# taz.de -- Social-Media-Sucht: Schuld sind nicht nur die bösen Konzerne
> Wer Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche fordert, sollte sein
> eigenes Verhalten kontrollieren. Erwachsene sind hier oft kein gutes
> Vorbild.
(IMG) Bild: Nicht nur Kinder und Jugendliche, auch Erwachsene haben inzwischen ein problematisches Verhältnis zu ihrem Smartphone
Diese schrecklichen Social-Media-Konzerne sind wirklich, wirklich
furchtbar. Es ist ein Skandal, wie sie [1][unsere armen Kinder skrupellos
süchtig machen]. Dagegen muss doch jemand mal was tun. Gut, dass jetzt
endlich ein Gericht in den USA … äh, einen Moment bitte … Sorry, ich kann
mich gerade nicht auf den Text hier konzentrieren, weil ich schnell was
checken muss … ah, ja, da! Sehr schön! Meinem Cousin scheint’s im Urlaub
gut zu gehen. Seine Fotos auf Facebook sehen fantastisch aus.
Apropos Urlaub, was macht eigentlich der Merz? Steht bei Bluesky was? Seit
Merz weg ist, laufen die taz-Titel bei Insta leider nicht mehr richtig …
Okay, also, wo waren wir gerade? Ach so, ja, es ist natürlich gut, dass vor
einem Gericht in Kalifornien jetzt darüber verhandelt wird, ob Mark
Zuckerbergs Meta-Konzern seine Social-Media-Plattformen Instagram und
Facebook absichtlich so gestaltet, dass möglichst viele Jugendliche
möglichst lange hängenbleiben. Den Klägern kann man nur viel Glück
wünschen, weil die Social-Media-Sucht schon viel Unheil angerichtet hat und
die Opfer eine Entschädigung bekommen sollten. [2][Insbesondere Kinder aus
schwierigen Verhältnissen, denen sonst niemand hilft, brauchen mehr
staatlichen Schutz] vor der Gier der Techkonzerne.
Auch europäische Alternativen aufzubauen und zu fördern, wäre gut. Aber so
begrüßenswert alle Versuche sind, die irre Macht der Techkonzerne
einzuschränken: Es wäre zu bequem, nur auf Gerichtsurteile oder politische
Maßnahmen zu warten, zumal die Erfahrungsberichte nach dem
Social-Media-Verbot für Jugendliche in Australien nicht unbedingt
verheißungsvoll klingen. Viele scheinen die Sperren zu überwinden, andere
sollen noch mehr vereinsamt sein. Nein, wir müssen uns auch an die eigene
Nase fassen, die schon wieder vor einem Smartphone hängt. Auch für die taz
gibt es ein Social-Media-Dilemma.
[3][Einerseits kritisieren wir die Konzerne hart, andererseits füttern wir
sie täglich selbst mit unseren Inhalten] – und die viel gescholtenen
Algorithmen helfen bei der LeserInnenbindung. Weil auf Social Media eben
die meisten Menschen zu erreichen sind, lässt sich schwer darauf
verzichten. Im Privatleben wäre das etwas leichter.
Niemand kann das Rad zurückdrehen, Social Media wird nicht verschwinden.
Alle müssen den Umgang damit lernen – aber nicht nur Kinder, auch viele
Erwachsene. Wenn wir die Heranwachsenden schützen wollen, müssen wir als
Eltern, Tanten, Onkel, Großeltern besser darauf achten, was wir ihnen
täglich vorleben. Wer mit Kindern im Auto raucht, kann die Schuld auch
nicht allein auf die bösen Tabakkonzerne schieben – und den Kindern kaum
erklären, warum Rauchen schädlich ist.
Eigenes Verhalten ersetzt nicht staatliche Regulierung. Aber es hilft. Wer
das Handy öfter weglegt, hat auch mehr Zeit nachzudenken, sinnvolle
politische Vorschläge zu formulieren und vorzuschlagen. Auf Social Media
natürlich.
19 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lukas Wallraff
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