# taz.de -- Kein Platz im Restaurant für Willi: Der muss raus
       
       > Weil ein Gast meckert, verweist ein Kellner den schwer mehrfach normalen
       > Willi seines Restaurants. Das ist verboten, ändert aber erst mal nichts.
       
 (IMG) Bild: Auch wenn's verboten ist: Restaurants verweigern Menschen mit Behinderung manchmal einen Platz
       
       Als Familie mit Behinderungshintergrund lernt man, Situationen, in denen es
       zu Diskriminierung kommen könnte – wie etwa einen Restaurantbesuch – zu
       meiden. Man macht das, um andere Menschen nicht einzuschränken und um sich
       selbst vor Demütigung zu schützen.
       
       Neulich luden meine Eltern die Familie zur Feier ihres Hochzeitstages in
       einen Gasthof ein und wir beschlossen, dass Willi mit seinen 19 Jahren
       dafür nun eigentlich salonfähig genug sei. Er macht nicht mehr in die Hose,
       kommuniziert weitestgehend, ohne Brokkoli zu werfen, und er kann super am
       Tisch sitzen, besonders bei der Aussicht auf eine große Portion
       Bratkartoffeln.
       
       Es war ein herrlicher Tag. Wir kamen gut gerüstet mit reichlich Spielsachen
       und Wechselklamotten. Der Außenbereich war voll, aber der für uns
       reservierte Tisch lag ideal, ganz hinten in einem kaum besetzten, großen
       Raum.
       
       Nur leider schaffte ich es mit Willi nicht mal bis dahin. Er war gerade
       noch damit beschäftigt, sich im Lokal zu orientieren und mir auf den
       Tellern anderer begeistert lautierend zu zeigen, dass er auch gerne Pommes,
       Schnitzel, Kartoffeln, Pommes und Schnitzel essen wollte, als schon der
       Kellner kam, mit ausgestrecktem Finger auf ihn zeigte und die Worte „Der
       muss raus“ sprach. Ein Schock!
       
       ## Die Tränen waren schneller
       
       Gerade schaute mein Mann um die Ecke, um zu sehen, wo wir blieben. Er
       verstand meine Geste mit dem Finger über meinem Hals sofort: Abbruch
       Operation Familienausflug.
       
       Ich brachte noch ein klägliches „Warum“ heraus und erfuhr, dass es dem
       Kellner leid täte, aber ein Gast habe sich beschwert. Ich war nicht mehr in
       der Lage, darauf hinzuweisen, dass auch Willi ein Gast war. Die Tränen
       waren schneller. Außerdem musste der arme Willi, der jetzt zu seinem Opa
       und seinem Schnitzel wollte, davon überzeugt werden, nun doch lieber in die
       Pommesbude zu fahren.
       
       Meine ganze Familie hat dieser Vorfall tief getroffen. Ich hatte nicht
       schlecht Lust, den blöden Drecksladen an den [1][Social-Media-Pranger] zu
       stellen. Aber wenn die Kackeschlacht losgeht, trifft einen nur doch wieder
       die Hälfte davon selber. Ich hätte direkt im Restaurant jemanden gebraucht,
       der sich für uns einsetzt, statt zu glotzen. Aber das passiert nie.
       
       Ich schrieb dann nur einen Brief an die Geschäftsführung, mit der Bitte,
       anstelle eines Rauswurfs in solchen Fällen lieber eine Lösung zu suchen.
       Wir hätten letztlich auch zufrieden an einem Klapptisch hinterm Haus
       gegessen. Sollte allerdings die reine Anwesenheit eines Behinderten das
       Problem gewesen sein, bat ich darum, sowohl gut sichtbar vor dem Restaurant
       als auch auf der Website kenntlich zu machen, dass Menschen mit Behinderung
       nicht erwünscht sind.
       
       Ich wusste natürlich, dass niemand so ein Schild aufstellen darf. Aber gibt
       es das Hausrecht her, einen Willi so vor die Tür zu setzen? Ich googelte.
       Über die Klarheit der Rechtslage war ich mindestens so erstaunt, wie über
       den Fakt, dass ich das 19 lange Willijahre nicht wusste: Solange es nicht
       den Restaurantbetrieb unmöglich macht, ist es [2][laut
       Gleichstellungsgesetz streng verboten], einen Menschen aufgrund der Folgen
       seiner Beeinträchtigung rauszuwerfen – egal, wie er aussieht, zappelt,
       sabbert oder tönt!
       
       Wir sind also eindeutig [3][rechtswidrig diskriminiert] worden. Trotzdem
       ziehe ich keine Anzeige in Betracht, obwohl wir das Recht auf Entschädigung
       hätten – um die 1.000 Euro könnten drin sein. Aber behördlich werde ich den
       Vorfall jetzt wohl doch melden, besonders weil ich nicht mal eine Antwort
       auf meinen Brief bekommen habe. Es kann doch nicht sein, dass etwas, was
       uns so verletzt, am Verursacher völlig vorbeigeht.
       
       Immerhin planen die wehrhaften Betreuerinnen aus Willis Einrichtung eine
       angemessene Rache. Sie wissen jetzt, wohin sie demnächst mit der ganzen
       Gruppe mal richtig schön essen gehen. Die wirft keiner raus, das ist mal
       sicher.
       
       Wenn sie dann noch erfolgreich die [4][Zeche prellten], wäre ich quitt mit
       dem Scheißladen.
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Warum-Labubus-der-perfekte-Ragebait-sind/!6102923
 (DIR) [2] /Mit-Rollstuhl-in-der-S-Bahn/!6093060
 (DIR) [3] /Barrierefreiheit-in-Unternehmen/!6185338
 (DIR) [4] https://www.juraforum.de/lexikon/zechprellerei
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Birte Müller
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwer mehrfach normal
 (DIR) nord-kolumnen
 (DIR) Leben mit Behinderung
 (DIR) Diskriminierung
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Gleichstellung
 (DIR) Leben mit Behinderung
 (DIR) Diskriminierung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gesetz zu Barrierefreiheit: Es reicht nicht mal für die Klapprampe
       
       Die geplante Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes lässt viele
       Barrieren bestehen. Aktivist:innen und Fachleute verlangen
       Nachbesserungen.
       
 (DIR) Behindertengleichstellungsgesetz: Ein Gesetz, das Barrieren schützt
       
       Die vorgeschlagene Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes reicht
       Betroffenen nicht aus. Barrierefreiheit bleibt am guten Willen privater
       Unternehmen hängen.
       
 (DIR) Rekord bei Anfragen an Bund: „Diskriminierung ist ein wachsendes Problem“
       
       Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung verzeichnet einen
       Höchststand an Anfragen. Sie mahnt eine Reform der Rechtslage an.