# taz.de -- Komikerin Tülin Sezgin über Almans: „Frau Deutschland war großartig“
       
       > Erst wurde Tülin Sezgin Beamtin, dann berühmt mit Beamten-Comedy auf
       > Social Media. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben über ihr Leben zwischen
       > zwei Kulturen.
       
 (IMG) Bild: „Ich habe große Hoffnung in die Menschen. Wir werden das herumreißen – irgendwann, irgendwie“: Tülin Sezgin in Berlin
       
       Ein kleines Café [1][in Berlin-Kreuzberg] am Landwehrkanal. Tülin Sezgin
       hat noch nicht Platz genommen, da kreischen am Nebentisch schon die ersten
       Fans: „Wir arbeiten auch auf dem Amt. Alle lieben Sie!“ Tülin Sezgin war
       früher im Bezirksamt Berlin-Neukölln tätig, [2][als „Conny from the Block“]
       parodierte sie ihren Alltag als Beamtin und wurde damit schnell bekannt.
       Ein paar Selfies später setzt Tülin Sezgin sich hin und sagt: „Ich habe die
       nicht bestellt, wirklich.“ 
       
       taz: Frau Sezgin, worauf sind Sie vor allem stolz: auf Ihr Abitur, den
       deutschen Pass oder die Auszeichnung „Sonnenschein des Jahres“, die Ihnen
       während der Ausbildung als Hotelfachfrau verliehen wurde? 
       
       Tülin Sezgin: Am ehesten wohl auf mein Abitur, auch wenn mein Durchschnitt
       nur 3,1 war.
       
       taz: Das ist nicht wirklich gut. 
       
       Sezgin: Ja, und wenn mir jemand gesagt hätte, dass man mit 3,1 keinen
       Studienplatz kriegt, hätte ich mir vielleicht auch mehr Mühe gegeben. Aber
       da mir schon in der siebten Klasse die eigene Lehrerin erklärt hat, dass
       das nichts wird mit dem Abitur, bin ich schon stolz.
       
       taz: Was hat die Lehrerin denn gesagt? 
       
       Sezgin: Die hat ein paar Migra-Mädels gesehen, die sich geschminkt haben,
       und damit war ihr Urteil klar: Das sind Tussis aus Neukölln, die alles
       Mögliche im Kopf haben, aber bestimmt nicht die Schule. Dass das
       rassistisch war, ist mir aber erst sehr viel später klar geworden,
       eigentlich erst vor einigen Monaten. Da hatten wir eine Art Klassentreffen,
       allerdings nur mit dem Dutzend aus meiner Klasse, die [3][einen
       Migrationshintergrund] hatten. Wir haben uns über diese Lehrerin
       ausgetauscht und über die Schule, die uns Migrantenkinder alle in eine
       Klasse gesteckt hat – und damit dafür gesorgt hat, dass wir eine Clique
       wurden. Für den Rest der Schule waren wir die „Ausländerklasse“.
       
       taz: Sie haben gerade ein neues Buch veröffentlicht, das von Ihrem Leben
       zwischen zwei Kulturen handelt. Darin zählen Sie – als eine Botschaft an
       die Lehrerin von damals – genüsslich auf, welche Berufe die Kinder von
       damals heute haben: Architekt, Lehrerin, Bauingenieur, Modedesignerin,
       Geschäftsführerin. 
       
       Sezgin: Ja, aus all denen ist was geworden. Wir haben darüber geredet, wie
       viel schwerer wir es hatten. Ich will es mir jetzt gar nicht in der
       Opferrolle bequem machen, aber uns allen wurde gesagt: Das wird nichts.
       Abitur? Kannste vergessen!
       
       taz: Wie war das Gefühl bei diesem Treffen? Befriedigung, vielleicht sogar
       Triumph? 
       
       Sezgin: Ja, tatsächlich: Triumph. Genugtuung. Wir haben es geschafft. Wir
       haben es bewiesen. Und wir wünschen uns alle, wir könnten mit dieser
       Klassenlehrerin noch einmal sprechen und sagen, wie falsch es war, dass sie
       uns so abgestempelt hat. Wir waren halt pubertär und dann auch noch eine
       marginalisierte Gruppe. Wir haben nach Zugehörigkeit gesucht und uns
       gefragt: Was bin ich denn jetzt, bin ich deutsch? Bin ich türkisch? Bin ich
       beides? Was will ich sein?
       
       taz: Klingt anstrengend. 
       
       Sezgin: Ja, aber ab der zehnten Klasse wurde es besser. Da haben wir eine
       neue Lehrerin bekommen, die hieß – kein Witz! – Frau Deutschland. Und Frau
       Deutschland war großartig, die war das genaue Gegenteil. Die hat uns all
       diese Ängste wieder genommen, die hat uns gepusht und gesagt: Ihr macht das
       schon, ihr habt das Talent. War leider ein bisschen zu spät für ein
       wirklich gutes Abitur.
       
       taz: Später haben Sie eine Ausbildung in einem großen Hotel gemacht. Sie
       waren die einzige Auszubildende mit türkischem Background. Warum wurden Sie
       dort als „Sonnenschein des Jahres“ ausgezeichnet? 
       
       Sezgin: Weil ich so nett und witzig war.
       
       taz: War das Ihre Methode damals, [4][mit dem Rassismus] umzugehen? 
       
       Sezgin: Ich denke schon. Heute bin ich beruflich witzig, aber damals war
       das mein Überlebensmechanismus. Ich habe früh gemerkt: Wenn du lustig bist,
       kommst du anders an. Dann bist du nicht mehr die aus Neukölln, sondern eben
       die Lustige. Und dieser andere Blick auf mich, der hat mir nicht nur gut
       gefallen, der hat mich auch weitergebracht. Das ist ganz schnell ein
       Coping-Mechanismus geworden, also eine Bewältigungsstrategie, aber eben
       auch eine Überanpassung.
       
       taz: Wie äußerte sich diese Überanpassung? 
       
       Sezgin: Ich habe zum Beispiel sehr lange meinen Nachnamen falsch
       ausgesprochen, um es den Deutschen einfacher zu machen.
       
       taz: „Setzkin“ statt „ßässsginn“? 
       
       Sezgin: Genau. Ich habe auch selbst die diskriminierenden Witze gemacht,
       bevor es mein Gegenüber konnte. Klar, trinke ich keinen Alkohol, und morgen
       werde ich zwangsverheiratet, hahaha. Viele meiner Freunde sind ganz anders:
       Denen ist egal, wie die Deutschen sie sehen. Die sagen: Ich bleib so, wie
       ich bin.
       
       taz: Wann ist Ihnen die eigene Überanpassung bewusst geworden? 
       
       Sezgin: Sehr spät, eigentlich erst, als ich mit Ende 20 meine Ausbildung
       auf dem Amt begonnen habe. Da hatte ich plötzlich dieses Gefühl: Nein, du
       machst jetzt mal nicht alles mit, du musst dich nicht anpassen. Die
       Spezies, die du bist, ist auch eine besondere – und eine wertvolle für die
       Gesellschaft.
       
       taz: Man könnte also sagen, das Amt hat Ihnen den Humor ausgetrieben. 
       
       Sezgin: Sehr witzig. Ich würde sagen, dort habe ich einen anderen Humor
       gefunden. Ich kam ja aus der Dienstleistungsbranche, ich bin Hotelfachfrau,
       Eventmanagerin, Stewardess gewesen. An meinem zweiten Tag im Praktikum
       klingelt das Telefon, es ist zwölf Uhr und die Kollegin stellt das Telefon
       leise: Mittagspause! Das habe ich gar nicht verstanden. Wie kann man nicht
       ans Telefon gehen? Am Ende ist dieser Umgang, sich nicht totzumachen für
       die Arbeit, natürlich viel gesünder als die Serviceeinstellung, die ich mit
       ins Amt gebracht habe.
       
       taz: Diese Erfahrungen haben Sie dann in Instagram-Reels als Conny from the
       Block verarbeitet, so begann Ihre Karriere als Comedian. War Ihnen das in
       die Wiege gelegt? 
       
       Sezgin: Ich habe schon als Kind Huysuz Virjin imitiert, den berühmtesten
       türkischen Travestiekünstler. Ich habe mich verkleidet, mir Ketten
       umgehängt und habe Dragqueen gespielt. Spätestens in der Grundschule habe
       ich gemerkt: Wenn die Leute lachen, können sie mir nicht böse sein. Ich
       wurde dopaminsüchtig, würde ich heute sagen. Das hat auch in der Pubertät
       und beim ersten Job noch funktioniert: Mit Humor, ein bisschen sarkastisch,
       mit verstellter Stimme oder einem Dialekt, konnte ich Sachen sagen, die ich
       mich sonst nicht trauen würde.
       
       taz: Sie waren also schon als Teenagerin eine Comedian, Sie wurden aber
       erst als 35-Jährige erfolgreich damit. Warum mussten Sie so viele Umwege
       nehmen, um dahin zu kommen? 
       
       Sezgin: Ich glaube, weil mir nie bewusst war, dass es überhaupt einen
       Zugang zu dieser Welt für mich gab. Die Vorstellung, Künstlerin,
       Schauspielerin oder Schriftstellerin zu werden, war für mich als Kind
       vollkommen abwegig. Wir konnten bestenfalls „was Anständiges“ werden. Das
       haben unsere Eltern uns mitgegeben, denn die waren ja selbst auf der Suche
       nach Sicherheit in einem Land, das ihnen fremd war. Also wurden wir
       Lehrerin, Anwältin, Ärztin – oder eben wie ich Beamtin. Das war das
       Nonplusultra für meine Eltern. Wow, she made it! Deutscher geht es nicht.
       
       taz: Sie haben dann die Sicherheit einer Beamtenlaufbahn aufgegeben, um
       ganz als Schauspielerin und Influencerin zu arbeiten. Wie fanden Ihre
       Eltern das? 
       
       Sezgin: Mein Vater war komplett schockiert. Ich musste allerhand
       Überzeugungsarbeit leisten. Nur mit Instagram hätte ich ihn nicht
       überzeugt, aber als ich erzählen konnte, dass mir ein Buchvertrag angeboten
       wurde, hat er es verstanden. Wenn ich ihn heute anrufe, meldet er sich am
       Telefon mit: Hallo, meine Schriftstellerin. Oder: Hallo, meine
       Schauspielerin. Aber: Hallo, meine Content Creatorin, das würde ihm nicht
       über die Lippen kommen.
       
       taz: War es eine Befreiung für Sie, den Beamtenstatus aufzugeben, weil Sie
       dann als Conny from the Block kein Blatt mehr vor den Mund nehmen mussten? 
       
       Sezgin: Ich glaube schon. Ich habe mich zwar nicht bewusst zensiert, aber
       ich hatte schon ein paar Filter im Kopf. Als ich einmal krankgeschrieben
       war und darüber eine Instagram-Story gemacht habe, war das schon ein Thema
       bei den Vorgesetzten. Ich wurde grundsätzlich sehr unterstützt, weil
       relativ schnell klar wurde, dass Conny als Rekrutierungsmechanismus für das
       Amt funktioniert. Ich habe ja sogar offiziell Werbung für den öffentlichen
       Dienst gemacht.
       
       taz: Gut bezahlt hoffentlich. 
       
       Sezgin: Gar nicht. Ich habe jahrelang unbezahlte Werbung fürs Amt gemacht.
       Aber auch aus eigener Überzeugung, weil ich den Job wichtig finde. Ich
       denke auch heute noch, dass da die richtigen Menschen sitzen müssen an
       diesen Positionen, wo entschieden wird, ob jemand im Land bleiben darf, ob
       er arbeiten darf oder ob jemand Grundsicherung bekommt. Ich wäre auch gerne
       weiter Beamtin geblieben. Aber Amt in Teilzeit und daneben als Influencerin
       arbeiten, das war dann doch nicht möglich. Ich habe das sogar juristisch
       prüfen lassen, aber das ist eine große Grauzone. Deshalb habe ich
       irgendwann den Sprung gewagt.
       
       taz: Wie erklären Sie sich Ihren großen Erfolg als Amtsfluencerin? 
       
       Sezgin: Es gibt kaum etwas Deutscheres als eine deutsche Behörde. Jeder war
       schon mal auf dem Amt, jeder hat sofort ein Bild vor Augen. Aber wie es
       genau dort zugeht, das ist für Außenstehende eine Blackbox – und die öffne
       ich und präsentiere sie mit Humor. Dazu kommt noch, dass geschätzt die
       Hälfte meines Publikums selbst auf dem Amt arbeitet. In meinen Shows sitzen
       ganze Behörden nebeneinander im Saal, Teams machen ihre Betriebsausflüge zu
       mir. Die erkennen die Stereotypen, die ich darstelle, ob Gegen-alles-Gisela
       oder Tief-einatmen-Petra, denn die gibt es tatsächlich überall, ob im
       Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf oder in der Kreisverwaltung in Oberfranken.
       
       taz: Umgekehrt gefragt: Wie viele haben sich aufgeregt, dass eine
       Deutschtürkin es wagt, sich lustig zu machen über unsere schöne deutsche
       Bürokratie? 
       
       Sezgin: Niemand. Finde ich auch erstaunlich. Vielleicht liegt es daran,
       dass ich das wirklich sehr genau beobachtet habe – und diese Bürokratie
       trotz aller Probleme immer noch sehr liebevoll darstelle.
       
       taz: Welche Bürokratie ist schlimmer – die deutsche oder die türkische? 
       
       Sezgin: Die türkische, eindeutig. In der Türkei will man nicht aufs Amt,
       denn da ist das Machtgefälle größer. Die lassen es dich wirklich spüren,
       dass du am kürzeren Hebel sitzt.
       
       taz: Sie haben in der Gastronomie gearbeitet, waren Stewardess und Beamtin
       – alles Jobs, in denen man viel mit Menschen zu tun hat. Wo haben Sie am
       meisten über sich und Ihr Deutsch- und Türkischsein gelernt? 
       
       Sezgin: Ich glaube im Hotel. Denn einerseits gab es in diesem Riesenhotel
       mit sechshundert Mitarbeitern natürlich viele Migras, vor allem aus Vietnam
       und vom Balkan, ich war die einzige Türkin. Auf der anderen Seite gab es
       das internationale Publikum, und da habe ich das erste Mal gemerkt: Es ist
       okay, dass du beides bist – deutsch und türkisch. Im Hotel habe ich ganz
       viel mitgenommen, aber der Moment, in dem sich die Identitätskrise dann
       positiv verkehrt hat, der kam auf dem Amt.
       
       taz: Da haben Sie dann für sich festgestellt, was Sie im Buch so
       beschreiben: „Wir sind nicht halb. Wir sind doppelt.“ 
       
       Sezgin: Ich habe immer eine große Zerrissenheit gespürt. Noch heute bekomme
       ich eine Gänsehaut, wenn ich in der Türkei lande. Das ist kein bisschen
       nationalistisch, aber ich spüre eine große Sehnsucht nach diesem Land. Und
       dann freue ich mich, wieder zurückzukommen in meine deutsche Sicherheit.
       Auf dem Amt habe ich diese Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen endlich als
       Bereicherung verstanden. Dass ich nicht zweimal ein halber Mensch bin,
       sondern zwei komplette, vollständige Menschen. Ich habe einen Bachelor und
       einen Master, ich korrigiere die E-Mails des Chefs auf Rechtschreibfehler,
       jetzt nehme ich mir auch heraus, eine eigene Stimme zu haben und zu sagen:
       Nein, wir können die Bewerberin nicht deswegen ablehnen, weil sie ein
       Kopftuch trägt. Und nein, es ist auch nicht okay, dieses eine Wort zu
       benutzen, das du da immer benutzt für eine bestimmte Gruppe von Menschen.
       
       taz: Statt sich anzupassen, haben Sie Ihre Perspektive vertreten? 
       
       Sezgin: Ich habe entschieden, es positiv zu sehen, dass zwei Welten hier
       drin sind, komplett mit allem, mit Musik, mit Essen, mit Filmen, mit
       Werten. Dieses Doppeltsein ist eine Bereicherung, egal ob für Arbeitgeber,
       für die Gesellschaft, für Partnerschaften oder Freundschaften. Zugegeben,
       von der türkischen Welt fehlen mir viele Fetzen, mein Türkisch ist nicht so
       gut wie mein Deutsch, aber von der deutschen Welt fehlt mir auch immer mal
       was. Ich habe sehr an akuter Alman-Fomo gelitten.
       
       taz: Fomo steht für „Fear of missing out“. Was haben Sie befürchtet zu
       verpassen? 
       
       Sezgin: Wenn ich drüber nachdenke, habe ich die immer noch, die Alman-Fomo,
       die geht nicht weg. Mir fehlen immer noch Sprichwörter oder Redewendungen.
       Jahrelang habe ich gesagt: Geh mir nicht auf den Senker! Erst kürzlich habe
       ich erfahren, dass das „Senkel“ heißt. Und nee, der frühe Vogel schießt
       nicht tot. Ich kann einfach keine deutschen Redewendungen. Und ich kenne
       wenige deutsche Schauspieler.
       
       taz: Eine sehr berührende Stelle im Buch ist Ihre Erfahrung mit dem ersten
       Kitaessen als 5-Jährige. Es gab Leberkäse, nach dem Essen hatten Sie Angst,
       Sie könnten sich in ein Schwein verwandeln. 
       
       Sezgin: Diese Schweinefleisch-Experience, die kennen unglaublich viele
       Migras. Als Kind aus Versehen [5][Schweinefleisch] gegessen zu haben und
       dann zu denken: Oh Gott, ich werde sterben. Oder mindestens wächst mir ein
       Schweinerüssel. Darum ging es mir: Diese abstrakte Migrationsdebatte mal
       mit Leben, mit persönlichen Erfahrungen und Emotionen zu füllen.
       
       taz: Sie schreiben im Buch auch: „Deutschland kann ich vertrauen. Auf
       Almanya ist Verlass.“ Empfinden Sie das immer noch so, auch wenn [6][die
       AfD stärker wird?] 
       
       Sezgin: Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren aus politischen Gründen
       ein paar Ängste entwickelt. Ich habe feststellen müssen, dass meine Zweifel
       und Gefühle, die ich seit der Oberschule mit mir herumtrage, doch
       berechtigt waren: Es gibt in diesem Land einen tiefsitzenden Rassismus.
       Immer wenn ich mich zu sicher fühle, kriege ich einen rassistischen Spruch.
       Oder es passiert Hanau und ich denke: Bloß, weil ich anders aussehe, kann
       ich einfach so abgeknallt werden?
       
       taz: Sie haben sich einbürgern lassen zu einer Zeit, als es noch nicht
       möglich war für Türken, beide Staatsbürgerschaften zu behalten. Bereuen Sie
       es heute, dass Sie den türkischen Pass nicht mehr haben? 
       
       Sezgin: Ich frage mich schon: Wohin geht die Reise? Trotz alledem bin ich
       hier aufgewachsen und durch meine Eltern so geprägt, dass ich mir sage:
       Hier ist es immer noch besser und sicherer als irgendwo anders. Ich gebe
       allerdings zu: Ich habe [7][die doppelte Staatsbürgerschaft] beantragt und
       auch schon genehmigt bekommen, ich warte nur noch auf meinen türkischen
       Pass. Wenn die AfD hier regiert, glaube ich nicht, dass ich hier bleiben
       kann. Ob dann die Türkei das Land ist, in dem ich wirklich leben will, das
       weiß ich nicht. Ich kenne auch viele, die noch auf dem Amt arbeiten. Die
       fragen sich: Was mache ich, wenn mein Haus von einem AfD-Politiker geleitet
       wird? Dann muss ich Entscheidungen treffen und ausführen, die sich gegen
       meine eigenen Leute richten.
       
       taz: Die AfD würde wohl sagen: Aber Sie sind doch nicht gemeint, Frau
       Sezgin. 
       
       Sezgin: Ja, vielleicht, wahrscheinlich. Ich glaube auch, wenn jetzt hier
       ein AfD-Wähler sitzen würde, dass ich den rumkriegen würde. Dass der
       eigentlich ganz nett ist und ich ihn überzeugen könnte, dass Vielfalt eine
       gute Sache ist. Ich glaube, sogar Björn Höcke würde sagen, wenn er mir
       gegenübersäße: „Sie meinen wir überhaupt nicht, uns geht es nur um Ihre
       kriminellen Brüder und Schwestern.“ Ich habe zu lange die gute Ausländerin
       gespielt, um dem noch zu trauen. Also, um Ihre Frage zu beantworten: Ich
       habe keine Angst, aber ich fürchte, ich vertraue Deutschland nicht mehr.
       
       taz: Das klingt nicht gerade hoffnungsvoll. 
       
       Sezgin: Doch, ich habe große Hoffnung in die Menschen. Ich liebe die
       Menschen sehr. In meinen Shows sitzt das junge Mädchen mit Kopftuch neben
       einer 67-jährigen Sibylle, und wenn am Ende ein türkisches Volkslied läuft,
       dann tanzen alle miteinander. Das hat in Erfurt geklappt und in Dresden,
       überall. Wir Menschen werden das herumreißen – irgendwann, irgendwie. Daran
       glaube ich fest.
       
       16 Aug 2026
       
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