# taz.de -- 1.609 Tage Krieg in der Ukraine: 15 polnische Autobusse und die Banderastraße
> Eine polnische Stadt wollte ihrer ukrainischen Partnerstadt alte Busse
> schenken. Doch der Streit um umstrittene historische Ereignisse hätte das
> fast verhindert.
(IMG) Bild: Die polnische Stadt Kielce
In einem entscheidenden Momente des großen Krieges mit Russland findet sich
die Ukraine in einer Auseinandersetzung um die Zeit des Zweiten Weltkriegs
wieder. Präsident Selenskyj hatte Ende Mai einer militärischen
Spezialeinheit den Namen „Helden der UPA“ gegeben. [1][Polens Präsident
Karol Nawrocki hatte ihm deshalb den höchsten polnischen Staatsorden
aberkannt]. Säbel rasseln, Busse bleiben stehen, Partnerstädte streiten
sich.
Aus dem Fenster meines Hauses in Luzk schaut man auf die „Straße der Helden
der UPA“. Mein Weg zur Arbeit führt über Straßen, die zu Ehren des
UPA-Generals Roman Schuchewytsch und der [2][Anführer der Organisation
Ukrainischer Nationalisten (OUN)] Jewhen Konowalez und Stepan Bandera
benannt wurden.
Die Bandera-Straße liegt übrigens in der Nähe von Straßen, die nach
polnischen Genies benannt sind: nach Frédéric Chopin und Nikolaus
Kopernikus. Was ich damit sagen will: in meiner Stadt werden nicht nur
Menschen geehrt, die ihr Leben für die Ukraine geopfert haben, sondern auch
Geschichte des Nachbarstaates zu dem unsere Region lange gehört hat und
gegen den Bandera, Schuchewytsch und Konowalez gekämpft haben.
Auch in der westukrainischen Stadt Wynnyzja gibt es eine Bandera-Straße.
[3][Auf dem Höhepunkt des Konfliktes um den polnischen Orden] wiesen rechte
Politiker aus ihrer polnischen Partnerstadt Kielce darauf hin. Und daran
entzündete sich eine Tragikomödie, die mit einem Sieg der guten Mächte
endete.
## Alte polnische Autobusse für Wynnyzja
Kielce wollte Wynnyzja 15 alte Autobusse schenken. Sie sollten auch in der
Zeit der Stromausfälle im nächsten Winter zum Einsatz kommen. Einige
Stadtverordnete von Kielce erklärten dann allerdings, dass man Wynnyzja
diese Busse nicht geben solle, da es in der Stadt auch eine Bandera-Straße
gebe.
„Auf eben dieser Straße könnte einer der 15 Busse aus Kielce fahren, die
wir der Stadt schenken wollten“, sagte der Stadtverordnete Maciej
Jakubczyk.
Und sein Kollege, der Stadtverordnete Marcin Stępniewski von der Partei
Recht und Gerechtigkeit (PiS), erklärte: „Jedes Mal, wenn Polen seinem
Nachbarn die Hand zur Hilfe reicht, [4][wird diese durch die Verherrlichung
von Kriegsverbrechern] niedergeschlagen“.
## Spenden von einer mehr als einer halben Million Złoty
Darauf zog der Bürgermeister von Wynnyzja, Serhij Morhunow, seine Bitte
nach Bussen zurück, um den Konflikt nicht weiter anzuheizen. Stattdessen
rief die polnische Hilfsorganisation „Sikorki na Ukrainie“ (Meisen in der
Ukraine) [5][zu einer Spendenaktion für die Busse auf].
In weniger als 24 Stunden hatten Tausende von Polen ausreichend Geld
überwiesen, um die Busse kaufen zu können, mehr als halbe Million Złoty
(ca. 117.000 Euro)
Das Komische daran ist, dass auf der Bandera-Straße in Wynnyzja überhaupt
keine öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs sind, obwohl sie im
Stadtzentrum liegt. Bis zum November 2022 hieß sie übrigens nach dem
russischen Schriftsteller Lew Tolstoi.
Ukrainer bringt aktuell wenig aus der Fassung, aber die neue historische
Hysterie unserer Nachbarn hat viele schockiert. Sie stand in starkem
Kontrast zu all der Hilfe und Liebe, die wir von Seiten der Polen nach dem
russischen Großangriff erfahren hatten.
## Eine Gefahr für den ukrainischen EU-Beitritt?
Luzk hat sieben Partnerstädte in Polen. Es könnte passieren, dass meine
Stadt wegen der Bandera-, Konowalets und Schuchewytsch-Straßen ebenfalls
jeden Augenblick auf der Liste der „Mörder, Verräter und Nazis“ landen
könnte.
Wie schön, dass sich in diese „Autobus-Geschichte“ einfache Polen
eingemischt haben. Diejenigen, die Ukrainer gastfreundlich bei sich
aufgenommen haben und keine migrationsfeindlichen Parolen an die
Häuserwände schreiben. Wahrscheinlich hat sich hier der gesunde
Menschenverstand durchgesetzt, denn je mehr sich die Ukrainer und Polen
wegen der Vergangenheit „eingraben“, desto freier wird sich Russland in
Zukunft fühlen und desto geringer werden [6][die Chancen der Ukraine auf
einen EU-Beitritt] sein.
Auf dem Höhepunkt dieser aktuellen Krise haben sich 60 Prozent der Polen
gegen den Beitritt ausgesprochen, wie Umfragen des polnischen [7][Instituts
IBRis-Instituts] im Auftrag des privaten polnischen Radio ZET ergeben.
Zur gleichen Zeit wird in Lwiw gerade die Straße der Helden der UPA nach
Instandsetzung wieder für den Verkehr freigegeben…
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
21 Jul 2026
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## AUTOREN
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