# taz.de -- Buch über Zukunft der Arbeit: Mangelware Mensch
> Der Soziologe Florian Butollo sagt einen drastischen Arbeitskräftemangel
> voraus, trotz Digitalisierung und KI. Er setzt auf starke Gewerkschaften.
(IMG) Bild: Bedingt auskunftsfähig: Das Assistenzsystem Lio begrüßt in einem Schweizer Pflegezentrum Gäste und Bewohner
Wie werden sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz auf die Arbeit
und die Gesellschaft der Zukunft auswirken? Wohin mit den vielen
Beschäftigten, deren Arbeit durch die neuen Technologien ersetzt wird?
Drohen Massenarbeitslosigkeit und ein Kollaps des Sozialstaats? Es sind
viele bange Fragen, die sich angesichts der technologischen Entwicklung
stellen.
Vielfach wird in den Wirtschaftswissenschaften die Ansicht vertreten, dass
bei Automatisierungsprozessen immer auch neue Arbeitsplätze in anderen
Bereichen entstehen. Der Soziologe Florian Butollo, Lehrstuhlinhaber an der
Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied der ehemaligen Enquetekommission
des Bundestages zur künstlichen Intelligenz, geht hier gedanklich noch
einen Schritt weiter. In seiner jüngsten Veröffentlichung „Das knappe Gut
Arbeit“ begründet er ausführlich, warum es in Zukunft zu wenig arbeitende
Menschen geben wird, und zeigt auf, welche Folgen das hat.
Digitalisierung und der Einsatz von KI, so Butollo, ziehen eine Vielzahl
neuer Aufgaben nach sich. Die Mechanismen, die dabei wirksam sind, nennen
Ökonomen „Rebound-Effekte“, in Anlehnung an die im Umwelt- und
Energiesektor regelmäßig zu beobachtenden paradoxen Folgen
effizienzsteigernder Technik. Zum Beispiel, wenn trotz sparsamerer
Heizungen oder Autos der Energieverbrauch nicht sinkt, weil
Konsument:innen nun mehr heizen oder mehr Auto fahren.
Ähnliche Mechanismen sind Butollo zufolge auch in anderen Bereichen
wirksam: Neue Systeme bedürfen einer aufwendigen Einrichtung und Wartung,
betriebliche Abläufe müssen angepasst und Arbeitskräfte umgeschult werden.
Darüber hinaus nutzen Unternehmen die frei werdenden Kapazitäten in aller
Regel dazu, ihre Produkte zu verbessern und zusätzliche Dienstleistungen
anzubieten, um in einem kompetitiven Markt Kunden an sich zu binden. Warum
sollten sie ihre Beschäftigten dann freisetzen?
Rebound-Effekte, so schränkt Butollo ein, wirken nicht in gleichem Maße für
jedes Produkt und in jedem Bereich. Beispielsweise wird die sehr aufwendige
Programmierung von KI-Systemen zurzeit überwiegend in ärmere Länder
ausgelagert. Dennoch ist er überzeugt, dass es in den Industrieländern
zukünftig auf allen Qualifikationsstufen zu wenig verfügbare Arbeitskraft
für zu viele Aufgaben geben wird.
Das liegt auch am demografischen Wandel. In den kommenden Jahren wird die
Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinken, der Betreuungsaufwand für
alte Menschen dagegen zunehmen. Butollo sieht kaum Möglichkeiten,
Beschäftigte für zusätzliche Arbeit zu gewinnen. Er beruft sich auf
Umfragen, die zeigen, dass die meisten Menschen zwar gern mehr bezahlte
Arbeit übernehmen würden, dass sie das aber nicht können, weil sie mit dem,
was sie in Beruf und Privatleben leisten müssen, schon jetzt am Rand der
Überforderung stehen. Grundsätzlich lässt sich private Care-Arbeit, die
Versorgung von Kindern und alten Menschen, in den Dienstleistungssektor
verschieben, das würde jedoch dort die Einstellung zusätzlicher
Beschäftigter erfordern – die nicht vorhanden sind.
Am Beispiel des [1][Pflegeroboters] erläutert Butollo, warum Technologie
das Problem nicht löst. Der automatisierte Pflegehelfer kann menschliche
Arbeit zwar ergänzen, nicht aber ersetzen. Auch in anderen Bereichen können
Automaten nur dann helfen, wenn es genügend arbeitende Menschen gibt, die
sie bedienen. Selbst die KI kann diesen Sachverhalt nicht außer Kraft
setzen, weil sie nur funktioniert, wenn die richtigen Prompts eingegeben
und die bereitgestellten Ergebnisse überprüft werden.
Die zweite Möglichkeit, mehr Arbeitskraft zu generieren, nämlich eine
Ausweitung der Einwanderung, die über das Anwerben weniger, hoch
qualifizierter Fachkräfte hinausgehen müsste, existiert laut Butollo nur
theoretisch. Die politische „Großwetterlage“ und die grassierende
Ausländerfeindlichkeit lassen es unwahrscheinlich erscheinen, dass
Migranten in der erforderlichen Anzahl ins Land geholt werden können. Mit
einem Augenzwinkern erinnert Butollo an das durchaus populäre Ansinnen
Friedrich Merz’ vom Januar, rund 80 Prozent der mehr als 900.000 in
Deutschland lebenden Syrer in ihre Heimat zurückzuschicken – unter
Missachtung der Tatsache, dass etwa bei einem Weggang der fast 8.000 hier
tätigen Ärzte das hiesige Gesundheitssystem zusammenbrechen würde.
Butollo zeichnet also insgesamt das Bild einer Zukunft, in der Arbeitskraft
in allen Bereichen der Gesellschaft knapp wird. Das könnte – entsprechende
politische Rahmenbedingungen und gewerkschaftliche Aktivitäten
vorausgesetzt – die Position von Beschäftigten grundsätzlich stärken und es
ihnen ermöglichen, [2][zuträgliche Arbeitsbedingungen] und gute Löhne zu
verhandeln. In den Nullerjahren waren Butollo zufolge der damalige
Sozialabbau und die Etablierung eines Niedriglohnsektors nur möglich, weil
es mehr arbeitsuchende Menschen gab als Arbeitsplätze. Die künftig zu
erwartende Knappheit an Arbeitskraft aber würde dem sozialen Abstieg großer
Bevölkerungsgruppen ein Ende setzen.
Ebenso jedoch wäre es dem Soziologen zufolge möglich, dass sich künftig in
vielen Bereichen die Arbeitsbedingungen sogar verschlechtern, weil zu viel
Arbeit von zu wenigen Menschen geleistet werden muss. Verhältnisse könnten
zur Regel werden, wie sie schon heute in Kitas, Krankenhäusern und
Pflegeheimen anzutreffen sind, wo die systematische Überforderung der dort
Arbeitenden die Anwerbung zusätzlichen Personals verhindert. Eine zentrale
Aufgabe der Gewerkschaften werde deshalb darin bestehen, für eine
Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu sorgen. Butollo
erinnert daran, dass es bereits in einigen Arbeitskämpfen der vergangenen
Jahre weniger um Geld als um eine Entlastung der Beschäftigten ging.
Vor allem aber wird sich nach Butollos Einschätzung in Zukunft verstärkt
die Frage stellen, wofür Arbeit aufgewendet werden soll. Wenn so viel zu
tun ist, dass die Aufgaben die verfügbare Arbeitskraft überfordern, muss
entschieden werden, welche Aufgaben Priorität haben.
## Wachsender Konsum ist nicht die Lösung
Zum Fluchtpunkt seiner Überlegungen macht Butollo konsequent die
Bedürfnisse der Menschen, die sich nicht immer in kaufkräftige Nachfrage
übersetzen. Er betrachtet es nicht als erstrebenswertes Ziel, den
Warenkonsum noch stärker auszuweiten. Zwar bewirkt der kapitalistische
Wettbewerb, dass Unternehmen immer weiter in minimale Produktverbesserungen
und in eine Verbreiterung ihres Angebots investieren. Jedoch führt
wachsender Konsum ihm zufolge inzwischen kaum noch zu einer verbesserten
Lebensqualität.
Vielmehr könnte in der Zukunft ein gutes Leben für alle davon abhängen,
dass der Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge gegenüber der
Warenproduktion gestärkt wird. Die ohnehin stattfindende Tertiärisierung,
also die Verlagerung von Wertschöpfung und Arbeitskraft in den Bereich der
[3][Dienstleistungen], würde dann von qualitativen Verbesserungen in diesem
Bereich begleitet. Das wäre, so Butollo, auch im Interesse des bedrohten
gesellschaftlichen Zusammenhalts. Auch die dringend gebotene Eindämmung des
Klimawandels betrachtet er als eine der Aufgaben, die den Einsatz
zusätzlicher Arbeitskraft erfordern. Die Zuteilung von Arbeit an bestimmte
Aufgaben muss seiner Überzeugung nach gesellschaftlich verhandelt werden,
statt sie dem Markt zu überlassen. Bundestagsdebatten über den Einsatz von
Arbeitskraft in diesem oder jenem Bereich? So ähnlich müssen wir uns das
wohl vorstellen.
Um die anstehenden Aufgaben zu lösen, braucht es Butollo zufolge große und
langfristig orientierte Innovations- und Investitionsprojekte, die durch
den Staat zu organisieren und zu finanzieren wären. Deren Kosten würden die
derzeit verfügbaren Haushaltsmittel allerdings weit übersteigen. „Kapital
ist gewiss vorhanden“, stellt er fest, „aber nach Jahrhunderten der
Akkumulation und der Vermögenskonzentration extrem ungleich verteilt.“
## Soziale Verwerfungen nicht berücksichtigt
Was Butollo in seiner klugen Skizze des notwendigen gesellschaftlichen
Umbaus nicht berücksichtigt, sind die praktischen und psychosozialen
Probleme, die mit einer solchen Transformation einhergehen. Ist es möglich,
Lastwagenfahrer zu Pflegehelfern umzuschulen? Wie werden Industriearbeiter
auf die Wohlstandsverluste reagieren, die mit einer Beschäftigung im
tertiären Sektor einhergehen? Was, wenn das Selbstverständnis ganzer
Beschäftigtengruppen einem Wechsel in andere Wirtschaftszweige
entgegensteht? Wenn es hier zu [4][Verwerfungen] kommt, droht ein Abdriften
weiterer Teile der Bevölkerung hin zu politischen Kräften, die eine
Rückkehr zur vermeintlich guten alten Zeit in Aussicht stellen, aber vor
allem ihr eigenes Projekt politischer Disruption verfolgen.
Eine qualitative Stärkung des Dienstleistungssektors mag, über die gesamte
Gesellschaft hinweg betrachtet, den Zusammenhalt stärken. Einzelne Gruppen
jedoch werden Statusverluste und persönliche Krisen erleben. Wie mit deren
Ängsten und Verunsicherungen umzugehen ist und mit den politischen Risiken
in ihrem Gefolge, dazu bedarf es dringend weitergehender Überlegungen, in
den Sozialwissenschaften ebenso wie in Politik und Zivilgesellschaft.
10 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Pflegeroboter-Projekt-Robust/!6107644
(DIR) [2] /Semsrott-ueber-Zivilgesellschaft/!6184043
(DIR) [3] /Kuenstliche-Intelligenz-im-Service/!5817016
(DIR) [4] /Buch-ueber-Konflikte-in-der-Gesellschaft/!6033095
## AUTOREN
(DIR) Renate Kraft
## TAGS
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Soziologie
(DIR) Arbeitskampf
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Digitalisierung
(DIR) Konsum
(DIR) Roman
(DIR) Homeoffice
(DIR) Lesestück Meinung und Analyse
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Roman aus Japan „Die Fabrik“: Den Waldgeist bitte ignorieren
Hiroko Oyamada beschreibt Arbeit als totalen Zustand in „Die Fabrik“. Was
genau dort produziert wird, bleibt ebenso unklar wie der Sinn der
Tätigkeiten.
(DIR) Wandel der Arbeitswelt: Schaffe, schaffe, Päusle mache
Der Arbeitsethos der Deutschen ist berühmt-berüchtigt. Doch nun wollen
immer mehr Menschen flexibler und weniger arbeiten. Was ist da verrutscht?
(DIR) Jobs in den neuen 20er Jahren: Wie werden wir arbeiten?
Die Arbeit der Zukunft wird von der Digitalisierung geprägt. Müssen deshalb
gleich Millionen Jobs und ganze Berufe verschwinden?