# taz.de -- Bürgerkrieg in Mali: Ein Wüstenkrieg ohne Ende
       
       > Malis Militärregierung wollte mit russischer Hilfe das Land befrieden.
       > Jetzt sind Tuareg-Rebellen und bewaffnete Islamisten wieder in der
       > Offensive.
       
 (IMG) Bild: Die Sängerin Nana Coulibaly, kurz vor der Eröffnung der Biennale in Timbuktu im Dezember 2025
       
       Ein Soldat blockiert das Tor, das zur Sängerin Nana Coulibaly führt.
       Verspiegelte Sonnenbrille, Tarnmontur, Sturmgewehr. Sein Zeigefinger ruht
       über dem Abzugsbügel. Hinter dem Tor: vier weitere Soldaten. Alle in voller
       Kampfmontur. Der Ort, an dem sich Coulibaly vor ihrem Auftritt ausruht, ist
       abgeriegelt.
       
       Drinnen sitzt die Sängerin am Rande eines Schulhofs auf einer hölzernen
       Bank, eine 30 Jahre alte Frau in einem blauen Schleier und mit einem halben
       Dutzend bunter Armreife. „Natürlich fühle ich mich hier sicher“, sagt sie.
       „Dass dieses Festival stattfinden kann, ist ein Symbol. Ein Zeichen, dass
       sich nun alles zum Guten wendet.“
       
       Es ist Dezember 2025. In Timbuktu, einer Stadt im Norden Malis, findet die
       Biennale Artistique et Culturel statt, ein Festival mit Musik, Schauspiel
       und Tanz. Ausgerechnet hier, in einem Landstrich, in dem seit mehr als
       einem Jahrzehnt Bürgerkrieg herrscht.
       
       Hunderte Künstlerinnen und Künstler sind aus ganz Mali angereist, um zu
       feiern. Menschen wie Coulibaly. Es sind so viele, dass die meisten während
       des zweiwöchigen Spektakels in Klassenzimmern und Gemeindehäusern
       übernachten müssen. Schließlich sind auch Tausende Zuschauerinnen und
       Zuschauer nach Timbuktu gekommen, eine ausgetrocknete Oasenstadt aus
       gelb-braunen Lehm- und Steinhäusern mit mehreren zehntausend Einwohnern.
       
       Mali wird seit einem Putsch 2020 von Soldaten regiert. Dass es den
       Streitkräften nun gelingt, bei der Show in Timbuktu für Sicherheit zu
       sorgen, ist eine Demonstration ihrer Stärke. Es ist der jüngste Grund
       dafür, dass viele Menschen in dem geplagten Land wieder Hoffnung schöpfen.
       Wenige Monate zuvor war es den Soldaten bereits gelungen, eine
       Benzinblockade der Hauptstadt Bamako durch bewaffnete islamistische Gruppen
       zu beenden. Und zwei Jahre zuvor hatten sie im Norden des Landes die
       bedeutsame Stadt Kidal zurückerobert, die sich seit 2012 in
       Tuareg-Rebellenhand befunden hatte.
       
       Nana Coulibaly lässt ihren Kopf zur Seite kippen und fängt an zu träumen.
       „Die nächste Biennale findet in Kidal statt“, prophezeit sie. Kidal ist
       ihre Heimatstadt.
       
       ## Großoffensive folgt kurz darauf
       
       Nur ein paar Monate später, am 25. April 2026, starten die beiden größten
       bewaffneten Gruppen Malis [1][eine Großoffensive]: Das Tuareg-Bündnis FLA
       (Front für die Befreiung von Azawad), das im Norden Malis einen
       unabhängigen Staat gründen möchte, und die islamistische JNIM (Gruppe für
       die Unterstützung des Islams und der Muslime), eine international vernetzte
       Terrororganisation, die einen islamistischen Gottesstaat in Mali anstrebt.
       Sie greifen gemeinsam Malis Militärregierung an, die von Kämpfern aus
       Russland unterstützt wird.
       
       Am Rande der Hauptstadt Bamako lenkt ein Selbstmordattentäter ein mit
       Sprengstoff beladenen Wagen in das Haus von Verteidigungsminister Sadio
       Camara. Er stirbt bei der Explosion. Wenig später marschieren Kämpfer in
       mehrere Städte ein. Das russische Kontingent zieht sich geschlagen aus
       Kidal zurück. Von Malis Präsident Assimi Goïta ist zunächst nichts zu
       sehen. Aus Angst, auch Opfer eines Anschlags zu werden, wagt er tagelang
       keinen öffentlichen Auftritt.
       
       Es ist ein beispielloser Triumph der Gegner des malischen Staates. Eine
       weitere Eskalation in einer immer verworreneren nicht enden wollenden
       Krise. Nana Coulibalys Traum, dass auf die Biennale in Timbuktu bald eine
       in Kidal folgt – er ist verpufft.
       
       Die Sängerin meldet sich Anfang Mai per Whatsapp. „In Mali wird es niemals
       Frieden geben“, sagt sie. Dann schickt sie ein Foto. Darauf ist ein beiger
       Rucksack zu sehen, zwei Stofftaschen, eine aufgerollte grüne Matte, drei
       Decken. „Das ist alles“, sagt sie über die Dinge, die sie aus ihrer
       Heimatstadt mitnehmen konnte. Coulibaly hat sich in „die Wildnis“ gerettet,
       wie sie schreibt.
       
       ## Himmel in Orange
       
       Der Norden Malis liegt in der Sahelzone, dem „Ufer der Wüste“, wie es auf
       Arabisch heißt. Der Landstrich, der sich quer über den afrikanischen
       Kontinent erstreckt, markiert den Übergang der Sahara im Norden in die
       Savannen im Süden. Eine Wildnis eben, in der der Wind mitunter so viel Sand
       durch die Luft treibt, dass der Himmel orange glüht.
       
       Auch auf dem zweiten Bild, das Coulibaly schickt, ist der Himmel orange
       gefärbt. Die Sängerin sitzt auf einem Teppich auf der Erde. Vor ihr: ein
       unverputzter Verschlag ohne Tür. Sie nutzt ihn mit ihrer Familie – fünf
       Quadratmeter für sieben Seelen.
       
       „Schüsse haben mich aus dem Schlaf gerissen“, erinnert sich Coulibaly an
       den Sturm auf Kidal. Sie stand auf, öffnete das Tor ihres Anwesens einen
       Spalt und blinzelte auf die Straße. „Ich sah malische Soldaten herumlaufen.
       Sie versuchten, sich bei Zivilisten zu verstecken. Sie hatten so große
       Angst.“ Coulibaly verschanzte sich mit ihrer Familie in ihrem Haus.
       
       Sie hörte Drohnen surren. Kampfflugzeuge warfen Bomben ab. „Die Wände
       bebten.“ Als sechs Stunden später Stille einkehrte, wagte es die Frau
       nochmals, auf die Straße zu schauen. Dort patrouillierten nun Männer der
       FLA. Sie sah auch Kämpfer von JNIM. Zwei Tage lang trauten sich Coulibaly
       und ihre Familie nicht aus dem Haus. Am dritten Tag flohen sie. „Auf den
       Straßen lagen Leichen“, schreibt sie. „Dieser Geruch!“
       
       In den Worten der Frau, die auf der Biennale in Timbuktu noch so
       hoffnungsvoll wirkte, klingt vor allem eines durch: Resignation. „Ich werde
       nicht nach Kidal zurückkehren können“, schreibt sie. „Die Menschen in Mali
       wollen keinen Frieden.“
       
       Der malischen Armee gelingt es kurz nach der Offensive, [2][die Lage in
       Bamako zu beruhigen]. In Kidal jedoch herrschen jetzt wieder die Rebellen.
       
       ## Er nennt es „Schicksalsschlacht“
       
       Colonel Hamed-Rhissa Ag Mohamed Assaleh schickt ein Foto aus dem Norden
       Malis. Eine Düne am Horizont, davor eine Ebene aus gelbem Sand. Es ist Ende
       Juni, der Oberst der Tuareg-Rebellengruppe FLA steht im Schatten eines
       Dornenbaumes. Er trägt einen beigen Turban, eine schwarze Sonnenbrille,
       einen Kampfanzug in Wüstentarn. Hinter Assaleh: sechs seiner Männer. Um
       ihre Hälse baumeln Maschinengewehre und Patronengürtel. Am Rande des Fotos
       schultert ein Kämpfer einen Raketenwerfer.
       
       „Kidal war für uns eine Schicksalsschlacht“, sagt Assaleh in einer
       Sprachnachricht. „Unser Ziel ist nun die Befreiung jedes Fleckens von
       Azawad.“ Mit Azawad meint er ein Territorium, das die Mitglieder der
       Tuareg-Rebellengruppen für sich und ihr Volk beanspruchen.
       
       Assalehs Forderungen haben eine lange Geschichte. Als die französischen
       Kolonien in Afrika um 1960 unabhängig wurden, hofften einige Tuareg-Clans
       auf einen eigenen Staat. Doch im ehemaligen Französisch-Westafrika wurden
       einfach die bestehenden Verwaltungsgebiete in unabhängige Staaten
       verwandelt, deren Regierungen sich kaum um die Interessen der Menschen
       fernab der Hauptstädte scherten, vor allem in den Wüstengebieten, wo
       Staatsgrenzen kaum eine Rolle spielen. Und so erhoben Tuareg in der kurzen
       Geschichte der Republik Mali vier Mal die Waffen: 1963 und 1990, 2006 und
       schließlich 2012. Auch im benachbarten Niger gab es Tuareg-Aufstände.
       
       Assaleh schloss sich dem Tuareg-Widerstand 1983 an. Er ist ein Veteran in
       den Rängen der Rebellion. „Wir wollen einen unabhängigen Staat aufbauen, in
       dem sich die Bevölkerung Azawads selbst regiert, in dem Meinungsfreiheit
       herrscht, in dem Menschen selbst über die Reichtümer ihres Bodens
       verfügen“, fasst er die Ziele der Separatisten zusammen.
       
       ## Klimakrise befeuert den Konflikt
       
       Neben dem Dornenbaum auf dem Foto Assalehs steht auch ein Dornenbusch.
       Dornen liegen auch im Sand. Sie sind mehrere Zentimeter lang. Einige
       Pflanzen im Sahel werfen sie ab, damit Tiere ihren Stämmen nicht zu
       nahekommen. Der Sahel ist von Dürren geplagt. Auch Ressourcenmangel und
       Klimakrise befeuern die Konflikte in diesem Landstrich, in dem selbst Bäume
       und Büsche auf Waffen setzten, um zu überleben.
       
       2012 gelang es den Tuareg-Rebellen, im Norden Malis mehrere Städte
       einzunehmen. Allerdings waren sie mit radikalen islamistischen Gruppen
       verbündet, die ihnen militärische Schlagkraft verliehen. Die führten in den
       eroberten Gebieten schnell eine harte Version des islamischen
       Scharia-Rechts ein. Frauen wurden diskriminiert, Musik verboten, Dieben
       Hände abgehackt. In Timbuktu zerstörten sie Relikte der mittelalterlichen
       Hochkultur. Damals zerbrach die Rebellion daran: Viele Tuareg-Rebellen
       waren religiös-moderat.
       
       Doch die Islamisten setzten sich als stärkerer Flügel durch und breiteten
       sich fast im ganzen Sahel aus – trotz einer Intervention der früheren
       Kolonialmacht Frankreichs, die Malis Norden 2013 zunächst weitgehend
       zurückeroberte. Die Tuareg ließen sich 2015 auf einen Friedensvertrag ein.
       Malis Regierung versprach ihnen mehr Investitionen in den Norden und
       Selbstverwaltung in den Regionen Timbuktu, Kidal und Gao.
       
       Eine Stabilisierungsmission der UNO, an der sich [3][auch Deutschland
       beteiligte], sollte das absichern. Frankreich, das weiter Islamisten in der
       Wüste bekämpfte, setzte sich zudem dafür ein, dass [4][die Tuareg-Rebellen
       Kidal weiterhin kontrollieren] können. Ein gewichtiges Zugeständnis: Kidal
       war stets die Hochburg der Tuareg-Aufstände, die natürliche Hauptstadt
       Azawads.
       
       ## Keine historische Vorlage
       
       Doch in den Territorien, die Assaleh und seine Männer beanspruchen,
       stellten Tuareg in der jüngeren Geschichte Malis nie eine
       Bevölkerungsmehrheit. Es gibt auch keine historische Vorlage für ein
       Konstrukt namens Azawad. Selbst die beklagte Tuareg-Marginalisierung ist
       zumindest umstritten, da Tuareg mitunter hochrangige Posten in malischen
       Institutionen einnehmen – wenn auch aus anderen Tuareg-Clans als denen, die
       das Rückgrat der FLA bilden. All dies trug dazu bei, dass viele Menschen in
       Mali die Friedensregelung mit den Separatisten ablehnten.
       
       Da sich auch der Terror der Islamisten weiter ausbreitete – nicht nur in
       Mali, auch in Niger und in Burkina Faso – kam es 2020 in Bamako erst zu
       Massenprotesten, dann zu einem Militärputsch. Die Soldaten um [5][Malis
       Putschistenführer Assimi Goïta] erklärten die Separatisten zu Terroristen
       und kündigten den Friedensvertrag auf. Die UN-Mission musste abziehen,
       Frankreich auch. Statt auf westliche Staaten setzte Goïta auf russische
       Söldner der Wagner-Gruppe, die heute Afrikakorps heißt. Sie nehmen bei der
       Terrorbekämpfung wenig Rücksicht auf Menschenrechte. Moskau lieferte auch
       schwere Waffen.
       
       Maximale Härte. Große Teilen der Bevölkerung bejubelten sie. [6][Die
       Rückeroberung Kidals] durch die Regierungsarmee mit russischer Hilfe Ende
       2023 wurde zu einem Symbol für die neue territoriale Integrität der
       Republik. Zuletzt nahm gar die Zahl getöteter Zivilisten ab.
       
       Doch dann kam der 25. April 2026. Alles zurück auf null.
       
       ## Die neue Flagge weht
       
       An einem Kreisverkehr in Kidal ragt eine Skulptur in den Farben der
       malischen Flagge in den Himmel: Grün, Gelb, Rot. Auf der Spitze flattert
       seit April eine neue Fahne, die auch noch einen schwarzen Streifen hat: die
       Flagge Azawads, gehisst von der FLA. Das Schwarz symbolisiert die
       beschwerliche Geschichte der Tuareg.
       
       Oberst Assaleh hat eine hypnotische Stimme in seiner Sprechnachricht. Ein
       tiefer Grundton, singende Höhen. Er spricht langsam, macht dramatische
       Pausen. Als er von der Schlacht um Kidal spricht, klingt er triumphal. „Der
       Feind hat seine gesamte Feuerkraft eingesetzt – moderne Waffen, Panzer,
       alles“, erinnert er sich. „Aber wir waren entschlossener.“
       
       Von den 500 Kämpfern, die in diese Schlacht zogen, seien rund 200 gefallen,
       sagt Assaleh. Dabei lässt er nicht unerwähnt, dass die 500 russischen
       Söldner in der Stadt am Ende um freies Geleit gebeten hätten. Sie zogen
       sich kampflos in das weiter südlich gelegene Anéfis zurück. „Entscheidend
       für unseren Sieg war unsere Willenskraft.“
       
       Entscheidend war aber auch, dass sich die bewaffneten Tuareg wieder mit den
       bewaffneten Dschihadisten zusammengetan hatten. Die Grenzen zwischen
       Islamisten und Tuareg-Separatisten waren stets durchlässig. JNIM-Chef
       [7][Iyad ag Ghali] ist ein ehemaliger Tuareg-Rebellenführer, der sich
       islamistisch radikalisierte. Nun haben sich beide Gruppen weiter
       angenähert. „In der FLA sind wir zu 100 Prozent dem Islam verpflichtet“,
       bestätigt Oberst Assaleh: „In der Rechtsordnung von Azawad wird die Scharia
       gelten.“ Die radikalen Islamisten sollen ihrerseits einer moderaten
       Auslegung der Scharia zugestimmt haben – ohne Amputationen und öffentliche
       Hinrichtungen wie früher.
       
       ## Ziel: weitreichende Autonomie
       
       Viele Kämpfer von JNIM sind ohnehin einfach junge Männer, denen es an
       ökonomischen Perspektiven fehlt. Mittlerweile ist gar davon die Rede, dass
       die Gruppe erwägt, sich von al-Qaida loszusagen. Die Tuareg-Separatisten
       der FLA sind Experten zufolge wiederum von der Forderung einer völligen
       Unabhängigkeit Azawads abgerückt – weitreichende Autonomie innerhalb einer
       islamischen Republik Mali würde ihnen reichen.
       
       Oberst Assaleh gibt sich beim Gespräch im Juni siegesgewiss. Timbuktu, Gao
       – die nächsten Ziele seien klar, sagt er. „Die Planungen für die Offensiven
       abgeschlossen.“ Und tatsächlich: Es dauert nicht lange.
       
       ## Wieder ein Video, wieder eine Offensive
       
       Es ist der 5. Juli. Das Tackern von Maschinengewehren hallt über die Wüste,
       dazu Rufe: „Allahu Akbar“. In der Ferne, am sandgetränkten Himmel, flackert
       etwas Dunkles in der Luft. Es ist laut der FLA, die dieses Video
       verbreitet, ein russischer Hubschrauber. Das Gerät dreht sich um die eigene
       Achse, kommt dem Boden immer näher. Der Helikopter verschwindet hinter
       einer Düne. Sekunden später steigt schwarzer Rauch auf. [8][Die zweite
       koordinierte Großoffensive der Rebellen ist im Gange.]
       
       Gao, Sévaré – der malischen Armee gelingt es, die Angreifer weitgehend
       abzuwehren. Nur in Anéfis, wohin sich im April die russischen Söldner aus
       Kidal zurückgezogen hatten, scheitern sie. Die Stadt ist ein strategischer
       Verkehrsknotenpunkt auf der Straße, die von Kidal durch die Wüste nach
       Süden Richtung Gao führt. Die FLA überrennt mehrere Vorposten, übernimmt
       eigenen Angaben zufolge die Kontrolle über die Stadt. Die Söldner ziehen
       sich in ihr Militärcamp zurück. So wie damals in Kidal – kurz bevor sie um
       freies Geleit baten.
       
       Der abgeschossene Hubschrauber war angeblich als Verstärkung für das Camp
       gedacht. In einem zweiten Video ist auch das Wrack zu sehen. Flammen,
       rauchendes Metall, zwei bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Körper.
       
       Mehrmals schickt Malis Armee Militärkonvois aus Gao nach Anéfis, die in
       Hinterhalte geraten. Es dauert fast eine Woche, bis sie die Stadt
       zurückerobern. Dutzende, wenn nicht Hunderte Kämpfer sind bei der Schlacht
       um Anéfis auf allen Seiten gefallen.
       
       ## Brachiales Vorgehen der Militärs
       
       Im Norden Malis ist die Militärregierung in Bedrängnis, aber die ferne
       Hauptstadt Bamako schützt sie mit enormen Ressourcen, das ist unübersehbar.
       Motorräder, Pick-ups mit Soldaten, Truppentransporter fahren ständig durch
       die Stadt. An strategischen Punkten stehen Soldaten hinter aufgebockten
       Maschinengewehren: Kaliber 12,7 mm. Selbst Panzerwagen sind in Bamako
       unterwegs. Die Militärregierung geht auch immer brachialer gegen ihre
       politischen Gegner vor. Mitte Juli beschließt sie eine Gesetzesnovelle, die
       es ihr ermöglicht, ihren Kritikern die Staatsangehörigkeit zu entziehen.
       
       Mehr noch als die ideologische Annäherung eint JNIM und FLA der gemeinsame
       Feind: die zusehends autokratisch auftretende Putschistenregierung in
       Bamako, vor allem aber die russischen Söldner. Internationale
       Organisationen werfen ihnen in ihrem Kampf gegen den Terror [9][Verbrechen
       gegen Zivilisten] vor, Vergewaltigung, Folter, Mord.
       
       Mittlerweile ist gar vom Einsatz völkerrechtlich geächteter Waffen die
       Rede. „Die malische Armee und ihre russischen Partner haben bei ihren
       Angriffen auf Azawad Streumunition eingesetzt“, sagt Assaleh. Im
       vergangenen Jahr waren die malische Armee und russische Söldner laut der
       Analystengruppe Acled für viermal so viele zivile Opfer verantwortlich als
       ihre Gegner.
       
       Die FLA verbreitet in diesen Tagen ein furchterregendes Foto, das aus der
       Region Timbuktu stammen und ein Opfer der russischen Söldner zeigen soll.
       Darauf ist der abgetrennte Kopf eines Mannes zu sehen, die Sonnenbrille
       noch auf der Nase. Der Kopf liegt im Wüstensand, daneben seine
       abgeschnittenen Arme und Beine, drapiert zu einem Stern.
       
       ## Er sieht sich als Befreier
       
       Oberst Assaleh sieht sich angesichts dieser Verrohung nicht als Aggressor,
       sondern als Befreier. „Als wir in Kidal einmarschiert sind, wurden wir wie
       Söhne empfangen, die zu ihren Eltern zurückkehren“, sagt er.
       
       Doch es gibt Bewohnerinnen Kidals, die widersprechen. Auch die Sängerin
       Coulibaly. Dabei ist sie selbst Tuareg.
       
       ## Sie appelliert an den Frieden
       
       Anfang Juli lebt Coulibaly noch immer in „der Wildnis“, wie sie ihren
       Rückzugsort nach der Flucht aus Kidal nennt. Sie schläft unter freiem
       Himmel. In dem kleinen Verschlag, den sich ihre Familie teilt, ist nicht
       genug Platz. Und doch will sie nicht zurück nach Kidal. „Wir wollen nicht
       in Azawad leben“, schreibt sie. Ihre Familie stehe auf der Seite der
       Regierung.
       
       Separatisten mit begrenztem Anspruch auf ihr Territorium. Dschihadisten,
       die sich kompromissbereit geben, eine Regierung, die mit ihren Partnern für
       grausame Verbrechen verantwortlich gemacht wird. Die Krise in Mali wirkt
       auch so aussichtslos, weil es darin viel Grau und wenig Schwarz-Weiß gibt.
       Und keine klar überlegene Front.
       
       JNIM und FLA verfügen Schätzungen zufolge über 12.000 Kämpfer – zu wenige,
       um Territorien dauerhaft zu halten oder gar Malis Hauptstadt einzunehmen,
       aber zu viele, um den Krieg zu verlieren. Die Regierung ist auch mit
       russischer Hilfe derzeit nicht in der Lage, spektakuläre Offensiven ihrer
       Gegner zu verhindern.
       
       Nana Coulibaly sitzt auf einem blauen Teppich. Ihr rechter Fuß lugt unter
       ihrem Gewand hervor und wippt im Takt von Trommeln. Coulibaly macht in
       einem weiteren Video, das sie per Whatsapp schickt, was sie am liebsten
       tut: singen. Sie appelliert in dem Lied an alle Malierinnen und Malier, die
       ihr Heimatland verlassen haben. Sie sollten zurückkehren. Frieden stiften.
       Ein verzweifelter Hilferuf? Nach ein paar Zeilen senkt Coulibaly den Kopf.
       Als würde sie sich auf die Lippen beißen.
       
       11 Aug 2026
       
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