irans wesentlich beeinflussten. „Ahmad Salamatian
       besorgt Foucault Bücher und Dokumentationsmaterial, er liefert Adressen,
       Kontaktstellen und eine Liste mit Personen, die aufgesucht werden müssen“,
       schreibt Eribon.
       
       ## Bazargan als Übersetzer
       
       [2][Und in dem von Daniel Defert] und François Ewald herausgegebenen
       Schriften Michel Foucaults „Dits et Ecrits“ findet sich in Band 3 zudem der
       Hinweis, dass ihm kein Geringerer als Mehdi Bazargan bei einer
       Zusammenkunft mit Großajatollah Kasem Schariatmadari als Dolmetscher 1978
       diente. Schariatmadari war der geistliche Gegenspieler von Chomeini, der
       tatsächlich auf eine Trennung von staatlichen und religiösen Ämtern pochte.
       Chomeini aber hatte andere Pläne. Und siegte bekanntlich.
       
       In seiner Hybris sprach Foucault in seinen Texten stets von „den“ Iranern,
       deren Volkes Meinung er nur wiedergäbe. Dabei waren es vor allem die
       Fehleinschätzungen einer einzigen, wenn auch wichtigen, jedoch bald
       unterlegenen konservativen politischen Strömung innerhalb der iranischen
       Revolution.
       
       Foucault, den französischen Rassismus und das frühere Kolonialregime vor
       Augen, wollte nicht überheblich erscheinen, als er in einem offenen Brief
       an den damaligen Premierminister Mehdi Bazargan am 14. April 1979 im Le
       Nouvel Observateur voll Ehrfurcht heischendem Respekt davon spricht: „Ich
       sehe nicht, im Namen welcher Universalität man die Muslime hindern könnte,
       ihre Zukunft in einem Islam zu suchen, dessen neues Gesicht sie selbst zu
       gestalten hätten.“
       
       Er homogenisierte aber auch hier nach völkischen und nicht politischen
       Annahmen, so er „die Muslime“ als Gesamtheit definiert.
       
       ## Kulturen und Menschenrechte
       
       Dennoch war er bei all seiner exotistischen Schwärmerei für „andere“
       Kulturen in der Lage, Menschenrechtsverbrechen als solche wie in dem Brief
       an Bazargan zu benennen.
       
       Bereits in Tunesien verurteilte er die antisemitischen Pogrome, nachdem es
       Israel gelungen war, die arabischen Armeen im Sechstagekrieg 1967 zu
       besiegen. Auch vom Gemetzel der iranischen Islamisten wandte er sich nun
       rasch und schaudernd ab.
       
       Eine Staats- und Institutionentheorie hatte Foucault allerdings nicht, mit
       der er sich Klerikalfaschismus oder auch völkische Bewegungen wie den
       Panarabismus hätte erklären können. Und zu weniger konservativen Kräften
       der heterogenen iranischen Opposition hatte er keinen Kontakt.
       
       Als Foucault Frauen im Tschador 1978 als Rebellinnen feierte, tat er dies
       jedoch noch in Unkenntnis einer sich bald (staats-)terroristisch
       etablierenden Herrschaftspraxis.
       
       Heutige [3][Linke können eine solche Unkenntnis des Sendungs- und
       Machtbewusstseins] der klerikal-faschistischen Strömungen des Islams nicht
       mehr für sich in Anspruch nehmen. Und auch nicht deren antisemitisches und
       rassistisches Potenzial übersehen, welches Foucault in seinen Schriften um
       1979 immerhin irritiert zur Kenntnis nahm.
       
       22 Aug 2026
       
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