# taz.de -- Digitale Selbstjustiz: Hart in der falschen Sache
       
       > Ein sexistischer Post, eine Kritik von Hogesatzbau und ein Berliner Café,
       > das aus Versehen in den Fokus gerät. Da hilft nur Wiedergutmachung.
       
 (IMG) Bild: Druckmittel gegen GeschäftsinhaberInnen: miese Bewertungen
       
       Am Morgen blickte ich beim ersten Espresso des Tages schon auf den nackten
       Oberkörper von Bryan W., wider Willen. Seine schmutzigen Finger umschließen
       auf dem Spiegelfoto die giftgrüne Hülle seines Handys, das der
       aktivistische Instagram Account [1][Hogesatzbau] repostete. In Kombination
       mit einem Kommentar, den Bryans schmuddelige Fingerspitzen kürzlich
       tippten. „LEIDER nur 90“, als Reaktion auf eine Nachricht zu den bisherigen
       Todesopfern beim Migrationschaos in Ceuta.
       
       Bevor mir der Espresso hochkam, scrollte ich weiter in die Caption des
       Posts, die seine abscheuliche Aussage wunderbar sachlich einordnete. Diese
       öffentliche Zurechtweisung ist hart. Aber wichtig, um den derart zur Schau
       Gestellten den Spiegel vorzuhalten. Außer es trifft die falschen Personen.
       
       Selten folge ich bewusst Kanälen auf Instagram, bei deren Postings ich
       jedes Mal Magenkrämpfe bekomme, weil der Inhalt so widerlich ist. Der
       Account Hogesatzbau, selbsternannte linksgrünversiffte Netz-Aktivisti, ist
       hingegen so einer. Denn hier werden all jene mit ihrem Verhalten
       konfrontiert, die meinen, unter Klarnamen menschenverachtenden Bullshit von
       sich geben zu müssen.
       
       Die antifaschistische Initiative hat sich 2014 als Reaktion auf
       [2][Hooligans gegen Salafisten] (HoGeSa) gegründet. Bürgerwehren und
       PatriotInnen wollten damals das „Abendland“ mit Hass und Gewalt retten,
       Hogesatzbau hielt satirisch dagegen.
       
       ## Organisierte Gegenreaktionen
       
       Mit Gegenreaktionen fackeln die FollowerInnen der Aktivisti nicht lang.
       Manchmal stürmen sie das Profil der Kritisierten, melden sie bei ihren
       ArbeitgeberInnen oder zeigen sie auch an. Eine beliebte Reaktion ist auch,
       schlechte Bewertungen auf Google zu schreiben, wenn die zur Schau
       Gestellten selbst ein Unternehmen führen. Über Sinn und Unsinn dieser
       Aktionen lässt sich streiten, gerade dann, wenn die FollowerInnen von
       Hogesatzbau ihrerseits den Pfad der Sachlichkeit verlassen. Nichts befeuert
       leichter den Vorwurf gegen links, kaum besser als die zu sein, deren
       Unkorrektheit man kritisiert.
       
       Zuletzt hat es ein nämlich ein völlig unbeteiligtes Berliner Café
       getroffen, das plötzlich auf Google mit zahlreichen Ein-Stern-Bewertungen
       geflutet wurde. Wenige Stunden bevor die InhaberInnen wohl verwundert durch
       die harsche Kritik scrollten, postete Hogesatzbau einen Screenshot einer
       Person, die online einer Frau „von ganzen Herzen“ eine „entspannte
       Massenvergewaltigung“ wünschte. Aus dem Profilnamen schlussfolgerten
       UserInnen fälschlicherweise, dass es um die BetreiberInnen des Cafés The
       Rabbit in Mitte handelt.
       
       Es folgte eine ratlose Instagram-Story des unbeteiligten Rabbit-Cafés:
       „Wisst ihr, wo diese Bewertungen auf einmal herkommen?“, fragten sie dort.
       Die Spur zum Post von Hogesatzbau fand sich schnell. Dort reagierte man
       umgehend mit einer „[3][Bitte von Herzen]“: „Dieses Café hat mit unserem
       Beitrag nichts zu tun. Falls ihr versehentlich dort bewertet habt, löscht
       die Bewertung bitte wieder. (…) Lasst uns zeigen, dass wir nicht nur
       Missstände benennen, sondern auch Fehler mit Herz wieder gut machen“, heißt
       es darin.
       
       Das Rabbit-Café freut sich seither über knapp 1.500 meist äußerst positive
       Bewertungen – als massenhafte Wiedergutmachung. Ein Nutzer fasst das
       Geschehene unter dem Post zur Richtigstellung zusammen: „Vielleicht lernt
       der ein oder die andere daraus, dass diese Art von Selbstjustiz auch die
       Falschen treffen kann und geht mal in sich, ob man wirklich Teil eines
       digitalen Lynchmobs sein will.“
       
       7 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/hogesatzbau/
 (DIR) [2] https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/199362/hogesa-wie-hooligans-rechte-bruecken-schlagen/
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/p/Dbkg_IBMy-G/?igsh=Nzd6cDl3cnhqaHR1
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura Mies
       
       ## TAGS
       
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