# taz.de -- Bremen erinnert an den Genozid: „Gedenken braucht Wissen“
       
       > Bremen erinnert an den Völkermord an Nama und Herero vor 120 Jahren.
       > Silke Seybold erklärt, wie das Übersee-Museum mit seinem Erbe aus der
       > Kolonialzeit umgeht.
       
 (IMG) Bild: Hamburger Hafen, um 1904: Fröhliche Soldaten schiffen sich gen Südwestafrika ein. Im heutigen Namibia begehen sie Völkermord
       
       taz: Frau Seybold, wieso ist ein in den Kolonialismus verstricktes Museum
       die richtige Institution, sich am Gedenktag für den Völkermord an Ovaherero
       und Nama zu äußern? 
       
       Silke Seybold: Ich denke, es ist gut, wenn sich dazu von vielen Seiten
       Stimmen erheben, auch die des Museums, in dessen Magazin nun mal die
       Gegenstände lagern, die Zeugen und Quellen sind für das, was damals
       passiert ist.
       
       taz: Sie erinnern an die vernichteten Völker? 
       
       Seybold: Also eine Nama-Sammlung in engerem Sinne haben wir nicht,
       abgesehen von historischen Fotografien.
       
       taz: Warum? 
       
       Seybold: Offenbar hatte die damalige Museumsleitung auf die Nama keinen
       Blick geworfen. Was wir hatten, waren Dokumente von Hendrik Witbooi…
       
       taz: … dem Nationalhelden des heutigen Namibia, der seit der Unabhängigkeit
       auf Geldnoten abgebildet ist. Sind die nicht im Nationalarchiv in Windhoek? 
       
       Seybold: Ja, [1][die wurden 1996 zurückgegeben.] In unserer
       gegenständlichen Sammlung betreuen wir dagegen etwa 300 Artefakte aus der
       Kultur der Herero. Da untersuche ich, wie sie hierhergekommen sind,
       natürlich mit dem Wissen von dem, was 1904 am Waterberg passiert ist und
       was die Folgen waren: Nach den Kämpfen, der Vertreibung in das wasserlose
       Sandfeld der Omaheke und Jahren in Konzentrationslagern waren 80 Prozent
       der Herero tot. Als die Überlebenden entlassen wurden, war nichts mehr
       übrig von ihrem früheren Leben. Man konnte nicht mehr mit seinen Rindern
       über die Weiden ziehen. Es gab noch nicht einmal mehr die traditionelle
       Kleidung. Deshalb ist es wichtig zu fragen, wie unsere Sammlung entstanden
       ist.
       
       taz: Wie ist sie entstanden? 
       
       Seybold: Der damalige Direktor, Hugo Schauinsland, hat früh geahnt, dass
       sich im heutigen Namibia etwas Einschneidendes ereignete. Deshalb hat er
       entschieden, die Kultur der Herero im Museum auszustellen – und, weil 1904
       noch fast keine Gegenstände der Herero im Museum waren, eine lebensgroße
       Figurengruppe aus Gips bestellt, die das Leben der Herero darstellen
       sollte.
       
       taz: Klingt nach Völkerschau. 
       
       Seybold: Genau! So nenne ich die auch immer – eine eingefrorene
       Völkerschau, die derart falsch inszeniert wurde, dass man sich noch heute
       dafür schämt. So sieht man auf den fotografischen Vorlagen der Figuren die
       wunderbare Lederkleidung der Herero-Frauen. Aber in der Ausstellung saßen
       sie jahrzehntelang fast nackt herum: Das Museum hatte nichts, um sie
       anzuziehen.
       
       taz: Und die Artefakte? 
       
       Seybold: Bei denen hatte man auch das Problem, dass nichts mehr da war, als
       man mit dem Sammeln beginnen wollte. Am Ende hat ein Missionar den Kontakt
       zu einem alten Menschen hergestellt, der die verschwundenen Dinge
       nachmachen konnte. Der hat einen großen Teil der frühen Herero-Sammlung des
       Museums, Töpfe, Milchschüsseln, viele Holzsachen, angefertigt.
       
       taz: Dann ist da die Herkunft mal unproblematisch. 
       
       Seybold: Man muss allerdings auch kritisch auf die Eingänge schauen, die in
       den 1950er Jahren ans Haus kamen, [2][insbesondere aus Ludwig Roselius'
       privatem Kolonialmuseum in der Böttcherstraße, das damals aufgelöst wurde].
       Das war natürlich lange nach dem deutschen Kolonialismus.
       
       taz: Aber in dessen Hochphase war sie doch zusammengetragen worden?! 
       
       Seybold: Genau. Es ist also entscheidend, Bestände nicht nur auf die Frage
       abzuklopfen, wann das Museum sie erworben hat. Es hat uns auch zu
       interessieren, woher sie stammen. Wir müssen den Gegenstand bis zu dem
       Moment zurückverfolgen, in dem er aus seinem ursprünglichen Kontext
       entfernt wurde.
       
       taz: Ist das möglich? 
       
       Seybold: Es ist schwierig: Der Kolonialzeit ist immanent, dass man Namen
       nicht notiert, sich für die konkrete Person nicht interessiert hat, der ein
       Gegenstand gehört hat. Mit Glück steht da dann in den Akten „Herkunft:
       Herero“. Für uns heißt das, wir müssen weiter hinschauen, weiter forschen,
       weil das Gedenken Wissen braucht. Es ist nötig, um das Trauma zu
       bearbeiten, das bis heute nachwirkt. Darin liegt unsere Verantwortung.
       
       9 Aug 2026
       
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 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Tageb%C3%BCcher_des_Hendrik_Witbooi
 (DIR) [2] https://kulturgutverluste.de/projekte/das-luederitz-museum-des-ludwig-roselius-kritische-ueberpruefung-eines-ns-bestandes-im
       
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