# taz.de -- Wiedervernässung im Donaumoos: Alle wollen sie Moor
       
       > Es werde nass, sprach Markus Söder und schreckte das Donaumoos auf. Fünf
       > Jahre später ist wenig passiert, und doch ist mancher optimistisch.
       
 (IMG) Bild: So könnte das Moor wieder aussehen: Michael Hafner, Geschäftsführer des Donaumoos-Zweckverbands, auf einer wiedervernässten Fläche
       
       Nein, ein Denkmal haben sie ihm hier noch nicht gesetzt, noch nicht einmal
       eine Gedenktafel angebracht. Doch genau hier war es. Ulrich Sorg zeigt auf
       die verwitterte Holzbank. Wer auf ihr sitzt, blickt Richtung Norden auf das
       bayerische Donaumoos: Äcker, Felder, Wiesen liegen dort unten. „Hier saß
       Söder“, erzählt Ulrich Sorg.
       
       Sorg spricht vom 4. Mai 2021. Es war ein Dienstag, ein windiger Tag, auch
       damals war der Himmel wolkenverhangen. Bayerns Ministerpräsident Markus
       Söder stieg auf den kleinen Hügel bei Langenmosen und verkündete ein
       Moorrenaturierungsprojekt beachtlichen Ausmaßes: 2.000 Hektar des
       Donaumooses würden innerhalb von zehn Jahren wiedervernässt werden, 200
       Millionen Euro sollte es dafür geben.
       
       Es war noch zur Coronazeit, Söder trug Maske. Er sprach von einer
       „pandemischen Herausforderung“, meinte jetzt aber den Klimaschutz. Es waren
       die Zeiten, als Söder seine umweltbewegte Phase hatte, als er im Münchner
       Hofgarten Bäume umarmte.
       
       Auch Norbert Schäffer, der Vorsitzende des Landesbunds für Vogel- und
       Naturschutz (LBV) und qua Amt nicht unbedingt ein CSU-Claqueur, war an dem
       Tag in Söders Entourage – und jubelte. „Wir sind begeistert von den
       Plänen“, hieß es in einer Pressemitteilung der Naturschutzorganisation,
       „und erwarten nun deren konsequente Umsetzung“.
       
       Söder-Hügel nennen die Donaumoosbewohner die Anhöhe bisweilen schon, wenn
       auch eher spöttisch. Denn sie selbst waren bei dem sehr kurzfristig
       anberaumten Termin nicht erwünscht. Wer dennoch kam, wurde am Fuße des
       Hügels abgewiesen.
       
       ## Die wollen uns versumpfen lassen
       
       Die Mösler, sagt Ulrich Sorg etwas später im Auto, seien ein misstrauischer
       Menschenschlag, „sehr beleidigungsfähig“. Es verwundert kaum, dass sich die
       Begeisterung bei der örtlichen Bevölkerung in Grenzen hielt. Einfach
       hierher zu kommen, ohne vorher mit den Leuten gesprochen zu haben, und dann
       über ihre Zukunft zu verfügen, das kam nicht gut an.
       
       „Versumpfen“ war die Vokabel, die bald darauf die Runde machte. Die wollen
       uns versumpfen lassen. Was hängen blieb, war: Das Donaumoos soll
       wiedervernässt werden. Dass es nicht um das gesamte Donaumoos ging, dessen
       Moorfläche 12.000 Hektar umfasst, sondern nur um 2.000 davon, ging unter.
       Auch dass das Projekt auf Freiwilligkeit beruhte.
       
       Sorg lenkt seinen Wagen nun direkt ins Moos. Der 75-Jährige, Vollbart,
       Brille, schwäbisches Idiom, ist längst pensioniert, aber das Donaumoos
       lässt ihn nicht los. Jahrzehntelang [1][beschäftigte sich Sorg als Beamter
       mit Moorschutz], lange hier vor Ort, später dann als Koordinator für den
       bayernweiten Moorschutz am Landesamt für Umwelt in Augsburg.
       
       Der Graben links neben der Straße sei einer der Hauptentwässerungsgräben,
       erklärt Sorg, er transportiere das Wasser in Richtung Nordosten – aus dem
       Moos hinaus und in die Donau hinein. Sorg biegt rechts ab in Richtung
       Ludwigsmoos.
       
       ## Der Boden sackt ab und CO2 wird frei
       
       An dieser Stelle ist vielleicht ein kleiner Einschub vonnöten, um zu
       erklären, warum die Aufregung um dieses Fleckchen Oberbayern gar so groß
       ist. Eine Fläche, die ungefähr so groß ist wie das nahegelegene Ingolstadt.
       Eine Fläche, auf der gerade mal 15.000 Menschen leben, nicht einmal halb so
       viele, wie bei Audi in Ingolstadt arbeiten. Aber eben auch eine Fläche, die
       es in sich hat. Oder besser gesagt, ihn: den Kohlenstoff, den das Moor
       bindet.
       
       [2][Das bayerische Donaumoos] ist mit seinen 12.000 Hektar das größte
       Niedermoor Süddeutschlands. Insgesamt gibt es in Bayern 220.000 Hektar
       Moorfläche, von denen 200.000 Hektar trockengelegt sind. Hiervon wiederum
       werden 120.000 landwirtschaftlich genutzt, der Rest sind überwiegend
       Moorwälder. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Donaumoos unter Kurfürst
       Karl Theodor urbar gemacht, sprich: mit Gräben entwässert.
       
       Um das neue Stück Land zu bewirtschaften, siedelte man hier Menschen aus
       ganz Süddeutschland an. Anfangs hatten sie es sehr schwer, auf dem
       ungewohnten Boden Landwirtschaft zu betreiben, jedoch ist dies seit Ende
       des [3][19. Jahrhunderts etwa durch angepasste Kartoffelsorten kein Problem
       mehr]. Was sich allerdings als Problem herausgestellt hat: Der trockene
       Torf zersetzt sich, wenn er mit Sauerstoff in Kontakt kommt. Die Folge: Der
       Boden sackt ab und CO2 wird frei. Und das im großen Stil.
       
       Moore findet man zwar nur auf 3 Prozent der Landfläche der Erde, aber sie
       speichern doppelt so viel Treibhausgase wie alle Wälder zusammen. Seit den
       ersten Messungen vor knapp 30 Jahren besteht an ihrer enormen Bedeutung für
       den Klimaschutz kein Zweifel mehr. In Deutschland sind trockengelegte Moore
       für rund 7,5 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Aus ihnen
       entweichen jährlich rund 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in die Luft,
       6,7 Millionen davon in Bayern und über 400.000 im Donaumoos.
       
       Noch schneller geht dieser Prozess freilich, wenn ein trockengelegtes Moor
       in Brand gerät. Wie tückisch und gefährlich Torffeuer sein können, hat man
       jüngst im belgischen Hohen Venn gesehen. Dass Handlungsbedarf besteht,
       darüber gibt es keinen Zweifel.
       
       Wie sehr der Boden in der Folge absinkt, ist im Donaumoos überall zu
       beobachten. Ulrich Sorg zeigt im Vorbeifahren auf die katholische Kirche
       von Ludwigsmoos. Acht Stufen führen hinauf zum Eingangsportal. Gebaut wurde
       sie seinerzeit ebenerdig. Auch die Keller vieler Wohnhäuser ragen aus dem
       Boden heraus.
       
       In der Mitte von Ludwigsmoos hat Sorg schließlich sein Ziel erreicht: den
       sogenannten Moospegel. Der Holzpfahl am Straßenrand wurde 1860 errichtet
       und zeigt die Moorsackung ab 1836 an. Bis 2014 waren es 2,90 Meter. Aktuell
       geht man von einem weiteren Verlust von 1 bis 3 Zentimetern im Jahr aus.
       Torf, der unwiederbringlich verloren ist. Die Torfschicht darunter ist
       allerdings noch 2, 3 Meter dick – in manchen Gegenden sogar noch dicker.
       Sie zu retten, darum geht es.
       
       Doch fünf Jahre nach Söders Aufschlag ist bei vielen Ernüchterung
       eingekehrt. Der einst so euphorisierte LBV etwa kommt nun zu dem Schluss,
       dass zwar erste Schritte getan seien, die Geschwindigkeit aber deutlich
       erhöht werden müsse. Im Donaumoos sind Stand Januar 2026 gerade mal 75
       Hektar wiedervernässt worden. Bayernweit waren es seit 2019 1.706 Hektar.
       Dabei hatte die Staatsregierung 55.000 Hektar bis 2040 als Ziel ausgegeben,
       darunter 20.000 Hektar landwirtschaftlich genutzten Boden.
       
       „Passiert ist in der Fläche also nichts“, ärgert sich Fachmann Sorg und
       spricht sogar von einer Verbrennung von Steuermitteln. 27 Millionen Euro
       seien von Umwelt- und Landwirtschaftsministerium seit 2021 ausgegeben
       worden – für 75 Hektar.
       
       Und die Grünen im bayerischen Landtag verlegten im Juni eine ihrer
       Fraktionssitzungen symbolträchtig ins Haus im Moor am Rande des
       Donaumooses. „Viel ankündigen, wenig umsetzen – das ist die bisherige
       Moorpolitik der Staatsregierung“, schimpfte dort Fraktionschefin Katharina
       Schulze. Und Patrick Friedl, Fraktionssprecher für Naturschutz, sagte:
       „Moorschutz geht nur gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten. Wer
       Flächen wiedervernässt, braucht Planungssicherheit, faire Vergütung und
       neue Einkommensquellen.“
       
       Ein Satz, wie ihn wohl auch Gerhard Dittenhauser unterschreiben könnte –
       obwohl er eher nicht zur Grünen-Klientel gehört. Denn Dittenhauser ist
       einer dieser Landwirte, auch wenn er genaugenommen gar nicht mehr als Bauer
       arbeitet. Den Hof, den er im Nebenerwerb geführt hat, hat er an den Sohn
       übergeben. Hauptberuflich ist er noch immer in der Landhandelsfirma seines
       Onkels angestellt, die Kartoffeln und Zwiebel vertreibt.
       
       ## Fehlendes Gesamtkonzept
       
       Es ist ein heißer Sommertag in diesem ohnehin rekordheißen Sommer.
       Dittenhauser steht in kurzen Hosen in seinem Büro und schaltet erst mal das
       Radio aus. Von seinem Fenster aus blickt er auf das Firmengelände, das
       derzeit einen ziemlich verlassenen Eindruck macht. Denn nur von November
       bis Mai werden hier am Standort in Grasheim im Donaumoos Pflanzkartoffeln
       verpackt und verladen.
       
       Dittenhauser ist hier so etwas wie der Sprecher der Kartoffelbauern. Als
       Vorsitzender der Interessensgemeinschaft (IG) Unser Donaumoos, die sich
       nach Söders Besuch gebildet hat, will er die Zukunft der Heimat nicht
       allein den Politikern überlassen.
       
       Auf keinen Fall möchte Dittenhauser den Eindruck entstehen lassen, die
       Kartoffelbauern des Donaumooses seien Blockierer. Er sei auch grundsätzlich
       für eine Wiedervernässung. „Wo es geht, unbedingt.“ Was ihm jedoch fehlt,
       ist ein Gesamtkonzept. „Wir brauchen eine komplette Überplanung, wir müssen
       wissen, wo wir wiedervernässen können, wo wir das Wasser zurückhalten
       müssen, wie wir ein effektives Wassermanagement hinkriegen.“
       
       Man müsse sich das Donaumoos wie eine Badewanne vorstellen, erklärt
       Dittenhauser, in die von überall Wasser hineinlaufe, von der aus es aber
       nur einen Abfluss in Richtung Donau gebe. „Und das möchten wir gern
       regulieren.“ Und zwar, betont er, nicht nur, indem man Wasser ablaufen
       lasse, sondern auch, indem man es zurückhalte, eventuell sogar in die
       Badewanne hineinpumpe.
       
       Aber in Sachen Gesamtkonzept sieht sich Dittenhauser von Politik und
       Behörden alleingelassen. „Unser Wasserwirtschaftsamt in Ingolstadt ist da
       sehr unzugänglich.“ Er habe jüngst einen Antrag gestellt, um einen
       Teilbereich des nötigen Wassermanagements durch ein Ingenieurbüro berechnen
       zu lassen. 70.000 Euro hätte das gekostet. Da habe es schon geheißen, das
       sei zu viel. „Von wegen 200 Millionen!“
       
       Aber so wie Dittenhauser findet, dass wegen Politik und Behörden nichts
       vorangehe, so schlägt natürlich auch den Landwirten Misstrauen entgegen.
       „Die Kartoffelbauern wollten nach meiner Einschätzung den Schein
       vermitteln, dass sie der Moorschutz interessiert“, sagt etwa Ulrich Sorg,
       „aber tatsächlich sollte mit dieser IG ein Gegengewicht etabliert werden,
       damit möglichst kein Hektar Moorboden nass gemacht wird“.
       
       Die gegenseitige Skepsis ist groß im Moos. Und zwischen allen Stühlen sitzt
       Michael Hafner. Der Geschäftsführer des Donaumoos-Zweckverbandes gehört zu
       denjenigen, an denen es hängenbleibt, vor Ort umzusetzen, was Söder bei
       seiner kurzen Visite ankündigte. Und der immer wieder mit der Frage
       konfrontiert wird, warum das nicht schneller geht. Hafner steht vor einer
       saftigen Weide am Westrand des Donaumooses, eine Rohrweihe fliegt vorbei,
       später auch noch ein Rotmilan. Weit hinten ziehen hellbraune Rinder durch
       das sumpfige Gras. Es sind Murnau-Werdenfelser, eine alte, besonders
       widerstandsfähige und für feuchte Standorte geeignete Rasse. Ein paar
       Dutzend sind es. Am Rand der Weide stehen Schilf und Rohrkolben.
       
       Das hier, Hafner zeigt hinter sich, sei ein Musterbeispiel für seine
       Arbeit. Baierner Flecken nennt sich der Ausläufer des Donaumooses, Flächen
       wie ihn hätte Hafner gerne noch mehr. 35 Hektar ist er groß. „Das ist schon
       eine gewisse Hausnummer.“ Ein Teil davon gehört schon seit 20 Jahren dem
       Zweckverband und ist an ein Neuburger Ehepaar verpachtet, dem auch die
       übrige Fläche gehört. Von April bis November lässt es hier seine Rinder
       weiden.
       
       Früher waren auch hier mal Kartoffeläcker und trockene Wiesen, durch die
       Wiedervernässung ist die noch relativ dicke Torfschicht geschützt, sodass
       der Baierner Flecken seinen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Aber auch für
       den Hochwasserschutz spielen solche Flächen eine wichtige Rolle. Bis zu
       300.000 Kubikmeter Wasser können hier bei einem Hochwasserereignis
       zurückgehalten werden, sodass tiefergelegene Flächen geschützt werden. Und
       dem Artenschutz kommt die Fläche ebenfalls zugute – als Lebensraum für
       seltene Tiere und Pflanzen, zum Beispiel wiesenbrütende Vogelarten.
       
       Aber natürlich sind bei aller Freude über den Baierner Flecken 2.000 Hektar
       noch mal eine andere Größenordnung. Und doch: Hafner freut sich über jeden
       kleinen Fortschritt. „Wir kaufen sehr viel“, erzählt er, „tauschen
       Grundstücke, haben im Donaumoos schon über 650 Hektar Eigentum.“ Von diesen
       hat man allerdings nur 200 seit Söders Ankündigung erworben. Und die Fläche
       ist nicht zusammenhängend, sondern zersplittert, sodass es einer
       gründlichen Flurbereinigung bedürfte, um hier überhaupt Gebiete
       wiedervernässen zu können.
       
       Hafner setzt aber auch auf eine psychologische Wirkung von Orten wie dem
       Baierner Flecken: „Es geht hier ein Wanderweg vorbei. Wenn die Leute da
       spazieren gehen, nehmen sie vielleicht auch wahr, dass das Ganze gar nicht
       so dramatisch ist, wie manchmal befürchtet wird.“
       
       Wenn das noch nicht genügt, dann lohnt sich ein Abstecher nach
       Weihenstephan. An der dortigen Hochschule forscht Matthias Drösler. Er ist
       der Mann, der in den Neunzigern zum ersten Mal durch Messungen belegte, wie
       hoch die Treibhausgasemissionen entwässerter Moore sind, und einer der
       profiliertesten Fachleute in Sachen Moore.
       
       ## Eine dieser Lösungen heißt Paludikultur
       
       „Ich möchte auf keinen Fall die Botschaft vermitteln, die Schwierigkeiten
       seien zu groß, um das Thema anzugehen“, sagt Drösler. Er sitzt am Kopfende
       des großen Besprechungstisches im Konferenzraum seines Instituts, reicht
       Kekse und hält nichts von Schwarzmalerei. Man dürfe keine lineare
       Extrapolation in die Zukunft vornehmen, sagt er. Heißt übersetzt: Es wird
       nicht im bisherigen Tempo weitergehen. Im Gegenteil: „Ich glaube, wir
       stehen am Anfang einer Exponentialkurve.“ Die Rahmenbedingungen hätten sich
       mittlerweile deutlich verbessert, sodass die Prozesse jetzt ins Laufen
       kommen könnten – schneeballartig.
       
       Nicht dass Drösler nicht auch Hürden sieht. Wie Gerhard Dittenhauser
       vermisst er das Gesamtkonzept für ein funktionierendes Wassermanagement.
       Und wie Ulrich Sorg findet er, dass eigentlich noch viel mehr Moorfläche
       wiedervernässt werden müsste, als es sich die Staatsregierung vorgenommen
       hat. „Natürlich gibt es Probleme, aber wir haben auch Lösungen.“
       
       Eine dieser Lösungen heißt Paludikultur. Das ist der Anbau von
       nachwachsenden Rohstoffen auf nassen Mooren, zum Beispiel Schilf oder
       Rohrglanzgras. Sie könnten, so die Hoffnung, Landwirten eine alternative
       Einnahmequelle eröffnen. Auf Demonstrationsflächen im Donaumoos untersucht
       die Hochschule gerade, welche Pflanzen sich besonders gut eignen, welche
       Auswirkungen eine Umstellung auf Paludikultur aufs Klima hätte.
       
       Denn, darin sind sich alle einig: Wenn Landwirte keine Kartoffeln mehr
       anbauen sollen, muss man ihnen eine Alternative bieten. Paludikultur lässt
       sich für alles Mögliche verwenden, etwa zur Herstellung von Papier oder
       Möbeln. Drösler nennt auch die „Wackenmatten“, ausrollbare Matten, die im
       vergangenen Jahr beim Heavy-Metal-Festival in Wacken erstmals verhinderten,
       dass die Besucher im Matsch versanken. „Es gibt inzwischen eine ganze Reihe
       von Produkten, die erprobt und marktgängig sind.“ Während Landwirte anfangs
       noch befürchtet hätten, keine Abnehmer für ihre Paludikulturernte zu haben,
       sei es mittlerweile eher so, dass Firmen nachfragten, ob die Landwirte
       ihnen auch wirklich die für die Produktion nötige Mindestmenge liefern
       könnten.
       
       Aber kann Paludikultur tatsächlich den Ertrag kompensieren, den Bauern
       bisher mit Kartoffeln erwirtschafteten? Auch hier ist Drösler
       zuversichtlich. Die Summen, die man angeblich mit Kartoffelanbau erreichen
       könne, seien oft übertrieben, denn die Kartoffelernte habe sehr hohe
       Schwankungen. Paludikulturen dagegen seien unkompliziert und lieferten
       stabile Erträge. „Der Aufwand bei der Paludikultur ist die Etablierung der
       Flächen, das Wiedervernässen. Aber das war’s dann. Das heißt: Man geht
       einmal im Herbst raus und erntet das ganze Zeug.“
       
       Ohne Förderung geht das natürlich trotzdem nicht. So habe das bayerische
       Landwirtschaftsministerium das Moorbauernprogramm aufgelegt, wonach
       Landwirte bei vollständiger Umstellung auf Paludikultur 2.200 Euro pro
       Hektar und Jahr bekommen – zwölf Jahre lang.
       
       Und es ist ja nicht so, dass allein Matthias Drösler allen Widrigkeiten zum
       Trotz dem Optimismus frönt. Fragt man Ulrich Sorg, fragt man Gerhard
       Dittenhauser, fragt man Michael Hafner, am Ende antworten sie in
       überraschender Einigkeit: Ja, ich bin zuversichtlich, dass wir das
       schaffen.
       
       Es ist die Einsicht, auf die sie bauen. Die Einsicht der Bauern, aber auch
       der anderen Akteure. Sie werde kommen, schon wegen der äußeren Umstände.
       Etwa weil sich Extremwetterereignisse häufen, die die Kartoffelernte
       zunichtemachen, während sie der Nachbar mit der Paludikultur unbeschadet
       übersteht. Oder weil möglicherweise die EU den Ackerbau auf Moorböden aus
       der bisherigen Förderung nimmt. Oder weil CO2-Zertifikate die
       Bewirtschaftung nassen Bodens lukrativ machen könnten. Oder schlicht, weil
       Bauern, wie Gerhard Dittenhauser sagt, über Generationen denken. Und noch
       in dieser Generation, so die Einschätzung der Landesanstalt für
       Landwirtschaft, wird ein Drittel der bayerischen Moorflächen wegen des
       Torfschwunds ohnehin nicht mehr nutzbar sein – sofern sich nichts ändert.
       
       5 Sep 2026
       
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