# taz.de -- Erzieher über Hamburgs Heimpläne: „Diese jungen Menschen haben ja keine Verbrechen begangen“
> Ein Mitarbeiter der Kinderschutzhäuser hält das geplante geschlossene
> Heim Casa Luna für überflüssig. Hätten sie genug Personal, würden weniger
> Kinder ausrasten.
(IMG) Bild: Mittlerweile ist die Baustelle weiter fortgeschritten, fertig soll das Casa Luna 2027 werden
taz: Herr Meyer, Sie arbeiten in einer Hamburger Kinderschutzgruppe. Im
nächsten Jahr eröffnet Hamburg mit [1][Casa Luna ein Heim], in dem Kinder
ab Alter von neun Jahren geschlossen untergebracht werden können. Ist das
nötig?
Ludwig Meyer*: Es wäre ein krasser Einschnitt ins Leben für diese Kinder.
Diese jungen Menschen haben [2][ja kein Verbrechen begangen]. Sie erfuhren
meist Gewalt und befinden sich nach einer Inobhutnahme weit weg von ihrer
Familie. Manche gelten als „Systemsprenger“, weil sie nicht in das aktuelle
Hilfeplansystem passen. Aber dafür brauchen wir [3][kein Casa Luna].
Hamburg kam jetzt 20 Jahre ohne geschlossenes Heim aus, wir haben immer
auch diese Fälle gelöst.
taz: Es soll [4][ja für Kinder sein], die zwischen Jugendhilfe und
Psychiatrie hin und her pendeln. Gibt es in Ihrem Haus solche Kinder?
Meyer: Wir haben immer wieder Kindern, die mal kurz, mal länger in der
Psychiatrie sind. Aber meine Erfahrung ist, dass diese Kinder je nach
Fallgeschichte entweder bei uns gut aufgefangen werden können oder in der
Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) richtig sind. Dieses Pendeln ist oft
nur das Nebenprodukt eines überlasteten Hilfesystems.
taz: Was ist das Problem in den Kinderschutzgruppen?
Meyer: Auch uns trifft [5][der Spardruck]. Dadurch haben wir nicht die
Kapazitäten, die Bedürfnisse der Kinder adäquat aufzufangen. Und die
Kinder, die zu uns kommen, haben hohe Bedürfnisse.
taz: Was heißt das praktisch?
Meyer: Mal mit einem Kind spazieren gehen und alleine reden. Sich eins zu
eins Zeit nehmen. Das geht nicht, wenn ich alleine im Haus bin und da auch
noch sieben andere Kinder sind. Wir haben regulär acht Plätze, manchmal
sind es aber auch neun oder zehn Kinder. Und jedes Kind, das zu uns kommt,
hat es eigentlich verdient, psychotherapeutisch behandelt zu werden. Da
gibt es aber zu wenige Plätze. Wir sehen teils auch davon ab, weil wir das,
was die Therapie aufrührt, gar nicht auffangen können. Dafür sind wir zu
wenig Leute. Deshalb sollen die Kinder erst in die Therapie, wenn sie in
die Langzeitlösung kommen. Wir sind ja nur ihr Übergangszuhause. Aber die
Kinder [6][leben teils ein Jahr und länger bei uns]. Und der Druck, warum
sie in Therapie sollten, wartet nicht immer ein Jahr. Kommen dann die
Traumata der Kinder an die Oberfläche, wird es akut. Und dann muss ein Kind
mal in die KJP.
taz: Wenn ein Kind ausrastet?
Meyer: Ausraster sind unser täglich Brot, damit gehen wir um. Sie müssen in
die KJP, wenn sie dabei zu krass selbst- oder fremdgefährdend werden. Dass
sie sich wehtun, Suizid androhen, vielleicht sogar versuchen oder andere
Kinder gefährden. Selbst Kinder, die jünger sind als neun, machen so
negative Erfahrungen, dass „Ich möchte nicht mehr leben“ öfters Thema ist.
Sind es noch Worte, sollte man nah beim Kind sein und mit ihm besprechen,
was es bedrückt. Gibt es aber akute Suizidversuche, sollten die Kinder in
die KJP, um das abzuklären. Dafür ist die KJP auch da. Auch dort machen
ganz viele Leute gute Arbeit.
taz: Was könnte Hamburg praktisch tun?
Meyer: Der Personalschlüssel in unseren Kinderschutzgruppen muss erhöht
werden. Auf dem Papier ist unser Haus voll besetzt. Aber kommt ein
Krankheitsfall oder fehlt in einem anderen Haus ein Kollege, bin ich
schnell wieder alleine. Hätten wir mehr Personal, dann könnten wir uns
besser um die Kinder kümmern. Dann würden weniger Fälle so hochkochen, weil
die Kinder gar nicht erst so groß ausrasten müssen.
taz: Wie viele Stellen bräuchten Sie?
Meyer: Eine Stelle mehr für jede Kinderschutzgruppe würde schon viel
helfen, damit wir mehr am Kind arbeiten und diese jungen Menschen viel
besser auffangen können. Da hängen ja noch Folgeprobleme dran: Kinder, die
einmal in der KJP waren, sind viel schwieriger zu vermitteln. Viele
Wohngruppen oder Familien überlegen sich das dreimal, wenn sie wissen: Oh,
der nimmt schon Medikamente, der war bei der Psychiatrie vorstellig. Und
dadurch wird die Gruppe immer voller und dieser Kreislauf verstärkt. Es hat
einen großen Einfluss auf das Hilfesystem, wenn wir weniger
Psychiatriefälle haben. Und für die Kinder ist es auch belastend, wenn sie
sehen, andere Kinder gehen wieder, nur mich will keiner.
taz: Und schon eine Stelle mehr pro Haus würde helfen?
Meyer: Ja. Ich weiß nicht, ob das gleich alle Probleme löst. Aber es wäre
gut, wenn wir immer tagsüber mit zwei Fachkräften im Dienst sind. Es hilft
auch, wenn man gerade einen Konflikt mit dem Kind hat und wechseln kann.
„Okay, du übernimmst mal.“ Kann sich eine neue Person einbringen, lassen
sich Konflikte mit den Kids viel einfacher lösen, als wenn ich das alleine
machen muss.
taz: Für Casa Luna ist ja auch eine interne Schule geplant. Das ist bei den
Kinderschutzgruppen anders.
Meyer: Genau. Unsere Kinder gehen als Gast auf eine normale Schule. Damit
machen wir tolle Erfahrungen. Das ermöglicht einfach so ein Fünkchen an
Normalität in ihrer Lebenssituation. Eine interne Beschulung dagegen
schottet die Kinder noch weiter ab.
taz: Arbeiten Sie gern im Kinderschutz?
Meyer: Ja. Es ist toll zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln, wenn sie
ausziehen. Hamburgs [7][System der Inobhutnahme], das für jedes Kind einen
Platz schafft, ist an sich super gut und wichtig. Dahinter stehen Hunderte
Menschen, die einen großartigen Job machen. Nur mit diesem Casa Luna nimmt
das einen repressiven Charakter an, der mir und Kolleg*innen
Bauchschmerzen bereitet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es heißt:
Okay, der Junge oder das Mädchen von uns wäre ja passend für Casa Luna.
Unsere Kinder sind sechs bis zwölf. Die werden dann betroffen sein. Bei
Kindern, für die man bisher noch individuelle Lösungen suchte, sagt man
dann, statt dieser teureren Sachen kann es auch dahin.
11 Aug 2026
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(DIR) [6] /Debatte-um-Jugendhilfe-in-Hamburg/!5720734
(DIR) [7] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bsfb/einrichtungen-beratung/gewaltpraevention/art-im-notfall-121380
## AUTOREN
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