# taz.de -- Neues Kinderheim in Hamburg: Frische Luft nur auf dem Dach
> Im neuen Heim „Casa Luna“ dürfen „nicht absprachefähige“ Kinder nur in
> einem umzäunten Dachgarten an die Luft. Das wurde beim Richtfest bekannt.
(IMG) Bild: Erst später in die Planung aufgenommen: Gitterzaun auf dem Dachgarten
Das neue [1][Kinderheim „Casa Luna“] in Hamburg sollte eigentlich kein
geschlossenes Heim sein. „Egal, wie oft es hier noch wiederholt wird, es
stimmt nicht: Wir bauen hier [2][keine geschlossene Einrichtung]“, hatte
Sozial-Staatsrätin Petra Lotzkat Ende 2023 [3][bei einem Info-Abend] die
Zuhörer beschworen. Doch nun wird klar: Es gibt dort einen umzäunten
Dachgarten, der auf früheren Plänen nicht eingezeichnet war. Das war
[4][jüngst beim Richtfest] zu sehen, wo die neuen Pläne an der Wand hingen.
Ein computeranimiertes Foto zeigt grüne Beete, zwei spielende Kinder und
eine Betreuerin unter einem Sonnensegel – begrenzt von einem Zaun und einer
roten Wand. Der Dachgarten sei eine gute Möglichkeit, damit Kinder, „die
nicht so absprächefähig sind“, an die frische Luft kommen, erklärte eine
Mitarbeiterin des Landesbetriebs Erziehung (LEB) zum Bild. Und die rote
Wand sei der Lärmschutz für die Nachbarn, falls die Kinder schreien.
Den Plan für ein solches Heim hatte ein früherer SPD-Senator [5][schon 2013
verkündet], gleich nachdem Haasenburg-Heime in Brandenburg dicht gemacht
hatten. Von Anfang an hieß es, dass es Hamburg anders machen wolle und
„heilende Architektur“ zum Einsatz käme.
Die ersten Entwürfe für das nun im Bau befindliche Gebäude, das im Mai 2027
eröffnen und Platz für 16 Kinder von 9 bis 13 Jahren bieten soll, sahen
auch recht freundlich aus. Der Name „Casa Luna“ ist eine Anspielung auf die
Halbmondform des zweistöckigen Hauses, in dessen Innenhof und Hintergarten
eine bunte Skaterbahn zum Spielen lockt.
## Wie ein geschlossenes Heim
Doch es handelt sich – das sah man beim Richtfest – um zwei Gebäude, die
nur mit einem Gang verbunden sind. Im größeren Teil A befinden sich die
zwei normalen Wohngruppen, im kleineren Teil B sind unten Räume für die
Schule und im ersten Stock die Aufnahmegruppe, auch Clearinggruppe genannt,
mit vier Plätzen geplant. Und diese Gruppe, das wird nun deutlich,
funktioniert doch wie ein geschlossenes Heim. Sie hat zudem einen
„Power-Raum“ mit farbigen Postermatten, zum Abreagieren.
Die taz stellte der zuständigen Bildungsbehörde einige Fragen zum
Dachgarten, dessen vertikale Gitterstäbe auf früheren Skizzen nicht zu
sehen waren. Die Pläne seien erst später an die „besonderen Anforderungen“
angepasst worden, sagt eine Sprecherin der Behörde und bestätigt, was jene
LEB-Mitarbeiterin beim Richtfest sagte.
In der Clearinggruppe sollten die Kinder etwa sechs Monate verbringen,
bevor sie in eine Wohngruppe wechseln. Und dort können auch Kinder mit
einem Beschluss für geschlossene Unterbringung nach Paragraf 1631 b des
Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) aufgenommen werden. „Die Kinder der
Clearinggruppe dürfen in den Garten“, schreibt die Behörde. Eine Ausnahme
gelte für Kinder mit Unterbringungs-Beschluss, „wenn diese nicht
absprachefähig sind“. Die können dann halt nur aufs Dach.
Der Zugang zu diesem Dachgarten ist denn auch nur über das Treppenhaus der
Clearinggruppe möglich. Und ihre Gruppentür können Kinder mit Beschluss
nicht von innen öffnen. Sollten diese Kinder sich doch der Eingangstür oder
der zum Außengelände nähern, könne der Pförtner diese „per Knopfdruck“
schließen, schreibt die Behörde.
Die Entscheidung, ob ein Kind absprachefähig ist und runter ins
Außengelände darf, treffen die sozialpädagogischen Fachkräfte. Auf die
Frage, was mit „nicht absprachefähig“ gemeint ist, schreibt die Behörde,
solche Kinder seien „nicht in der Lage, Vereinbarungen zu verstehen oder
verbindlich mitzutragen“.
Die ehemalige [6][Haasenburg-Bewohnerin Mona S]. sagt, sie erinnerten
solche Konzepte erschreckend an ihr altes Heim. „Dort gab es den
sogenannten ‚Freizeithof‘: einen stark eingezäunten Bereich, in den wir –
die als schwierig oder ‚nicht absprachefähig‘ Eingestuften – nur unter
Begleitung von Erziehern gebracht wurden, damit wir überhaupt draußen sein
konnten.“ Isolation sei dort damals pädagogisch begründet und Kontrolle als
Schutz verkauft worden.
Gerade traumatisierte Kinder bräuchten Würde, Beziehung und echte Teilhabe,
und „keine Architektur, die an Abschirmung und Verwahrung erinnert“, sagt
Mona S. Deshalb sollte die Öffentlichkeit genau hinschauen, wenn erneut
Sonderbereiche für „schwierige“ Kinder geschaffen werden. „Ich sage nicht,
dass ‚Casa Luna‘ die Haasenburg ist. Aber solche Strukturen [7][sind für
Betroffene Warnsignale].“
Das [8][Hamburger Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung] (AGU)
[9][lehnt „Casa Luna“ ab] und wirbt für Alternativen. Dieser Dachgarten als
Ort für die frische Luft zeige, „dass auch nur eine partielle Möglichkeit
des Einschlusses die gesamte Einrichtung prägt“, sagt der
Sozialwissenschaftler Tilman Lutz. Und sein Kollege Michael Lindenberg
ergänzt: „Wenn Kinder nicht absprachefähig sind, dann sollten Erzieher
überlegen, was sie falsch gemacht haben, und nicht die Kinder auf einem
Dachgarten isolieren.“
„Die neuen Regelungen zeigen, dass Kinder mit ‚Beschluss‘ nur dann nicht
eingeschlossen werden, wenn sie brav sind“, sagt auch Ronald Prieß,
Botschafter für Straßenkinder. Die Fachbehörde habe beteuert, dass „Casa
Luna“ eine offene Einrichtung sein wird. Da schaffe es kein Vertrauen, dass
diese baulichen Weiterentwicklungen nicht vorher kommuniziert wurden.
27 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zwoelf-Jahre-nach-Haasenburg-Schliessung/!6116384
(DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bsfb/einrichtungen-beratung/casa-luna
(DIR) [3] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal
(DIR) [4] https://www.sprinkenhof.de/aktuelles-und-presse/pressemitteilung/richtfest-der-jugendhilfeeinrichtung-casa-luna-in-hamburg-gross-borstel
(DIR) [5] /Geschlossene-Heime-fuer-Jugendliche/!5053858
(DIR) [6] /Ex-Insassin-ueber-Haasenburg-Heim/!6122862
(DIR) [7] /Ex-Heimkinder-zu-Hamburgs-Heim-Plaenen/!5959092
(DIR) [8] https://www.geschlossene-unterbringung.de/
(DIR) [9] /Streit-um-neues-Kinderheim-in-Hamburg/!6010590
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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