# taz.de -- Ausstellung von Niina Lehtonen Braun: Wo Wasser, Blut und Farben fließen
       
       > Sie tanzen durchs Feuer und baden im Eis: Niina Lehtonen Brauns Aquarelle
       > und Gouachen nackter Frauen in Aktion in der Schwartzschen Villa in
       > Berlin.
       
 (IMG) Bild: Niina Lehtonen Braun: „Wenn alles schwer ist und du keine Kraft mehr hast, brauchst du ein Parfüm und einen roten Lippenstift“
       
       Frauen. Sie sind auf jedem der großen und kleinen Aquarelle und Gouachen zu
       sehen, die Niina Lehtonen Braun dicht an dicht über zwei Wände in der
       Galerie Schwartzsche Villa verteilt hat. Man spürt noch immer das Wasser in
       den Pinselstrichen, mit denen [1][die finnische Künstlerin] ihre Figuren
       auf das Papier wirft. Skizzenhaft, spontan, so wirkt das. Hier kniet eine
       vor einem Ofen, neben sich Briketts, da tanzt eine durchs Feuer, eine
       grillt Würstchen, eine legt den Kopf mit geschlossenen Augen wie träumend
       auf die Wasseroberfläche. Unbekleidet sind sie alle.
       
       Die Fenster in der Schwartzschen Villa sind offen, von draußen hört man die
       Gäste des Cafés. Vielleicht, weil es gerade so warm ist, denkt man an ein
       Ferienlager für Frauen, die zusammen Feuer machen, baden und reden und
       reden. Denn in viele Blätter fließt Schrift mit ein, Deutsch und Englisch.
       Manchmal muss man nah rangehen, um lesen zu können, dass unter einer
       kleinen Figur, die über eine weite rosa Fläche geht, steht: „… auf dem Weg
       zur Strahlentherapie“. Manchmal muss man den Kopf in den Nacken legen für
       eine längere Erzählung über Menstruation und ihre quälende Trübung des
       Gemüts. Anderes scheint lustig: Über einer Frau, die sich lässig mit einem
       Rotweinglas auf den Ellbogen stützt, steht: „Ich habe die Ärztin gefragt,
       ob es ihr etwas ausmacht, wenn ich vor dem Einsetzen der Spirale etwas
       Wodka trinke“.
       
       Es ist eine intime Collage kollektiver Stimmen, die von Pubertät,
       Verhütung, Geburt und Krankheiten berichten. Oft geht es in den Texten um
       die Hindernisse, die Mädchen, jungen und alten Frauen, durch Konventionen,
       Vorurteile oder medizinische Institutionen in den Weg gelegt werden.
       Kontrollierende Instanzen, die als Fehler markieren, was sich im Laufe des
       Lebens eben so im Körper ereignen kann. Einzelne der Episoden sind deshalb
       traurig. Aber dem hält die Vielfalt der Bilder visuell eine Leichtigkeit
       entgegen. Jede Geschichte ist in dieser Gemeinschaft aufgehoben.
       
       ## Nah an ihrem Alltag
       
       Die 1975 in Helsinki geborene Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet,
       setzt in der Ausstellung „My Body is my studio“ ihr Projekt fort, nah an
       ihrem Alltag als Frau, Künstlerin, Tochter [2][und Mutter] zu arbeiten. Sie
       erkundet die Risse, die sich zwischen Erwartungen und Forderungen, die aus
       tradierten Rollenbildern resultieren, und dem lebbaren Alltag auftun; nicht
       nur allein, sondern auch in vielen Gesprächen mit Freundinnen und
       Verwandten.
       
       Das Ineinanderfließen der Geschichten nimmt im zweiten Raum der kommunalen
       Galerie in Berlin Steglitz eine weitere Gestalt an. Niina Lehtonen Braun
       übersetzt da ihre Aquarelle in einen neunminütigen Videofilm, „Being alive
       is just this leaking in and out“: Nach und nach werden Figuren aus ersten
       Strichen, Farbe fließt in die Binnenflächen, dann über das ganze Papier,
       Szenen entstehen und werden wieder fortgeschwemmt. Eine Frauenband taucht
       auf, aber auch verschneite Landschaften mit zugefrorenen Seen. Im Eisloch
       badet ein Kind, Frauen sägen an großen Stämmen. Reinigungsrituale deuten
       sich an. Dann wächst wieder ein Baum nach dem anderen über das Blatt,
       Birken und Tannen. Begleitet wird das von Geräuschen wie von Feuer und dem
       Fallen großer Tropfen.
       
       Dieser Bilderfluss mäandert durch Landschaften der Erinnerung, durch
       mythisches Gelände, streift Formen des Märchens und des [3][Comics]. Er ist
       eine Liebeserklärung an das Leben in Bildern, an die Verbindungen zwischen
       Realem und Geträumten, an die Möglichkeiten der Verwandlung. Das Wasser,
       mit dem Farben über die Flächen fließen, gibt diesem Bilderkosmos einen
       Hauch von Unendlichkeit.
       
       3 Aug 2026
       
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 (DIR) Katrin Bettina Müller
       
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