# taz.de -- Zwangsräumung in Bremen: Für den einen ist es der letzte Schritt, für den anderen eine Katastrophe
       
       > K. und seine Familie wurden aus ihrer Wohnung in Bremen-Gröpelingen
       > zwangsgeräumt. Der Vermieter ist ein gemeinnütziger Verein.
       
 (IMG) Bild: Protest gegen Zwangsräumungen: Menschenrechtsverletzung und trotzdem alltäglich
       
       K. und seine Familie haben kein Zuhause mehr. Sie wurden letzten Montag aus
       der Wohnung in Bremen Gröpelingen, in der sie seit 2011 gelebt haben,
       geräumt.
       
       Eine Zwangsräumung läuft so ab: Ein Gerichtsvollzieher kommt und bringt die
       Mieter*innen raus – falls nötig, mit Polizeigewalt. Dann tauscht er das
       Schloss aus. Etwas seltener kommt ein Umzugsunternehmen mit, das alle in
       der Wohnung hinterlassenen Sachen einpackt. „Das ist eine sehr stille
       Angelegenheit“, sagt Charlotte Neumann vom Bündnis gegen Zwangsräumungen,
       „wenn man nicht 50 Menschen mitbringt, die sagen, dass das nicht geht“.
       
       Als K., seine Frau und seine vier Kinder vergangenen Montag aus ihrer
       Wohnung geräumt wurden, hatte das Bündnis 50 Menschen mitgebracht. Manche
       von ihnen kennen die Familie. Andere waren gekommen, um gegen
       Zwangsräumungen im Allgemeinen zu protestieren. „Den Stress, geräumt zu
       werden, gibt sich niemand, der eine Alternative hat“, sagt Neumann.
       Menschen, die von Zwangsräumungen betroffen sind, sind oft auch
       armutsbetroffen, [1][suchtabhängig oder psychisch krank]. Alles davon
       trifft auf K. zu.
       
       2025 gab es in Bremen [2][497 Zwangsräumungen], die Zahl ist im Vergleich
       zu den Vorjahren zurückgegangen. Gemessen an den Einwohner*innen ist
       Bremen das Bundesland mit den meisten Zwangsräumungen. Eine Zwangsräumung
       kann zu [3][langfristiger Wohnungslosigkeit] führen, [4][im Fall von Jürgen
       N.] führte sie zum Tod.
       
       ## Vermieter ist kein profitorientierter Konzern
       
       Zwangsräumungen sind eine [5][Menschenrechtsverletzung] und sind trotzdem
       alltäglich. Das Besondere an K.s Fall: Sein Vermieter ist kein
       profitorientierter Immobilienkonzern, sondern ein gemeinnütziger Verein.
       Die „Waller Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft“ (Wabeq)
       unterstützt Arbeitslose dabei, zurück in den Arbeitsmarkt zu finden. Und
       sie bietet Sozialwohnungen an.
       
       Ernst Schütte ist Gründer und Geschäftsführer von der Wabeq. Er bezeichnet
       den Tag der Zwangsräumung von K. und seiner Familie als den schlimmsten Tag
       seines 48-jährigen Arbeitslebens. Was das Mietverhältnis anging,
       widersprechen sich K. und Schütte in allen Punkten.
       
       2017 und 2022 gab es zwei Brände in dem Haus. Fotos zeigen vollkommen
       verkohlte Kellerräume, der Schaden des ersten Brandes verlief sich laut
       Schütte auf 50.000 Euro. Offizieller Grund: ein Kurzschluss. Schütte sagt:
       weil K. selbst Kabel verlegt habe. K. sagt: weil die Wabeq unsauber
       gearbeitet habe.
       
       Laut Schütte habe sich die Nachbarschaft nach den Bränden nicht mehr sicher
       gefühlt. Regelmäßig habe es zudem Gewaltandrohungen durch K. und
       Polizeieinsätze gegeben. K. sagt, das Verhältnis zu den Nachbar*innen
       sei gut gewesen. Er sammelte solidarische Unterschriften. Die Polizei, sagt
       er, sei da gewesen, aber weil seine Familie sie selbst gerufen hat wegen
       innerfamiliärer Konflikte.
       
       ## Zu wenig bezahlbarer Wohnraum für Familien in Bremen
       
       Schütte sagt: „Wir haben alles versucht, um das friedlich zu lösen.“ Die
       Familie hätte jedes Unterstützungsangebot bei der Wohnungssuche abgelehnt.
       K. sagt: alle Angebote seien befristet gewesen und seine zwei volljährigen
       Kinder hätten woanders unterkommen müssen. Das wäre keine Option für die
       Familie gewesen.
       
       Was man mit Sicherheit sagen kann: das Verhältnis zwischen Schütte und K.
       ist seit Jahren tief zerrüttet. Für Schütte war die Zwangsräumung der
       letzte, aber notwendige Schritt. Für K. ist sie eine Katastrophe. Wie es
       jetzt für ihn weitergeht? „Ich weiß es nicht“, sagt K. „Ich habe große
       Angst.“ Er fühle sich im Stich gelassen. In wenigen Tagen müssen seine zwei
       13-Jährigen wieder in die Schule. Bisher hätten sie keine Wohnung in
       Aussicht.
       
       Es gibt einen einzigen Punkt, in dem sich K. und Schütte einig sind: beide
       fordern mehr sozialen Wohnungsbau. Denn hätte es eine alternative Wohnung
       für K. gegeben, dann wäre die Sache nicht so eskaliert. Dann müssten K. und
       seine Familie jetzt nicht auf der Parzelle leben. Doch die anderen
       Wohnungsbaugesellschaften haben nichts. Und auf dem privaten Wohnungsmarkt
       wird K. kaum eine Wohnung finden. Es gibt einfach zu wenig bezahlbare
       Wohnungen für Familien mit vier Kindern. Wegen jahrelanger Schulden hat K.
       [6][eine negative Schufa]. Wegen seiner Krankheit kann er nicht arbeiten
       und bezieht Sozialleistungen. Und wegen seines türkischen Namens wird er
       [7][statistisch gesehen] sowieso seltener auf Wohnungsbesichtigungen
       eingeladen.
       
       10 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wohnungsverlust-in-Berlin/!6140657
 (DIR) [2] https://www.zeit.de/news/2025-12/14/bremen-bleibt-hotspot-fuer-zwangsraeumungen-je-einwohner
 (DIR) [3] /Bekaempfung-von-Wohnungslosigkeit/!6032820
 (DIR) [4] /Der-Fall-Juergen-N/!5574538
 (DIR) [5] /Zwangsraeumungen-in-Berlin/!5961722
 (DIR) [6] https://tube.taz.de/w/uTUFV6ykr35CgG6b1THHgW
 (DIR) [7] /Rassismus-bei-der-Wohnungssuche/!6136014
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amanda Böhm
       
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