# taz.de -- Auswirkungen von Russlands Angriffskrieg: Gentrifizierung vs. Geldfluss
       
       > Russische Flüchtlinge, die in Nachbarländern sind, werden dort kritisch
       > beäugt. Dabei bringen sie die Volkswirtschaften auf Trab.
       
 (IMG) Bild: Mehr Russ*innen in Tbilissi führen zu Wirtschaftswachstum, aber auch zu viel höheren Mieten
       
       Nicht alle Russinnen und Russen sind hier willkommen: Wer in die Dedaena
       Bar am Fluss Mtkwari in der [1][georgischen Hauptstadt Tbilissi] will, muss
       ein Formular ausfüllen für ein sogenanntes Einlassvisum. Darin muss erklärt
       werden: „Ich habe nie Putin gewählt“, „ich verurteile den russischen
       Überfall auf die Ukraine“ und (die russisch besetzten georgischen
       Territorien) „Abchasien und Südossetien sind georgisch“.
       
       Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 verließen
       rund eine Million Menschen Russland – oft in Richtung Nachbarstaaten, für
       die keine Visa gebraucht werden. Nach Angaben örtlicher Behörden flohen
       etwa 112.700 Menschen aus Russland nach Georgien, fast 150.000 nach
       Kasachstan, gut 110.000 nach Armenien und etwa 200.000 nach Serbien sowie
       in andere Länder wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel
       und europäische Staaten.
       
       In Georgien fanden sich schnell Graffiti an den Wänden wie „Fuck Ruzzia“
       ([2][z steht für Putins Krieg]), „Russen, sprecht leise. Ihr dürft nur laut
       sprechen, wenn ihr euer blutiges Imperium anprangert“, und „Stand with
       Ukraine“. „Sie sollten nie vergessen, dass sie in ein Land kommen, das von
       ihrem eigenen Land angegriffen wird“, erklärt Data Lapauri, dem hier die
       Dedaena Bar gehört.
       
       Vor allem in früheren Sowjetrepubliken werden die vor einer möglichen
       Einberufung in den russischen Angriffskrieg geflohenen Menschen kritisch
       beäugt. Denn der Zuzug blieb nicht ohne Folgen: „Im Mai 2022 verdoppelten
       sich die Mieten (plus 101,4 %) im Vergleich zum Mai 2021“, analysierte die
       TBC Bank in Tbilissi.
       
       ## Die Geflüchteten sind oft nicht arm
       
       Doch gesamtökonomisch gesehen hatte die Zuwanderung durchaus positive
       Aspekte, belegen weitere Studien. Betrug das durchschnittliche Wachstum der
       Wirtschaftsleistung zwischen 2012 und 2021 in Georgien 4,4 Prozent, so
       stieg es im Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024 auf jährlich 9,4 Prozent.
       In Armenien gab es nach Weltbank-Daten einen Sprung von 3,6 auf 9 Prozent,
       in Serbien von 2,1 auf 3,5 Prozent jährlich.
       
       Der Hauptgrund ist einer Studie von OutRush, einem Forschungszentrum über
       russische Emigration, zufolge, dass 41 Prozent der Putin-Geflüchteten
       gutbezahlte Jobs im IT-Sektor hatten und zumeist remote für russische oder
       andere Unternehmen arbeiteten. Viele waren hoch bezahlte
       Soloselbstständige. Sie nahmen niemandem in den aufnehmenden Ländern Jobs
       weg. 7 Prozent haben in ihren Zufluchtsorten bereits eigene Unternehmen
       gegründet, 28 Prozent wollen dies.
       
       Zugleich erhalten diese sogenannten Relokanten in den meisten anderen
       Aufnahmeländern keine Sozialleistungen. Sie bezogen im Gegenteil Zahlungen
       aus Russland oder Drittländern in ihre neue Heimat. In Armenien haben sich
       diese allein 2022 mehr als verdoppelt auf 1,8 Milliarden US-Dollar. In
       Georgien war der Anstieg russischer Überweisungen mehr als 6-mal so hoch
       wie im Jahr zuvor, rund 2 Milliarden US-Dollar.
       
       ## Unzufriedenheit bei der Bevölkerung
       
       Diese Transfers und die deutlich höheren Einkommen der vor Putin
       Geflüchteten im Vergleich mit der einheimischen Bevölkerung (in Armenien
       etwa 2.500 Euro gegenüber 300 Euro) stärkte die private Nachfrage in diesen
       Ländern und führte zu mehr Steuereinnahmen.
       
       Insgesamt hat der Zustrom russischer Emigrierter das Wirtschaftswachstum
       der Aufnahmeländer also positiv beeinflusst. Doch der schnelle Preisanstieg
       und die geringe Integration der Geflüchteten in die lokale Gesellschaft
       führen mancherorts zu ernsthafter Unzufriedenheit.
       
       Vor allem in Georgien macht die prorussische Regierung jetzt Druck auf die
       Geflüchteten aus dem Norden. Dort und in Kasachstan wurde das
       Aufenthaltsrecht erheblich verschärft. Von „kafkaesken Prozessen“, spricht
       Maxim, Miteigner der Buchhandlung Odradek in Tbilissi, die zumeist
       russisch- und ukrainischsprachige Bücher verkauft. Der Behördendschungel
       zum Erhalt eines Aufenthaltstitels sei schwer durchdringbar in dem
       Kaukasus-Land, von dem Russland ein Fünftel besetzt hält.
       
       4 Aug 2026
       
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