# taz.de -- Konflikt um Stadttauben: Husch, husch, weg mit euch!
       
       > Das Taubenhaus am Berliner Bahnhof Südkreuz dämmt die Population von
       > Stadttauben ein. Jetzt will die Bahn es nicht mehr haben. Warum?
       
 (IMG) Bild: Etwas vollgeschissen, aber sonst gut in Schuss: Das Taubenhaus am Bahnhof Südkreuz
       
       „Entschuldige“, sagt Hanieh Razawi zu der Taube, die sie gerade von ihrem
       Nest genommen hat und in der Hand hält. Das grau gefiederte Tier bleibt
       ruhig, wahrscheinlich weil Razawi den richtigen Griff beherrscht,
       vielleicht aber auch, weil der Vogel die Frau kennt, die sich zusammen mit
       einem Team von rund 20 Freiwilligen täglich um ihn und bis zu 400 seiner
       Artgenossen kümmert. Die sie füttert, tränkt, bei Verletzungen aufpäppelt
       und die kleinen, weißen Eier, die die Weibchen regelmäßig legen, gegen
       Attrappen aus Kunststoff austauscht.
       
       Zumindest Letzteres ahnen die Tauben ganz offensichtlich nicht. Denn immer
       wieder sitzen sie im Taubenhaus am Berliner Südkreuz wochenlang auf den
       falschen Eiern, aus denen nie etwas schlüpft. Bis diese entfernt werden und
       sie irgendwann neue legen, die wiederum ausgetauscht werden. Razawi und die
       anderen HelferInnen tun das natürlich nicht, weil sie Tauben nicht leiden
       können, im Gegenteil. Sie wollen, dass es den Tieren so gut wie möglich
       geht. Das aber setzt voraus, dass sie sich nicht unkontrolliert vermehren.
       
       Das Problem mit Stadttauben: [1][Sie sind keine Wildtiere, sondern die
       Nachfahren entflogener Haus- oder verirrter Brieftauben] – Straßenhunde der
       Lüfte, wenn man so will. Weil ihnen einst ein Brutzwang angezüchtet wurde,
       vermehren sich selbst dann noch stark, wenn sie unter schlechten
       Bedingungen leben und mangelernährt sind – in der Großstadt oft der
       Normalfall. Weil sie von den Felsentauben abstammen, die natürlicherweise
       an Klippen brüten, suchen sie im urbanen Raum Nistplätze mit ähnlichen
       Charakteristika: zum Beispiel Nischen und Spalten in Bahnhofsgebäuden.
       
       Sogenannte Vergrämungsmethoden wie das Anbringen von Netzen und Spikes
       helfen dagegen nur leidlich. Die Tiere finden immer wieder Ausweichorte
       oder bauen ihre einfachen Nester einfach zwischen den Metallstacheln.
       [2][Das Ergebnis: kranke und verletzte Vögel] und kotübersäte Bahnsteige.
       Taubenhäuser wirken dem entgegen, indem sie sichere Orte schaffen,
       gleichzeitig aber die Fortpflanzung unterbinden. „Stadttaubenmanagement“
       nennt man so etwas auch.
       
       ## Bahn will nicht verantwortlich sein
       
       Am Bahnhof Südkreuz hat die Deutsche Bahn vor rund zehn Jahren Hanieh
       Razawi ermöglicht, ein Taubenhaus neben dem Busparkplatz vor dem
       Haupteingang aufzustellen. Der Taubenschlag mit den Ausmaßen eines
       Bauwagens, aber futuristisch anmutender Form, der einmal für ein
       Hochhausdach am Potsdamer Platz konzipiert worden war, steht auf einem
       kleinen, eingezäunten Gelände. Drinnen gurrt und flattert es, drumherum
       wachsen Sonnenblumen und Tomaten, ein kleines Idyll. Alles gut also? Nein:
       Die Bahn will das Haus nicht mehr haben. Bis spätestens Februar 2028 soll
       es abgezogen werden.
       
       Als die Grünen-Abgeordnete June Tomiak davon erfuhr, stellte sie eine
       parlamentarische Anfrage an die Senatsverwaltung für Justiz, die auch für
       Tierschutzfragen zuständig ist. Aus deren vor Kurzem veröffentlichten
       Antwort wird klar, dass weder das Land Berlin noch der Bezirk
       Tempelhof-Schöneberg den Abzug des Taubenhauses befürworten: „Bestehende
       positive Effekte auf die Tiergesundheit, den Tierschutz und eine
       Reduzierung der Taubenpräsenz in der Umgebung würden verloren gehen.“
       
       Dagegen scheint die Bahn, die von der Verwaltung ebenfalls um eine
       Stellungnahme gebeten wurde, fest entschlossen zu sein. Begründung: Das
       Gelände sei in ihrem Besitz, aber die Verantwortung für Stadttauben liege
       bei der öffentlichen Hand. Zudem befinde sich das Taubenhaus „in einem
       maroden Zustand und müsste umfassend saniert oder ersetzt werden“. Da biete
       sich eine Umsiedlung geradezu an. Die „großzügige Übergangsfrist“ lasse zu,
       dass „eine alternative Lösung im Zuständigkeitsbereich der öffentlichen
       Hand entwickelt und realisiert werden kann“. Eine erste Abstimmung mit
       allen Beteiligten habe bereits stattgefunden.
       
       ## Die Gründe bleiben unklar
       
       Hanieh Razawi hat gerade nach einem der wenigen Taubenküken gesehen, die im
       Taubenhaus aufwachsen – es handelt sich meist um Jungvögel, die irgendwo
       aus einem Nest gefallen sind und beim Verein abgegeben werden. Erfahrene
       „Ammen“ unter den Tieren im Schlag dürfen sie aufziehen und tun das auch
       ganz selbstverständlich. Hat das Taubenhaus tatsächlich sein Verfallsdatum
       überschritten und muss deshalb abgebaut werden? „Völliger Quatsch“, sagt
       Razawi, „es ist kein bisschen marode.“ Es gebe einige Stellen, die
       abgedichtet werden müssten, aber das dürfte nur einen Bruchteil des Betrags
       kosten, für den das Haus ursprünglich einmal hergestellt wurde.
       
       Tatsächlich sieht es so aus, dass die Metallkonstruktion noch stabil genug
       ist, auch wenn sie außen einmal eine Reinigung und einen neuen Anstrich
       gebrauchen könnte – Taubenkot ist eben Taubenkot. Ist das Objekt der Bahn
       aus ästhetischen Gründen ein Dorn im Auge, oder hat sie mit dem kleinen
       Teilgrundstück andere Pläne, mit denen sie Einnahmen generieren könnte?
       „Die Bahn hat uns nur gesagt, dass sie das Grundstück braucht“, sagt
       Razawi, „aber nicht, wofür.“
       
       Bei den Gesprächen mit dem Unternehmen, die es bereits gegeben hat, sei dem
       Verein einmal eine Ersatzfläche an der Warschauer Brücke angeboten worden.
       Man könne Tauben, die an einen Standort gewöhnt seien, aber nicht einfach
       umsiedeln, erklärt Razawi – die Vögel würden sich dann eben wieder im
       Bahnhof und auf den umliegenden Flächen aufhalten.
       
       Ein anderes Mal habe ein Bahnvertreter vorgeschlagen, das Taubenhaus in der
       bezirklichen Gartenarbeitsschule aufzubauen, ein paar Hundert Meter weiter
       auf der südlichen Seite der Stadtautobahn. „Er hatte das einfach gegoogelt
       und uns ausgedruckt.“ Abgesehen davon, dass es dort Konflikte mit den
       PächterInnen der angrenzenden Kleingärten geben könne, sei dieser Ort
       dunkel und abgelegen, so Razawi – keine Option für die Freiwilligen, die
       auch abends nach den Tauben sehen müssen. Am Südkreuz haben die
       MitarbeiterInnen manchmal Probleme mit den Obdachlosen, die sich dort
       aufhalten, aber die exponierte Lage des jetzigen Standorts und die
       Einzäunung geben ihnen ein ausreichendes Sicherheitsgefühl.
       
       Es gibt noch ein weiteres Element in diesem Konflikt: ein Präparat mit dem
       Namen Ovistop. Es handelt sich um eine „Taubenpille“ – Maiskörner, die mit
       dem Wirkstoff Nicarbazin überzogen sind, den die Geflügelindustrie zur
       Behandlung von Darmparasiten anwendet, der aber bekanntermaßen auch die
       Legeraten von Vögeln deutlich senkt. Auf Betreiben der Bahn wird der
       präparierte Mais seit Mai 2025 am Taubenhaus verfüttert, wo ihn auch die
       Tiere des im Bahnhof lebenden Schwarms fressen sollen.
       
       Einer Bahnsprecherin zufolge soll der Betrieb des Taubenhauses „nach
       vorliegenden Beobachtungen keine deutliche Verbesserung“ gegenüber der
       Ausgangssituation bewirkt haben. Dagegen könne seit dem Einsatz von
       Ovistop, der mit bezirklichen Veterinäramt abgestimmt sei, ein rückläufiger
       Trend der Bestände beobachtet werden.
       
       ## Aufwändige Beobachtung
       
       Das hält Hanieh Razawi für fraglich – schließlich könnten sich die im
       Schlag lebenden Vögel durch den Eiertausch nicht vermehren, und eine
       kontinuierliche Beobachtung der im Bahnhof lebenden Taubenkolonie sei
       extrem aufwändig. Die von der Bahn mit der Anwendung von Ovistop
       beauftragte Tierärztin sei viel zu selten in Berlin, um das zu
       gewährleisten. „Ich bin promovierte Biologin und arbeite im Pharmabereich,
       ich kenne mich mit klinischen Studien aus“, betont Razawi.
       
       Anfrage bei Victoria Adam, auf Vögel spezialisierte Veterinärin in
       Düsseldorf und Geschäftsführerin der Plumaris GmbH, die laut ihrer
       Webpräsenz „nachhaltiges und tierschutzkonformes Stadttaubenmanagement“ im
       Auftrag von Städten, Gemeinden und Unternehmen anbietet – durch Fütterung
       von Ovistop. Adam bekräftigt gegenüber der taz, die Maßnahmen am Bahnhof
       Südkreuz würden „regelmäßig gemonitort und tierärztlich begleitet“. Die
       dortige Population sei seitdem schon um 30 Prozent zurückgegangen.
       
       Der Tierärztin zufolge schließen sich die Gabe des Kontrazeptivums und der
       Betrieb des Taubenhauses nicht aus – das Medikament wirke ja auch bei den
       Tauben, die in schwer zugänglichen Bereichen des Bahnhofsgeländes brüteten
       und lediglich zum Fressen ans Taubenhaus kämen. Dass das Haus grundsätzlich
       zur Eindämmung der Taubenpopulation beiträgt, will Adam nicht bestätigen:
       Das sei „bis jetzt noch nicht wissenschaftlich bewiesen beziehungsweise
       untersucht“. Ihr zufolge sollen die Schwärme am Südkreuz in den anderthalb
       Jahren vor dem Einsatz von Ovistop sogar noch einmal „deutlich angewachsen“
       sein.
       
       Für Hanieh Razawi ergibt das keinen Sinn: „Wir tauschen im Jahr 1.400 Eier
       aus.“ Da Jungtauben schon im Alter von fünf Monaten fortpflanzungsfähig
       werden, mache das rund 3.000 weniger neue Tiere jährlich – „und 4,5 Tonnen
       weniger Kot, den die Bahn beseitigen muss“. Warum die Bahn auf diesen
       Service verzichten will, will ihr nicht einleuchten.
       
       Sie hält das Taubenmanagement durch Taubenhäuser für ein Zukunftsmodell,
       auch wenn es in Berlin aktuell gerade mal eine Handvoll davon gibt – bei
       geschätzt mehreren Zehntausend Stadttauben. Das Büro des Berliner
       Tierschutzbeauftragten teilt auf Anfrage allerdings mit, man habe
       festgestellt, dass es „sehr schwierig und häufig auch nicht möglich ist,
       weitere geeignete Standorte für Taubenhäuser in Problembereichen zu
       finden“.
       
       Die Tauben im Taubenhaus wissen von alledem natürlich nichts. Auch nicht
       „Wolfgang“ – einer der ältesten Vögel im Schlag und einer von wenigen,
       denen die HelferInnen einen Namen gegeben haben, denn mit seiner weißen
       Zeichnung hebt er sich von den meisten Artgenossen deutlich ab. Wenn das
       Taubenhaus keine Ersatzlösung in der direkten Umgebung findet, wird er wohl
       wieder im Bahnhof herumirren.
       
       20 Aug 2026
       
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