# taz.de -- Zu hohe Einkommen in Polen: Wenn Ärzte viel zu viel verdienen
       
       > Die polnische Bevölkerung ist schockiert über die Millionengehälter von
       > Krankenhausärzten. Nun deckelt Ministerpräsident Donald Tusk die Bezüge.
       
 (IMG) Bild: Werden von Abiturientinnen überlaufen: Polens Medizinakademien
       
       Die Augen des jungen Mannes folgen einem überall hin. Von Litfaßsäulen,
       Titelseiten, am Kiosk, auf dem eigenen Handy. Plötzlich war Dawid Kacprzyk
       eine öffentliche Person. Der Jungarzt mit dem Milchgesicht und dem
       verschmitzten Lächeln hatte neben seinem Job noch Zeit für politisches
       Engagement und ließ sich in den Stadtrat von Warschau-Ursus wählen.
       
       Als Politiker musste er sein Einkommen offenlegen. Obwohl sich die Polen
       schon an Spitzengehälter gewöhnt haben, die denen in Westeuropa in nichts
       nachstehen, verschlug ihnen das Jahreseinkommen des 28-Jährigen die
       Sprache: 1,6 Millionen Złoty (umgerechnet 370.000 Euro) allein im
       Warschauer Nordkrankenhaus. Kacprzyk, der sich noch in der Fachausbildung
       zum Anästhesisten befindet, war wegen Personalmangels zum Chef der
       Notarztabteilung ernannt worden und hatte mit der Klinikleitung „gut
       verhandelt“.
       
       Der Verdacht, dass es sich bei dem Millionengehalt um mehr als einen
       Einzelfall handeln könnte, erhärtete sich. Zwar hatten Polens
       Krankenhauschefs immer wieder geklagt, dass die Personalkosten fast das
       ganze Budget auffressen würden. Doch nach Jahren von
       „Weißen-Kittel-Streiks“ waren viele Polen auf diesem Ohr schwerhörig
       geworden.
       
       ## Spitzenverdienste bis zu 1,5 Millionen Euro
       
       Nun fanden Journalisten schnell heraus, dass das Einkommen des 28-Jährigen
       keineswegs die Spitze des Eisbergs war. Der Durchschnittsverdienst von
       Krankenhausärzten liegt zwar „nur“ bei umgerechnet bis zu 150.000 Euro
       jährlich, doch Spitzenverdienste von bis zu 1,5 Millionen Euro kommen auch
       vor.
       
       Der Warschauer Stadtpräsident Rafał Trzaskowski beauftragte sofort eine
       Untersuchung beim Nordkrankenhaus. Dabei kam heraus, dass Kacprzyk im Jahr
       2025 für jeden Tag, einschließlich Samstag und Sonntag, elf Stunden Arbeit
       abgerechnet hatte, darunter auch Stunden, in denen er sich politisch
       engagiert hatte. Zudem fand er noch Zeit, stundenweise in einer anderen
       Klinik zu arbeiten.
       
       In ganz Polen schwärmten Finanzexperten aus und überprüften die
       Ärzteeinkommen in staatlichen und städtischen Spitälern. Dabei flog auch
       ein Mediziner auf, der es fertiggebracht hatte, mehr als 24 Stunden Arbeit
       täglich abzurechnen. Die Empörung kochte immer höher, auch weil Versicherte
       oft monate- oder sogar jahrelang auf Termine bei Fachärzten oder auf
       Operationen warten müssen.
       
       Sie fordern nun eine Deckelung der Spitzenverdienste von Krankenhausärzten.
       Die rechtsnationale [1][Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS)],
       die von 2015 bis 2023 in Polen regierte, versucht aus dem Desaster
       politisches Kapital zu schlagen und beschuldigt lauthals die
       [2][Mitte-links-Koalition von Donald Tusk].
       
       ## Gesetz zum ärztlichen Mindestgehalt aus PiS-Zeiten
       
       Dabei war es die PiS-Regierung unter Mateusz Morawiecki, die Ende 2021 eine
       jährliche Steigerung des ärztlichen Mindestgehalts beschlossen hatte.
       
       Das Gesetz löste eine Spirale von Einkommenssteigerungen auf allen Ebenen
       aus. Am meisten profitierten Vertragsärzte, die in mehreren Kliniken
       anheuerten. „In der Covidzeit konnten Ärzte für eine einzige Nachtschicht
       bis zu 10.000 Zloty (knapp 2.000 Euro) einstreichen“, erläutert Bernard
       Waśko, Direktor des Nationalen Instituts für Gesundheit am Staatlichen
       Forschungszentrum für Hygiene.
       
       Premier Tusk griff die Forderung nach einer Deckelung der Spitzengehälter
       im öffentlichen Gesundheitssystem auf. Der Höchststundensatz für Ärzte
       solle künftig bei umgerechnet 55 Euro liegen, das höchste Monatseinkommen
       bei 17.700 Euro. „Das ist eine respektable Summe“, so Tusk. Die Regierung
       führte auch eine Arbeitszeitbeschränkung für Vertragsärzte auf höchstens 80
       Stunden pro Woche ein. Dies solle vor allem dem Schutz der Patienten
       dienen, so Tusk.
       
       Ein Nebeneffekt des Skandals ist die plötzliche Popularität des
       Medizinstudiums. Zehntausende Abiturienten – so viele wie nie zuvor –
       stürmen Polens Medizinakademien. Doch das Gesundheitsministerium sieht
       nicht mehr als 10.700 Medizinstudienplätze im ganzen Land vor.
       
       14 Aug 2026
       
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