# taz.de -- Neue Museums-Direktorin in Wien: Tour de Force sinnlicher Erkenntnis
       
       > Das Wiener Museum Moderner Kunst hat mit Fatima Hellberg eine neue
       > Direktorin. Die zeigt düster-kritische Kunst, weit weg vom
       > Blockbustermuseum.
       
 (IMG) Bild: Kate Milletts „Terminal Piece“ von 1972 wurde von der neuen mumok-Direktorin Fatima Hellberg in die Museumssammlung aufgenommen
       
       Nein, „niederschwellig“ ist das Ganze nicht, wundert sich eine Wiener
       Rezensentin über „Terminal Piece“, die erste Ausstellung der neuen
       Direktorin des Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig (mumok) in Wien,
       Fatima Hellberg. Aber ziemlich spannend. Im 2001 fertiggestellten
       monolithischen Basaltkubus des Architekturbüros Ortner & Ortner mitten im
       imperialen Ambiente Wiens legen Hellberg und ihr Stellvertreter, der
       Kurator Lukas Flygare, einen Parcours, der immer wieder anhalten lässt,
       sich befremden und die gewohnte Wahrnehmung lustvoll überprüfen lässt.
       
       Im kulturpolitischen Lingo von der „Niederschwelligkeit“ verliert sich, was
       tatsächlich herabzusetzen wäre: die Komplexität von Inhalten oder
       Ausschlussmechanismen einer bürgerlichen Kultur, deren Hegemonie im
       öffentlichen Leben längst erloschen ist, aber in den Reservaten
       repräsentativer Kultur wie dem Kunstmuseum letzte Rückzugsgefechte
       austrägt, bevor auch diese sich in den falschen Egalitarismus des
       Unterhaltungsgewerbes fügen.
       
       „Terminal Piece“ (1972) [1][von Kate Millett] (1934–2017) ist eine
       raumgreifende Installation, die Hellberg eigens für dieses Projekt
       angekauft hat. Im von ein paar Glühbirnen kaum erhellten Raum bilden 46
       Holzstühle zwei Reihen, davor hölzerne Gitterstäbe, hinten sitzt die
       lebensgroße Puppe einer Frau im dunkelblauen Kleid, den Blick gesenkt, die
       Knie geschlossen. Eine Haltung, wie sie sie in einem Bahnhofswarteraum oder
       den Bänken vor einer Gerichtssaaltür einnehmen würde.
       
       Millett [2][erinnert an den Femizid] an einer jungen Frau von 16 Jahren und
       gibt dem, was die Sprache verschlägt, außergewöhnlichen Raum. „Terminal
       Piece“ wird so zum Gegenstück einer Arbeit, die sie als Theoretikerin
       weitaus bekannter macht: „Sexual Politics“ (dt.: „Sexus und Herrschaft: Die
       Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft“) wurde nach dem Erscheinen
       1970 zum Manifest der zweiten Welle des Feminismus.
       
       ## Die Aktualisierung feministischer Herrschaftskritik
       
       Über [3][die Aktualisierung feministischer Herrschaftskritik] hinaus wird
       „Terminal Piece“ zum Manifest für eine Kunst, die mehr sagt, wenn sie nicht
       alles sagt, die Ambivalenzen aushält und austrägt, politische Diskurse
       nicht einfach nur verlängert, sie vielmehr unterbricht oder neu öffnet. Aus
       dieser Fallhöhe starten Hellberg und Flygare und breiten eine Tour de Force
       sinnlicher Erkenntnis aus, die über vier Etagen und vier „Akte“ Fragen
       verhandelt, die die Moderne der Gegenwart hinterlassen hat. Wie distanziert
       oder involviert sind Betrachtende in dem, was sie wahrnehmen? Was formt
       Bilder, bevor sie gesehen werden?
       
       Zuvor empfängt der Prolog zur Ausstellung in der Eingangsebene mit einer
       charmanten Willkommensgeste. Anna Viebrock hat über 700 Quadratmeter eine
       begehbare und im Gegensatz zu ihren Bühnenbildern auch haptisch erfahrbare
       Raumskulptur geschaffen. Das ist für sich genommen schon eine
       Einzelausstellung und setzt zugleich Parameter für die bevorstehenden Akte.
       
       Der Eintritt hier ist bis September frei. Die Quantifizierung des
       Museumsbetriebs als Dienstleistungsgeschäft ist zumindest vorübergehend
       außer Kraft gesetzt und befreit den Besuch vom Effizienzgedanken: Wie viel
       Gelehrsamkeit oder auch Spektakel erwirbt eine Eintrittskarte? Man kommt
       öfter, kann immer wieder Neues entdecken.
       
       Zwischen Szenenbild, Gemäldesaal, Büro, Behördenkorridor, Kirchenschiff und
       Salon verschwimmt die säuberliche Trennung von Architektur und Objekten.
       Auch das „Geboren – gestorben“ der Informationstafeln fehlt. Mit dem
       Grundrissplan kommt man aber gut zurecht. Hier wächst zusammen, was
       vielleicht nicht zusammengehört, aber in der Kollision Erkenntnis bewirkt.
       Joseph Beuys' „Verbrannte Holztür mit Hasenohren und Reiherschädel“ sieht
       man nur durch das Fenster einer gepolsterten Eichentür nach dem Vorbild des
       Brüsseler Justizpalasts.
       
       ## Reservate des Unbehagens
       
       Elemente aus [4][Viebrocks Bühnenarbeiten] tauchen Sammlungstücke des mumok
       in neue Kontexte. Aus dem Modell für Ferruccio Busonis „Doktor Faust“ sind
       graue Kirchenbänke wiedererstanden. Von ihnen aus blickt man auf Collagen
       von Gerhard Rühm, im „Opferstock“ nebenan entzündet Carla Degenhardt Kerzen
       mit aufgedruckten Fürbitten einer Künstler:innenexistenz im
       Neoliberalismus: „Einzelausstellung, gute Kritik, Dokumentateilnahme …“
       Zwischen Pointen bleiben Reservate des Unbehagens. Thomas Ruffs Serie
       „Zeitungsfotos“ korrespondiert mit Lutz Bachers Druckserie „Firearms“ und
       macht Zeitgeschichte als Gewaltgeschichte lesbar.
       
       Im Tiefgeschoss vier Etagen unter der Erde dringt die in Berlin und Tiflis
       arbeitende Künstlerin Tolia Astakhishvili in den Baukörper und seine
       Erhaltungssysteme vor. Zum Halbdunkel von „Figure of the Child“ führt ein
       schlauchartiger seitlicher Zugang. Man lässt nicht alle Hoffnungen fahren,
       aber einige Gewissheiten über die Wahrnehmung von Kunst.
       
       Astakhishvili sucht Unmittelbarkeit und Voraussetzungslosigkeit der
       Welterfahrung eines Kindes. Gewohnte Präsentation von Kunst isoliert ihre
       Objekte und macht sie ungehindert sichtbar. Das panoptische Setting lässt
       Betrachtende von der eigenen Leiblichkeit absehen. Hier funktioniert das
       nicht. Wahrnehmung arbeitet mit dem Widerstand im Körper der Betrachtenden,
       adjustiert Maßstäbe, Sichtlinien, Lichtverhältnisse von Zeichnungen
       unterschiedlichster Formate, Collagen, Raummodelle immer aufs Neue.
       
       Was ist Objekt, was Kontext und kaum produziert schon dem Verfall
       preisgegeben? Astakhishvilis Installationen sind buchstäblich „nature
       morte“ – Zerfallsprodukte einer zweiten Natur der Zivilisation:
       Soundinstallationen im Lüftungsschacht, unbehauste Unterstände voll
       Alltagsmüll, Mauerdurchbrüche, in die rostige Leitungsstränge ragen.
       Architektur wird hier regelrecht enthäutet. Dahinter liegt die Gewalt der
       technischen Apparatur über das nackte Leben.
       
       ## Die unvollständige Wiener Moderne nach 1945
       
       Fatima Hellberg überrascht in Wien mit dem Fokus auf die mumok-Sammlung.
       Der umfangreiche Bestand war in der Vergangenheit nicht gerade stark darin,
       die Fortschrittserzählung eines modernen Museums über lokale Perspektiven
       hinaus zu stützen. Moderne fand in Wien nach 1945 unvollständig statt.
       Mangelnde Aufarbeitung des Nationalsozialismus hatte sie auch von ihren
       örtlichen Quellen abgeschnitten. Kunst nach 1945 blieb eine Angelegenheit
       singulärer Positionen.
       
       Im Verblassen der Epoche öffnen sich neue Perspektiven. Der Gang in den
       Speicher wird zur archäologischen Erkundung in den Ruinen der Moderne. Er
       erlaubt, Fundstücke auf die Gegenwart scharfzustellen. Neue Strategien in
       der Kuratierung lassen Arbeiten in einem komplexen Beziehungsgefüge
       einander wechselseitig „rahmen“. Darin liegt nicht weniger als ein
       Gegenentwurf zum Konzept Blockbustermuseum, das mit spektakulären
       monothematischen Ausstellungen schwindende symbolische Geltung mit der
       Politik der großen Zahl zu kompensieren sucht und gerade in Wien mit leicht
       konsumierbarer Kost die Tourismuswirtschaft bedient.
       
       5 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nachruf-auf-Kate-Millett/!5442809
 (DIR) [2] /Zwei-Sachbuecher-zum-Maennlichkeitsdiskurs/!6174619
 (DIR) [3] /Der-vergessene-Feminismus/!1316060
 (DIR) [4] /Christoph-Marthaler-inszeniert-in-Berlin/!6072720
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Mattheiß
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Museum der Moderne
 (DIR) Wien
 (DIR) Phänomenologie der Kunst
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Sexualisierte Gewalt
 (DIR) Ausstellung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) 40 Jahre Ausstellung „Chambres d'Amis“: Wie die öffentliche Kunst ins Private vorrückte
       
       In Gent wird die Ausstellung „Chambres d'Amis“ neu aufgelegt. Auf radikale
       Weise stellt sie auch nach 40 Jahren noch relevante Fragen nach dem
       Verhältnis von Kunst, Gesellschaft und Museum.
       
 (DIR) Streit in Wien über Aktions-Kunst: Die Entkunstung des Otto Mühl
       
       Der Kunstbetrieb hält am Wiener Aktionismus fest. Überlebende von Otto
       Mühls „Aktionsanalytischer Organisation“ haben andere Ideen zu dessen Werk.
       
 (DIR) Tolia Astakhishvili im Kunstverein Bonn: Geister zwischen Abriss und Neubau
       
       Die Künstlerin Tolia Astakhishvili übt im Bonner Kunstverein
       Institutionskritik und versetzt ihn in einen schaurigen Schwellenzustand.