# taz.de -- Lehre im Obstbau: Schmerzhafter Abschied vom Traumarbeitsplatz
       
       > Swantje Kleinfeld wäre gerne Obstbäuerin geworden, aber der Weg in die
       > Berufsschule ist zu weit. Dabei suchen die Höfe nach Fachkräften.
       
 (IMG) Bild: Bald Zeit für die Ernte: Doris Schuster (l.) und Swantje Kleinfeld prüfen die Äpfel
       
       Über der Wiese tanzen Schmetterlinge, Bienen krabbeln geschäftig in die
       blauen und weißen Blüten, bevor sie in Zickzack-Kursen zurück in ihren
       Stock fliegen. Neben den Bienenkästen eines regionalen Imkers steht Swantje
       Kleinfeld und blinzelt in die Sonne. Wärme liegt in der Luft, außer dem
       Summen der Insekten und Vogelrufen ist kaum ein Geräusch zu hören.
       
       Hier hat die Kielerin ihren Traumarbeitsplatz gefunden. Sie wird ihn
       demnächst aufgeben. Der Grund klingt banal: Der Weg zur Berufsschule ist zu
       weit. Für ihre Lehrherrin Doris Schuster ist das mehr als nur ein
       bedauerlicher Einzelfall.
       
       Mit prüfendem Blick schreitet Doris Schuster die Reihen ihrer Apfelbäume
       ab. Auf den Feldern der „Obstquelle“ wachsen Bäume mit Holsteiner Cox und
       Wellant neben regionalen Sorten wie Herbstprinz oder Seestermüher
       Zitronenapfel. Fast 100 Apfelsorten baut Schuster, Chefin des Hofes im
       Örtchen Schwentinental bei Kiel, an.
       
       Bereits der Vater und Großvater der heute 44-Jährigen betrieben Obstbau.
       Ihre Eltern hätten sie nie gedrängt, den Hof zu übernehmen, erzählt
       Schuster. Sie lernte Kostümbildnerei, arbeitete bei Filmproduktionen mit.
       Doch dann wurde ihr Vater krank, sie kam den Eltern zur Hilfe und blieb.
       
       ## Seltene Sorten statt Massenware
       
       Sie durchlief die Ausbildung zur Gärtnerin, Fachrichtung Obstbau, und
       absolvierte die Meisterschule. Damit darf Schuster auch selbst ausbilden.
       Das sei dringend nötig, sagt sie: „Wenn es weiter Obst aus Deutschland
       geben soll, brauchen wir Fachkräfte auf den Höfen.“
       
       Doris Schuster setzt sich, unter anderem mit dem Verein Nordbauern,
       besonders für kleine Betriebe ein, ihr eigener gehört dazu. In den
       Hauptanbaugebieten für Obst, etwa im Alten Land in Niedersachsen, gelten
       Höfe ab 100 Hektar als normal. Doris Schuster hat sieben Hektar.
       
       2015 übernahm sie den Betrieb. Wie ihr Vater setzt sie auf seltene Sorten
       statt Massenware und hat den Betrieb auf mehrere Beine gestellt. Neben dem
       Verkauf der Äpfel betreibt sie einen Hofladen mit Café, hat eine Mosterei
       und lädt Kita-Gruppen und Schulklassen auf den Bauernhof ein.
       
       Viele Kinder wüssten kaum mehr, woher Lebensmittel kämen und wie die Arbeit
       auf einem Hof aussehe: „Wenn wir erzählen, dass wir hier von Hand ernten,
       kriegen die große Augen. Die glauben, das würden irgendwelche Roboter
       erledigen.“
       
       Solche Angebote aufzubauen, sei aber mühsam. Zwar [1][fördert die EU ein
       Programm für gesunde Ernährung an Schulen]. „Eigentlich eine tolle Idee“,
       sagt Doris Schuster. Ihr habe eine Kooperation mit einer oder mehreren
       Schulen vorgeschwebt: „Wir liefern Obst und die Kinder besuchen den Hof, um
       zu sehen, wo ihr Essen wächst.“
       
       Doch bei einem Vorgespräch im Kieler Landwirtschaftsministerium hätten
       neben den Direkterzeuger:innen auch Vertreter:innen von
       Supermärkten gesessen. Und es habe sich herausgestellt, dass Schulen oft
       lieber beim Handel bestellen würden: „Da gibt es rund ums Jahr alles, von
       Ananas bis Zitrone. Das schaffen wir natürlich nicht.“
       
       Die [2][Konkurrenz mit den großen Betrieben, der Preisdruck durch den
       Handel]: Nicht nur Doris Schuster leidet darunter. Insgesamt sei die Lage
       des Obstbaus in Deutschland „dramatisch“, schreibt der Berufsverband
       Obstbau, der aus einem Zusammenschluss der jeweiligen Fachgruppen im
       [3][Zentralverband Gartenbau und des Deutschen Bauernverbandes entstanden
       ist, in einem offenen Brief].
       
       Tausende Tonnen deutscher Äpfel würden der Saftverarbeitung zugeführt,
       während Äpfel von der Südhalbkugel für den Verkauf abgepackt würden. Auf
       deutschen Obsthöfen blieben hochwertige Süßkirschen hängen, weil
       Billigimporte den Markt überschwemmten. Zwetschen und Heidelbeeren würden
       unter den Produktionskosten gehandelt. „Immer mehr Betriebe fragen sich, ob
       sich die Ernte überhaupt noch lohnt“, heißt es in dem Branchen-Brandbrief.
       
       Ein wichtiges Teil des Puzzles sind die Menschen, die im Obstbau arbeiten –
       oder eben nicht mehr arbeiten. Als Betriebsleiterin ist Doris Schuster rund
       ums Jahr gefordert: von der Pflege der Bäume über die Ernte bis zum
       Papierkram. Die Mutter von vier Kindern braucht während der Ernte
       [4][Saisonkräfte, die immer schwerer zu bekommen sind].
       
       „Wir haben da zum Glück eine gute Truppe“, sagt Schuster. Aber ein
       langjähriger fester Mitarbeiter sei vor Kurzem gegangen. Um so froher war
       sie daher, dass sie Swantje Kleinfeld als Auszubildende gewinnen konnte.
       
       Die heute 27-Jährige stammt aus Kiel. Nach dem Abitur habe sie erst nicht
       gewusst, wohin ihre berufliche Reise gehen solle, erzählt sie. „Aber mir
       war klar, dass ich draußen arbeiten und ein Produkt erzeugen wollte, dass
       wirklich gebraucht wird.“ An den Bäumen entlanggehen, an denen die Äpfel
       hängen, „das lässt mein Herz höherschlagen“, sagt Kleinfeld.
       
       Vor einem Jahr hat sie in der Obstquelle angefangen. Jetzt hat sie den
       Jahreszyklus einmal durchschritten, vom Beschneiden über das Pflanzen neuer
       Bäumchen, über die Betreuung der Bienenvölker bis zur Ernte. Spaß macht ihr
       alles: „Das hier ist mein Traumjob“, sagt sie.
       
       Trotzdem bricht sie die Ausbildung ab. Denn im zweiten und dritten Lehrjahr
       müsste sie nach Stade in Niedersachsen zur Berufsschule fahren. Dort,
       [5][im Alten Land], befindet sich die zentrale Ausbildungsstätte für
       Garten- und Obstbau im Norden. Kleinfeld, die kein Auto besitzt, müsste
       morgens um 5 Uhr oder früher in Kiel in die Bahn steigen. Einmal pro Woche
       sei das machbar, habe sie anfangs gedacht, sagt Kleinfeld. Vor allem, weil
       sie davon ausging, dass sie als Abiturientin die Ausbildung verkürzen
       könnte.
       
       Doch als es soweit war, gab es auf einmal Hürden: „Ich hätte mich entweder
       sehr schnell zur Prüfung melden müssen oder eben doch die vollen drei Jahre
       machen.“ Eine Lösung aus Schusters und Kleinfelds Sicht könnte sein, dass
       der Unterricht in Blöcken oder noch besser online stattfinden könnte. Doch
       mit diesen Vorschlägen bissen beide auf Granit.
       
       ## Entscheidung der Schulen
       
       „Uns ist das Thema bekannt. Wir haben leider keine Lösung“, teilte die
       Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein auf taz-Anfrage mit. Der Grund: Es
       gebe zurzeit nur drei Auszubildende für Obstbau in Schleswig-Holstein –
       viel zu wenige, um für sie eine eigene Klasse einzurichten.
       
       Ähnlich äußert sich das Niedersächsische Kultusministerium, das für die
       Berufsschulen zuständig ist. Das Problem der weiten Wege sei bekannt und
       treffe mehrere Ausbildungsberufe, sagt Ministeriums-Sprecherin Britta
       Lüers. Das stelle Azubis und Betriebe vor „Herausforderungen“, sei aber
       gleichzeitig die Voraussetzung für einen fachlich hochwertigen Unterricht.
       Grundsätzlich sei es aber aus Sicht des Ministeriums möglich, Unterricht im
       Blockverfahren oder online zu gestalten – die Entscheidung liege bei den
       Schulen selbst, sagt Lüers.
       
       Doris Schuster sieht eine Negativ-Spirale: „Wir bekommen durchaus Anfragen
       von möglichen Azubis“, sagt sie. „Aber wenn die hören, wie schwierig es
       ihnen gemacht wird, kommen sie gar nicht erst.“ Kleine Betriebe wie ihrer
       bildeten daher immer weniger und seltener aus. Dabei leisteten die kleinen
       Höfe etwas, was die großen nicht könnten, nämlich regionale Sorten pflegen
       und Wissen darüber weitergeben.
       
       Swantje Kleinfeld wird nun ein Pädagogik-Studium beginnen. Sie will in die
       Umweltbildung gehen. Die Arbeit mit Kindern mache ihr Spaß. Parallel wird
       sie als Werkstudentin weiter bei der „Obstquelle“ bleiben. Aber ob sie
       später als Obstbäuerin arbeiten wird? Auf diese Frage hebt sie nur die
       Schultern.
       
       23 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/E/eu_direktzahlungen/schulprogrammObst
 (DIR) [2] /Warnung-der-Monopolkommission/!6131534
 (DIR) [3] https://www.obstbau.org/berufsverband/organisation.html
 (DIR) [4] /Saisonarbeit-in-der-Landwirtschaft/!6166470
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       ## AUTOREN
       
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