# taz.de -- Tauben in der Stadt: Love Birds, hate birds
       
       > Stadttauben lösen starke Gefühle aus. Darum haben Menschen, die sie eklig
       > finden und jene, die Mitgefühl mit ihnen haben, mehr gemeinsam als sie
       > denken.
       
 (IMG) Bild: Alle starken Gefühle gegenüber den Vögeln könnten dieselbe Wurzel haben: Angst davor, selbst Taube zu werden
       
       Meine Mitbewohnerin hat mal eine Taube umgebracht. Sie flog in die Speichen
       ihres Fahrrads. Es war keine Absicht, und sie hat bis heute ein schlechtes
       Gewissen. Erstaunlich, denn eigentlich mag sie Tauben nicht und findet sie
       eklig.
       
       In Hamburg, wo wir wohnen, leben etwa 25.000 Tauben. Meine Mitbewohnerin
       ist nicht der einzige Mensch, bei dem sie sehr starke Gefühle auslösen. Ein
       taz-Kollege ärgert sich über Tauben, die auf seinem Balkon nisten und
       erzählt genüsslich von gebackenen mit Weizengrütze gefüllten Tauben aus
       seinem letzten Ägyptenurlaub: „Lecker!“.
       
       Andere Menschen haben starkes [1][Mitgefühl mit den Vögeln]. Sie teilen
       Bilder von zerrupften, abgemagerten und einbeinigen Tauben auf Telegram.
       Sie pflegen ehrenamtlich kranke Tauben, gehen für Taubenschläge
       demonstrieren und schreiben Nachrufe, wenn eine Taube stirbt: „Es tut mir
       so leid, dass ich dir nicht mehr helfen konnte, kleine Seele. Dein Leben
       hatte gerade erst begonnen, und doch musstest du schon so viel Leid
       tragen.“
       
       Meine Mitbewohner*innen machen sich über diese Leute lustig. Gehen die
       auch für obdachlose Menschen auf die Straße? Meine Mitbewohner*innen
       hassen Tauben.
       
       Keine*r will Taube sein 
       
       Mich jucken Tauben nicht so. Die Trauer über den Tod einer Taube auf
       Instagram finde ich befremdlich, den großen Ekel vor den so called „Ratten
       der Lüfte“ verstehe ich aber auch nicht. Ich behaupte, dass alle starken
       Gefühle gegenüber den Vögeln, Hass sowohl als großes Mitgefühl, dieselbe
       Wurzel haben: Angst davor, selbst Taube zu werden.
       
       Stadttauben sind nach 1945 arbeits- und obdachlos geworden, weil Menschen
       keine Verwendung mehr für sie hatten. Früher lebten sie in Taubenschlägen,
       waren Postboten, Fleisch- und Düngerlieferanten. Seit moderne Technik sie
       überflüssig machte, müssen sie in der Großstadt sehen, wo sie bleiben.
       
       Hier finden sie Futter (Pommes, Krümel, alte Döner), das sie nicht
       vertragen. Ihr in der Stadt präsenter Schiss ist eigentlich Durchfall. Weil
       sie so gezüchtet wurden, sind sie gezwungen, ständig zu brüten und immer
       wieder an denselben Orten zu nisten. Ein Freund aus England beobachtet gern
       Tauben in seinem Hof und nennt sie „abandoned proletarians of the bird
       world“.
       
       Das Problem mit der Tauben-Solidarität 
       
       Wir Menschen im Spätkapitalismus haben die neoliberale Ideologie der
       Selbstverantwortung gefressen und können uns nie sicher sein, ob wir noch
       versorgt werden, wenn wir morgen nicht mehr nützlich sind. Der Sozialstaat
       wird abgebaut und wir haben Angst.
       
       Vielleicht verlagern wir dieses berechtigte, aber unangenehme Gefühl nach
       außen auf die Tauben. Tauben eignen sich gerade für Linke wie meine
       Mitbewohner*innen, die ungern Menschen schlecht machen, zur
       Projektionsfläche. Sie wehren die Sorge, selbst Taube zu werden, ab, indem
       sie die Tiere als ihnen völlig unähnliche Balkonvollscheißer abwerten.
       
       Die extreme Empathie der Taubenfreund*innen ist etwas komplizierter zu
       erklären. Man könnte meinen, sie erkennen in ihrem Mitgefühl mit Tauben die
       Möglichkeit des eigenen Abstiegs an. Sie schreiben unter Bilder von
       zerfledderten Tauben [2][„Sie fühlen Schmerz wie du und ich“].
       
       Ich finde die Überidentifikation shady. Ich glaube, aus ihr spricht
       eigentlich Erleichterung, keine Taube zu sein – und Menschenhass. Erinnert
       ihr euch an das Plakat auf der Kundgebung für [3][Chico, der 2018
       eingeschläfert wurde], weil er zwei Menschen totgebissen hatte: „Für die
       Welt warst du nur ein Hund, für uns warst du die Welt“. Am Ende wollen
       extreme Tierempath*innen lieber mit Tieren in Beziehung sein, die sie
       bedauern und retten können, als mit Menschen beziehungsweise „der Welt“.
       
       Ich träume von einer Welt, in der Menschen, die Tauben lieben und solche
       die Tauben hassen, sich in ihrer Angst erkennen, die Mauern zwischen sich
       einreißen und endlich nach oben treten, um mit Schwärmen arbeitsloser
       Stadttauben über ihren Köpfen durch die Straßen zu ziehen, und eine Welt zu
       fordern, in der alle jederzeit in Stadtteilkantinen vegane, mit
       Weizengrütze gefüllte Broiler beziehungsweise artgerechte Körner speisen
       können.
       
       29 Sep 2026
       
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