# taz.de -- Urteil nach dem Verdi-Anschlag: Lebenslang für das Attentat von München
> Farhad N. raste mit seinem Wagen in einen Verdi-Demonstrationszug. Nun
> hat das Oberlandesgericht München sein Urteil gesprochen.
(IMG) Bild: Zwei Tote: Nach dem Anschlag auf die Verdi-Demonstration im Februar 2025 in München
Von einer „Schneise der Verwüstung“ spricht der Vorsitzende Richter Michael
Höhne. „Schneepflugartig“ habe Farhad N. „mit absolutem Vernichtungswillen“
gehandelt. In einen Demonstrationszug der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi
in der Münchner Innenstadt [1][war der Mann von hinten mit seinem weißen
Mini hineingerast]. Er drückte das Pedal so stark wie möglich durch, das
Fahrzeug kam erst durch die Menschen darunter zum Stehen.
Dieser 13. Februar 2025 war ein Horrortag für die ganze Republik. Die
37-jährige Amel S. wurde getötet, ebenso ihre zweijährige Tochter Hafsa,
die im Kinderwagen saß. Sie hatten das Pech, ganz hinten im
Demonstrationszug mit 1.400 Teilnehmenden zu laufen und damit als Erste
erfasst zu werden. Zudem gab es 44 Verletzte, viele davon schwer.
Am Mittwoch verkündete das Oberlandesgericht München sein Urteil: Der heute
25-jährige islamistische Attentäter muss lebenslänglich in Haft. Zudem
stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Das bedeutet,
dass er auch nach [2][frühestens 15 Jahren nicht auf Bewährung freikommen]
kann. Der Verteidigung blieb angesichts der Beweislage wenig Spielraum; sie
hatte auf „normales“ Lebenslänglich sowie auf eine Einweisung in die
Psychiatrie wegen verminderter Schuldfähigkeit plädiert.
## Keine Regung bis zum Schluss
Es ist eine ebenso entsetzliche wie verstörende Tat, deren Ursache bis
zuletzt im Unklaren geblieben ist. Am späten Vormittag wird Farhad N. in
den Hochsicherheitsverhandlungssaal vorgeführt, der direkt an das Gefängnis
Stadelheim angebaut ist. N. trägt einen schwarzen Bart und ein grünes Hemd,
das Gesicht verdeckt er vor Fotografen und Kameraleuten mit einem roten
Pappordner. Er zeigt keinerlei Regung – und das bleibt so bis zum Schluss
der Urteilsbegründung.
Richter Höhne beleuchtet zunächst, [3][was man über Farhad N. weiß]: wie er
sich bislang geäußert und reagiert hat. 2015 kam er als unbegleiteter
minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. Er habe ein „fragiles
Selbstwertgefühl“ gehabt und sei auf der „Suche nach Anerkennung“ gewesen.
Zuletzt arbeitete er im Sicherheitsgewerbe, sein Hobby war das Training im
Fitnessstudio. Immer wieder postete er Fotos seines Körpers.
Bis Herbst 2024 sei Farhad N. nur „oberflächlich religiös“ gewesen. Dann
wandte er sich zunehmend dem Islam zu, betete fünfmal täglich und wurde
immer intoleranter gegenüber Nichtgläubigen. Großen Einfluss hätten
konservative Geistliche aus Afghanistan gehabt, deren radikale Predigten im
Internet abrufbar sind. N.s Weltsicht: Für die Zustände in seiner Heimat
seien die USA und die westlichen Länder verantwortlich. Selbst seine in
Afghanistan lebende Mutter forderte er auf, islamischer zu leben. Er habe
eine „gottgefällige Tat“ begehen und als Märtyrer ins Paradies einziehen
wollen.
## Zweistündige Urteilsbegründung
Den Qualen der Opfer und der Brutalität der Tat widmet Michael Höhne den
größeren Teil seiner rund zweistündigen Urteilsbegründung. „Für sie gab es
ein Leben vor und es gibt eines nach dem Anschlag“, sagt er. Jedes Opfer
nennt der Richter beim Namen und schildert die körperlichen und seelischen
Verletzungen: Meniskusschäden, gebrochene Beine und Rippen, ein
Schädel-Hirn-Trauma, Lungenprellungen, Hämatome am ganzen Körper,
Verrenkungsbrüche. Die meisten Betroffenen sind in psychologischer
Behandlung, erleiden Flashbacks, sind arbeitsunfähig und haben hohe
Verdienstausfälle.
Nach seiner Festnahme stieß N. religiöse Rufe aus und bezeichnete die
Polizisten als „Ungläubige“. Beim ersten Prozesstag im Januar streckte er
den rechten Zeigefinger empor – auch das ein islamistisches
Erkennungszeichen. Auch in seinem letzten Wort entschuldigte er sich in
keiner Weise bei den Angehörigen, sondern bedankte sich lediglich für die
Behandlung durch Polizei und Justiz.
Luise Klemens von Verdi Bayern teilte nach dem Urteil mit: „Die große
Solidarität innerhalb der Gewerkschaften und der gesamten Stadtgesellschaft
hat die Betroffenen seit dem Anschlag getragen. Sie wissen auch künftig:
Ihr seid nicht allein.“
6 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Auto-faehrt-in-Demonstration/!6069575
(DIR) [2] /Prozess-um-Auto-Anschlag-in-Muenchen/!6199815
(DIR) [3] /Anschlag-auf-Verdi-Demo-in-Muenchen/!6146221
## AUTOREN
(DIR) Patrick Guyton
## TAGS
(DIR) Terrorismus
(DIR) Mordprozess
(DIR) Attentat
(DIR) Islamismus
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Islamismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Anschlag auf CSD in Berlin: Neue Details zu den Anschlagsopfern
Die Berliner Charité gibt ein Update zu Gesundheitszustand der Verletzten.
Auch über das Todesopfer ist mittlerweile mehr bekannt.
(DIR) Anschlag auf den CSD: Dobrindt stuft Tat als „islamistischen Terroranschlag“ ein
Ein Mann fährt in während des CSD am Samstagabend in die Menschenmenge.
Laut Innenminister Dobrindt soll er als Waffe nicht nur das Auto, sondern
auch eine Machete verwendet haben.
(DIR) Verdacht auf islamistisches Motiv: Mordanklage nach Anschlag auf Verdi-Demo in München
Anklage wegen zweifachen Mordes und versuchten Mord in 44 Fällen: Ein
24-jähriger Afghane war mit einem Auto in die Demo gefahren.